Geschichte? Macht bei uns der Trachtