Wie sie Demokraten gerne hätten: Die Revolution personalisiert
Dies die spärlichen Erkenntnisse aus der neuen Trotzki-Biografie von Robert Service, die man wahrlich nicht gelesen haben muß: Näheres dazu hat David North von der World Socialist Website aufgeschrieben. Am Standardwerk, der Trotzki-Biografie von Isaac Deutscher, der eine ebenso gute Stalin-Biografie verfaßt hat, kommt man dagegen nicht vorbei. (17.07.10)
Indische Skurrilitäten
Als
sich die 1920 formierte Kommunistische Partei Indien im Jahre 1964
über der Auseinandersetzung, welchem ausländischen Vorbild
sie nachzueifern gedenke, der Sowjetunion oder der Volksrepublik China,
spaltete, versah sich der an Maos China explizit "taktisch" angelehnte
Flügel mit dem Kürzel M, was für "Marxist" steht. Das
traf bei vielen Linken im Westen natürlich auf große
Sympathie, allerdings völlig zu Unrecht. Das "Leninist", das
eigentlich zu "Marxist" traditionell dazugehört, wurde ja nur
deshalb gestrichen, weil man sich auch dem Namen nach von der
revisionistischen Sowjetunion distanzieren wollte. In der Sache war man
nach wie vor ML und ist es bis heute. Nicht nur, daß der
Revisionismus der Sowjetunion reichlich spät entdeckt wurde [Was
genau der Inhalt der Kritik war, müßte noch extra untersucht
werden, es kann aber hier schon angedeutet werden, daß über
einen moralischen Vorwurf sie nicht groß, wenn überhaupt,
hinauskam.], auch
die Tatsache wird unterschlagen, daß es sich bei den KPs in der
Sowjetunion und in China um Parteien handelt, die den Staat für
ihr Programm erobert hatten, was ja von der indischen KP nicht
behauptet werden kann, und mit ihrem Programm, sie zu erobern,
nämlich durch Wahlsiege, - das ist leicht abzusehen - nicht
erreichen wird.
Nichtsdestotrotz hält die KPI (M) an ihrer Sicht der Dinge auch zu
heutiger Zeit fest, also nachdem sich Indien zu einer veritablen Macht
in der internationalen Staatenszene entwickelt hat. Mit einiger
Bestürzung hat sie zur Kenntnis genommen und angesichts eigener
Leichen unter ihren Parteiaktivisten auch nehmen müssen, daß sie längst nicht mehr
der linksradikale Flügel indischer Politik ist: Wirkliche Maoisten
machen ihr zu schaffen, Leute, die sich nicht mit den
Vertröstungen der KPI (M) auf bessere Zeiten abfinden wollen,
zumal im Bundesstaat West-Bengal, wo die KPI (M) nun erstmals auch eine
Wahlniederlage einstecken mußte, ihrer Industriealisierungpolitik
auf Kosten der Bauern geschuldet, einer Politik, die sich höchstens in der ihr
eigenen Radikalität von der Kongreß-Partei unterscheidet.
Nach Meinung der KPI (M) unterliegen die Maoisten (auch Naxaliten
genannt) der Fehleinschätzung, daß Sozialismus auf einer
nichtindustriellen Basis entstehen könne, es also kapitalistische
Ausbeutung in noch viel größerem Ausmaß brauche, damit
ihre Ideen von einer gerechten Welt Raum greifen können. Damit hat
die KPI (M) sich selber in der bloßen Existenz der Maoisten
getäuscht. Und auch darin, daß Indien beileibe weder Land
ohne Rohstoff-Ressourcen ist (wie z.B. Nord-Korea) noch ohne Industrie
- sie erreicht in verschiedensten Sfären mittlerweile
Weltmarktniveau -, Voraussetzungen, auf denen ein materieller Wohlstand
von Massen sehr wohl aufgebaut werden könnte. Der KP-Angriff auf
die Maoisten ist nichts als die Rechtfertigung ihrer eigenen
antirevolutionären politischen Zwecksetzung. Ob ihre linken Gegner immer die Mittel
anlegen, die adäquat für deren Ziele sind oder ihnen nur als
solche erscheinen, ist eine ganz andere Frage. Wenn sich die KPI (M)
aus der Schußlinie bringen möchte, müßten ihr
schon ganz andere Dinge einfallen. (02.06.10)
Linke auf der erbärmlichen Suche nach ihrer Massenbasis
Gegen den Kapitalismus wollen sie nicht (mehr) anstinken: Die Linken in Europa. Sie
wollen nur noch eins: Überleben! Und ausgerechnet mit dieser ihrer
Partei-Maxime wollen sie beim Interesse der kleinen Leute
anknüpfen und punkten: Die sind damit zufrieden, irgendwie
über die Runden zu kommen. Und die Linken wären schon damit
zufrieden, wenn sie in den Parlamenten hocken würden, um der politischen Konkurrenz ihre Existenzberechtigung nachweisen zu können. Dafür brauchen sie die Massen als Wähler. Emanzipation der Arbeiterklasse? - nicht mit der »Europäischen Linken«!
(23.05.10)
Die unbewältigte Vergangenheit der UdSSR
Zwei
Wochen lang zierte das Antlitz Stalins einen Bus einer privaten
Linie durch die Nevski Straße in St. Petersburg [Foto: Sergej
Konkov]. Allerdings nicht, wie die antisozialistische westliche
Hetzpresse meinte, um ihn zu verherrlichen, sondern wie der Autor der
Aktion, Viktor Loginov,
in einem Blog ausdrücklich festhält, um sich mit der
Vergangenheit auseinaderzusetzen: "Wir versuchen Stalin weder
weißzuwaschen noch seinen Namen von der Verbrechen zu streichen,
die ihm imaginär oder wirklich zugeschrieben werden; wir versuchen
einfach seine kritische Rolle in unserem gemeinsamen Sieg zu betonen."
Wenn man wenigstens in Rußland über eine moralische
Beurteilung der
Politik mal hinauskäme, wäre man sicherlich einen Schritt
weiter als im dummdreisten freien Westen. Ob dafür eine solche,
Mißverständnisse erzeugende Aktion auch schon Argumente nach
sich zieht, ist sehr die Frage, und sei es bloß das, daß
Stalin bei seiner Einschätzung des Faschismus folgenschwer
danebenlag; ganz zu schweigen davon, daß er glaubte, daß
mit der Abschaffung der kapitalistischen Ausbeutung der Arbeitskraft von einer Ausbeutung gar nicht mehr die Rede sein könne. Usw. usf.
Der Distanzierung der russischen Staatsspitze von Stalin-Plakaten
anläßlich der jährlichen Siegesparade über
Nazi-Deutschland ist jedenfalls nicht der Wille zu entnehmen, sich
ernsthaft mit dem Thema zu befassen. Eher schon die für notwendig
erachtete Klarstellung, einen Einspruch gegen die neue Staatsräson
nicht zu dulden. Stalin steht somit - wie im Westen - als pars pro
toto. Also auch für eine Absage an eine Befassung mit der
Vergangenheit, soweit sie jenseits einer (moralisch-ideologischen)
Schubladisierung angesiedelt ist.
(10.05.10)
Eine chinesische Ratte
(Die Ratte gilt in China als ein kluges, zielstrebiges Tier.)
Die Kontrolle des Denkens ist, da könnte man ihm ja zustimmen, wenn er das behaupten würde, das Ideal einer jeden Herrschaft, gleich welcher ideologischen Ausrichtung, ob realsozialistischer, kapitalistisch-demokratischer, feudalistischer etc. Gerade eine kapitalistische Demokratie leistet sich dafür bekanntlich eine riesige Ansammlung von Medien, die einzig dem Zweck verpflichtet ist, das Denken der Staatsbürger in all ihrer Freiheit unter Kontrolle, im Rahmen von Ruhe & Ordnung der herrschenden Verhältnisse zu halten bzw. in diese Bahnen zu lenken, wenn es mal herauszufallen droht. (Insofern ist die heutige chinesische Presse übrigens schon ebenso pluralistisch wie demokratisch, und es steht auch schon fast so viel uferloser Mist drin wie in der hierzulande. Bei Mao war das gleiche - das unter Kontrolle-Halten - einfacher und gewissermaßen rationeller, also ziemlich unpluralistisch, zu haben.
Zwar braucht keines all jener auf Gewalt beruhenden Systeme sich wirklich zu rechtfertigen. Gleichwohl tut ein jedes dies; für Realsozialismus oder Demokratie gäbe es, so lassen sie zu zu schreiben, gute Gründe. Deren inhaltlichen Gehalt abzuklopfen, dafür werden sie nicht gemacht, man kann und soll ja der erfolgreichen Praxis der Gewaltausübung und ihres inhärenten Zwecks auch die Güte ihrer Begründung entnehmen. In ihr selber schlummert das kritische Element, nämlich die Art und Weise, wie Kritik einzig und allein zu verstehen ist: Nämlich als Beitrag zum Gelingen eben dieses einmal etablierten Gewaltmonopols und seiner Ökonomie. Hieraus ergibt sich auch der vorliegende Fall: Nämlich Kritik zu üben über einen Systemvergleich. So klar es auf der Hand liegt, daß dann auch nur die Größe der Macht das Argument sein kann, tut der chinesiche Dichter wie alle "Dissidenten" aus den ehemaligen realsozialistischen Staaten so, als würde den imperialistsichen Staaten eine besondere Qualität jenseits dessen - ihrer Gewaltausübung und ihrem gesellschaftlichen Zweck der Reichtumsvermehrung - zukommen. In Wahrheit ist es nur sein opportunistischer Standpunkt, der darin besteht, daß er deshalb, weil es in China heute ganz anders ausschaut und zugeht als zu Maos Zeiten, er sich auch ganz viel Gedankenfreiheit (in aller abstrakten Art) leisten will, weil er sie sich auch tatsächlich leisten kann. Setzt nicht gerade die heutige chinesische Regierung auf den Opportunismus ihrer Untertanen, den sie im Westen so vorbildlich installiert vorfindet, nämlich als national-parteiliche Staatsbürger? Es ist absoluter Blödsinn, wenn Yiwu meint, die westliche Freiheit bestünde in irgendetwas anderem, insofern sie über alltägliche Belanglosigkeiten hinausgeht.
Das Schöne und Abweichende bei Mao Zedong war ja gerade, daß er nach einer Vereinbarkeit von Lebensinteressen der besitzlosen Massen und staatlichen Belangen gestrebt hatte, etwas, was westlichen Demokratien nie in den Sinn kommt und der heutigen chinesischen Staatsführung ausgesprochen kontraproduktiv für die Stärke der Nation erscheint.
Der Dichter kritisiert ja nicht dies Auflösung dieses Widerspruchs - Lebensinteressen versus Staatsbelange - nach der falschen Seite hin, sondern vielmehr, daß eine Auflösung nicht stattgefunden habe, weil mit der Auflösung - so täuscht er sich - nicht auch eine Auflösung in die Beliebigkeit der Gedanken des Untertanen verbunden sei. Nein, diese Beliebigkeit ist gewährleistet, mit der einen Einschränkung, die auch westliche Demokratien selbstverständlich kennen, daß dem Staatswesen abträgliche Meinungen entsprechend überwacht gehören. In dieser Sfäre nimmt sich der Staat seine Freiheiten und der chinesische Dichter und die taz selber könnten sich ja hierzulande mal umsehen, was der Staat diesbezüglich so betrachtet. So blöd der Standpunkt beispielsweise einer maoistischen MLPD auch sein mag, blöder als der eines chinesischen Yiwu ist er wirklich auch nicht; zu Wort kommt jene Partei hier trotzdem nicht außerhalb ihrer selber verlegten Publikationen (diese Freiheit steht dem Dichter auch in China offen, so er das nötige Kleingeld dafür erübrigen kann).
In China besteht offenbar auch gar kein Interesse, Yiwus Dummheit zu entlarven, ebensowenig wie hierzulande das Interesse, eine abweichende Meinung daraufhin zu überprüfen, was sie der Sache nach, um die es ihr geht, taugt. Das mag ein Armutszeugnis für eine kommunistische Partei sein, für eine demokratische Herrschaft ist sie es nie und nimmer. Eine Demokratie hält sich sehr viel darauf zugute, alle Meinungen, die ihr nicht passen, als solche und überhaupt ganz einfach zu ignorieren (oder sie auch unter ihrem Vorurteil falsch zu verstehen, sie einfach so zu interpretieren, wie ihr beliebt, damit sie in ihr Weltbild paßt). Und umgekehrt, wenn eine Meinung ihr in den Kram paßt, dann in berechnendem Interesse (z.B. als willkommenes Feindbild). Die taz selber macht sich ja offenbar anheischig, sowohl ihren Beitrag bei der Befreiung Chinas von der KP-Herrschaft zu leisten wie sie abweichende Meinungen außerhalb des (etablierten) Parteienspektrums hierzulande längst zu übergehen weiß. Ein aufrichtiger Diskurs zwischen und unter den "Kulturen" ist das jedenfalls nicht: Keine Seite, weder Yiwu noch die taz, will vom Gegenüber etwas lernen, Einsichten in die Systeme erhalten, in denen sie geistig dahindämmern. Wobei noch eine ganz andere Frage offen ist, ob die ein oder andere Seite auch etwas zu bieten hat, was zum Lernen lohnen würde. In dem erwähnten Interview findet sich nun leider gar nichts.
Yiwu erscheint es in seiner Einfalt angebracht, mit Kenntnissen über Günter Grass, Martin Walser, Beethoven und "The Wall" (Pink Floyd) Anerkennung zu erheischen. Aber nicht einmal bei der Erwähnung von Herta Müller findet die taz ihn lächerlich, weil sie selber offenbar keine Ahnung davon hat, welch schönfärberischer und dreister Propaganda über die westliche Kultur, ihrem Kulturimperialismus, er aufsitzt. (21.03.10)
China
Die Bücher sind:
- Helmut Peters, Die VR China aus dem Mittelalter zum Sozialismus - Auf der Suche nach der Furt (Neue Impulse Verlag)
- Renate Dillmann, China (VSA-Verlag)
Letzteres Buch nimmt viele Argumente, die in früheren GegenStandpunkt-Ausgaben (genaue Angaben siehe unten) schon so oder in ähnlicher Weise zur Sprache kamen, auf. Aber nicht nur; darüber hinaus ist auch noch einiges Historisches in die Betrachtung aufgenommen, um deren Erklärung sich das Buch bemüht. Schon etwas im Gegensatz zu dem Buch Peters', das in erster Linie eine historische Faktensammlung darstellt, der in seiner Problematik der Autor Respekt zollt. (17.12.09)
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In einer Diskussionsrunde zu den Büchern wies ein Teilnehmer darauf hin, daß das neu eingeführte Prinzip mit der Übersetzung "Bereichert Euch!" nicht treffend übersetzt sei, es müsse vielmehr heißen "Werdet wohlhabend!".
In der Tat ist das ein kleiner und feiner Unterschied, der im verfolgten Zweck der chinesischen Führung liegt: Sie wollte ja, daß das Volk ihr folgt (und nicht etwa - wie es die andere Übersetzung herausfordert - kritisch wird oder gar das neue Programm infrage stellt). Deshalb wurde das als Angebot formuliert, ebenso der Nachsatz, daß einige früher und andere später reich werden würden. Deng Xiaoping hatte durchaus ein Bewußtsein davon, was er und seine Genossen mit dem neuen Programm zur Stärkung der Produktivkräfte loszutreten bereit war und wohin Kapitalismus führe würde. Dies zeigt z.B. eine Rede aus dem Jahre 1984, die hier zur Diskussion gestellt werden soll. Wozu Kapitalismus - als Methode (schön)gedacht - schließlich führen würde, nämlich dazu, daß China ein Stabilitätsanker des weltweiten Kapitalismus in seiner Krise geworden ist, selbst davon hatte er an anderer Stelle eine Ahnung. Ob sich die chinesischen Kommunisten das vor 25 bis 35 Jahren auch etwas anders vorgestellt hatten, ändert im übrigen nichts daran, daß sie jetzt an diesen von ihnen geschaffenen kapitalistischen Zuständen laborieren, wiewohl sie sie nicht abschaffen wollen. Die vorgenommenen Readjustierungen zeigen ganz praktisch immer weniger Wirkung. (19.11.09)
Der Fall des "Antifaschistischen Schutzwalles"
Der reale Sozialismus in Augsburg
Längst ist die Visage zum Parteiführer aufgestiegen. Als solcher haben ihre Worte umso größeres Gewicht, als sie nun dank eines saarländischen Partners endgültig im Westen angekommen zu sein glaubt. Auf Kärrnerarbeit in Augsburg verzichtet sie mittlerweile gern, zumal sie die überregionale Öffentlichkeit zu nutzen bemüht ist. Dabei gelingen ihr Woche für Woche ganz große Statements:
"Ich will keine Verstaatlichung. Ich bin Marxist, ich will eine Vergesellschaftung der Produktion. Natürlich stört mich Privateigentum nicht grundsätzlich, aber in diesem Fall [es geht um die Medien] sollte die Bereitstellung von Kommunikationsmitteln in der Obhut des Staates liegen. Die kommunikative Chancengleichheit..." (politik orange, Zeitungsbeilage am 14.03.09)
Leider hat sie im offensichtlichen Gegensatz zu unserem geschätzten Bundespräsidenten nie jemals begriffen, was einen Marxisten denn in der Tat ausmacht. Wer die gesellschaftlichen Verhältnisse bis zu ihrem Bruch vorantreibt, braucht doch wohl nicht lange zu betonen, daß er ein solcher sei, oder? Oder versucht sie unseren geliebten "Hotte" in Mißkredit zu bringen? Und mit ihm Marx? Das ist in der Tat ein starkes Stück; ein starkes Stück realer Sozialismus, der sich einfach nicht totkriegen läßt. (15.03.09)
Finanzkrise: Totale Verwirrung bei den armen Ossis!
Dann scheint er sich doch irgendwie zusammengeheuchelte Sorgen zu machen, wie denn der Übergang zum Sozialismus erfolgen könne, wenn er denn bevorstünde, und zieht ein russisches Vorwort zum Kapital von anno dunnemals zu Rate. Darin wird behauptet, daß, obschon die gesellschaftlichen Verhältnisse in Rußland nicht reif gewesen wären [Marx hätte da schon eingewandt, daß nicht die "Reife von Verhältnissen", sondern die materielle Notwendigkeit der ausgebeuteten Klasse die Notwendigkeit einer Revolution begründe.], dort die Revolution stattfinden hätte können, wohingegen [immer lustig zu sehen, wie man sich um eine Begründung herumdrücken kann!] in entwickelten Ländern die Revolution friedlich erfolgen könne, auf parlamentarischem Wege.
Somit gelangt er über den Parlamentarismus zum Staat: Und unser Schriftsteller glaubt ernsthaft feststellen zu müssen, daß nicht alle (sozial)staatlichen Maßnahmen schon was mit Sozialismus zu tun hätten. [Wow, schon wieder eine erstklassige Erkenntnis, die unbedingt in der taz stehen muß!] Belegen tut er das obendrein u.a. auch noch mit Kaiser Wilhelm, den II., der "bekanntlich die Bordelle verstaatlichte", - da kennt sich der "Weltensammler" also auch aus. Unser Trojaner bringt seinen Diskurs nun mühelos auf den Topos der "Diktatur des Proletariats" [schlechter Staat also], der in seinem Schädel ja auch irgendwie noch hängengeblieben ist, freilich nicht dessen Ableitung - von der steht auch in den Leninisten-Lehrbüchern nichts, zumindest nichts, was seinem Weltbild weiterhelfen würde. Und so bleibt der Topos als gewissermaßen abschreckendes Dogma im Raum stehen.
Aber für seinen Geschmack noch lange nicht abschreckend genug! Wie man merkt, nähern wir uns dem Höhepunkt der Abhandlung: Der wissende Dichter belehrt ein ebenfalls bereits wissendes Publikum: "Es gibt im Marxismus mehr Strömungen als Flüsse!" So peitscht er die Neugier derer noch einmal auf, die olle Kamellen noch mal hören wollen, um dann kommen zu lassen, was kommen muß - die Kompatibilität zum Faschismus: "Das Panorama reicht von den Anarchomarxisten bis zu den Nationalsozialisten, dessen Führer sich damit brüstete, er habe die Ideen von Marx verwirklicht - siehe 'Gespräche mit Hitler' von Hermann Rauschning." Und weil unser Autor sich den Marxismus am liebsten als Nationalsozialismus vorstellt, fährt er gleich fort: "Nicht nur in seinem kapitalen Werk schreibt Marx, der Kapitalismus werde in Schlamm und Blut geboren. Der marxistische Pfad hat sich als schlammigster und blutigster Umweg zum Kapitalismus erwiesen." Und was folgert er daraus? Natürlich etwas ganz unlogisches, nämlich, daß man dem realen Kapitalismus endlich ein menschliches Antlitz geben müsse: Als ob er nicht den Kapitalismus als unblutigstes System vergöttern würde und darob soeben einen vor Dummheit strotzenden Dreispalter in die taz jubeln konnte!
Auf diese Vorlage hin konnte es nicht ausbleiben, daß sich die andere Ostzonenfraktion zu Wort meldete, die, welche immer noch positiv an der verstaubten DDR anzuknüpfen nicht müde wird. Und zwar in Form von junge welt-Chef Koschmieder persönlich (01.11.08). Er wähnt sich mittlerweile in bester Gesellschaft, denn von Springers Welt bis zur Hamburger Morgenpost kommen alle auf Marx zu sprechen. Seiner Vorfreude auf den nächsten Bericht der Stasi-West, dort nicht mehr als einzige Tageszeitung aufzutauchen, vielmehr dort endlich in bester Gesellschaft zu sein, gibt er freien Lauf. Er findet es erste Sahne, daß Marx alle zum Nachdenken bringt. Doch verdankt sich dieses Nachdenken einem ganz anderen Interesse, als er vorstellig machen will. Er möchte seiner Aufzählung an Marx-Zitierenden entnehmen, daß sich die Gesellschaft tendenziell in die richtige, seine Richtung bewegt. Die Gesellschaft hingegen kommt auf Marx zu sprechen, weil sie von ihm und vor allem von den Konsequenzen seiner Kritik nichts wissen will; an der Finanzkrise stört sie ernstlich nur eines, nämlich daß es Leute geben könnte, die mit dem kapitalistischen System ernstlich fertig sein könnten. [Daß dieses System jenen nichts nützt, bräuchten sie zwar nicht Marx zu entnehmen, das pfeifen ja schon die Spatzen von den Dächern, aber ein Feindbild aufzuwärmen, erachten sie in ihrer Situation für nützlich.] Koschmieder versucht nun keineswegs, diese Befürchtung als gegenstandlos zu zerstreuen, weil von einem Aufstand weit und breit nichts zu sehen ist - obschon doch irgendwie nach seiner eigenen leninistischen Ideologie die Verhältnisse reif sein müßten -, oder aber selbst zum Aufstand aufzurufen. Er suhlt sich in seiner Position, nach knapp 20 Jahren endlich zu denen zu gehören, die mit ihrem Standpunkt den Zeiten entsprechen! Das wendet er direkt gegen seinen oben erwähnten DDR-Schriftsteller-Genossen Trojanow. Die taz sei quasi die letzte Zeitung, die die Zeichen der Zeit nicht erkannt habe und so einen gestrigen Idioten zu Wort kommen ließe. Freilich, so räumt er ein, sobald sich das System etwas stabilisiert habe, würden alle Zeitungen wieder so schreiben wie die taz. "Nur eine wird stur dabei bleiben, die Arbeiten des ollen Marx (aber auch seine Weiterentwicklung etwa durch Lenin)[vor allem die, dessen Verfälschung!] nicht nur [!, das ist wirklich gut!] als konjunkturelle oder modische Erscheinung zu schätzen. Und deshalb wird sie auch weiterhin im Verfassungsschutzbericht als einzige Tageszeitung Erwähnung finden." Das Angebot, diese Zeitung, obendrein als "unabhängig, links und kritisch" angepriesen, zu abonnieren, kommt also gar nicht gut daher; auch noch aus folgendem Grund:
Er hat den Kommunisten hassenden Schriftstellergenossen schon allein deshalb nicht komplett verrissen, weil der ja durchaus auch etwas gesagt hat, was dem junge welt-Chef schwer einleuchtet: "Wenn wir Marx an seinem berühmten Diktum messen, die Aufgabe der Filosofen sei es, die Welt zu verändern, anstatt sie nur [!] zu erklären, muß Marx zudem als der katastrofalste aller Filosofen [Koschmieder zitiert bezeichnenderweise nur diese drei Worte aus dem Satz!] gelten, denn die Diktaturen des Proletariats, die sich auf ihn beriefen [das kann ja nun wirklich ziemlich jeder, siehe den zitierten Hitler!] errichteten eine Arbeiter- und Bauern-Hölle [in der Trojanow ob seiner Dummheit leider nicht gebraten wurde], die sich von Ost-Berlin bis Wladiwostok erstreckte." Marx Spruch: "Die Filosofen haben die Welt nur verschieden interpretiert [Hervorhebung durch Marx!], es kommt darauf an, sie zu verändern."(MEW 3, S.7, Thesen über Feuerbach) so zu verdrehen, daß eine Interpretation schon das gleiche wäre wie eine Erklärung, leuchtet einem Revisionisten wie Koschmieder offenbar umstandlos ein; er will nicht auf Wissenschaft bestehen, sondern auf Meinung. Und wenn Meinung gegen Meinung steht, dann entscheidet in der Tat nichts anderes als Laune und Konjunktur. Die Erklärung einer gesellschaftlichen Sache hingegen ist in seinen Augen natürlich etwas völlig Unpraktisches und somit Entbehrliches.
Fazit: Die Ostzone hat diskursmäßig in ziemlich kurzer Zeit verhältnismäßig hohes West-Niveau erreicht! (02.11.08)
China:
Von der Befreiung des Volkes zu seiner kapitalistischen Ausbeutung -
ein Schritt, um Weltmacht zu werden

GegenStandpunkt
4-1994 S.83
Chinas Weg zum Kapitalismus
1/2-1996 S.43
Streit um Taiwan
1-1998 S.202
China erbt Hongkong
3-1998 S.129
Clinton in China
2-1999 S.40
Chronik (11) März: Chinesischer Volkskongress
2-1999 S.78
Zhu Rongji in den USA
3-1999 S.46 und 67
Falun Gong Sekte
Taiwan zu China
3-2000 S.131
Raketen-Abwehr-System der USA
4-2000 S.54
China kommt in die WTO
2-2001 S.10
Der deutsche Verteidigungsminister besucht China und Indien
2-2002 S.181
China in der WTO
4-2004 S.34
Elend in China
3-2006 S.121
China will Weltmacht werden
Karl Held (Herausgeber)
Das Lebenswerk des Michail Gorbatschow
Von der Reform des »realen Sozialismus« zur Zerstörung der Sowjetunion
Einleitung: Die große Revision
1. Kapitel: Als der Sozialismus noch eine Weltmacht war... Polemik gegen die Generallinie der KPdSU
2. Kapitel: Die neue Generallinie: Glasnost & Perestrojka
3. Kapitel: Das "neue Denken": Gutes Betragen als sozialistische Staatsräson
4. Kapitel: "Mann des Jahres", "Mann des Jahrzehnts": Gorbatschows Welterfolg
5. Kapitel: Die Ruinierung der "Kommandowirtschaft": Vom Umbau zur Verabschiedung des alten Systems
6. Kapitel: Die Zerstörung der Sowjetunion: Von der Partei- und Staatsräson zum totalen Machtkampf
7. Kap.: Die freiwillige Kapitulation: Von der Selbstkritik des Antiimperialismus zur Selbstaufgabe der Weltmacht Nr.2
8. Kap.: Perestrojka geglückt — Sowjetunion tot! Die Selbstzerstörung einer Supermacht und die unheimliche Erbengemeinschaft
Nachtrag:
Worin liegt eigentlich die historische Bedeutung des Michail S. Gorbatschow?
1992 • 416 Seiten •
ISBN 3-929211-00-9 • 20,- €
Anmerkung zum Artikel: "Der Staat, mein Freund" (jungle world, 17.08.05)
Peter Decker / Karl Held: Abweichende Meinungen zur deutschen Einheit
DDR
kaputt
Deutschland ganz
Eine
Abrechnung mit dem "Realen Sozialismus" und dem Imperialismus
deutscher Nation
1989 • 335 Seiten • ISBN 3-922935-31-1 • 8,- €
DDR
kaputt
Deutschland ganz 2
Der Anschluß
Eine Abrechnung mit der neuen Nation und ihrem Nationalismus
1990 • 253 Seiten • ISBN 3-922935-32-X • 8,- €
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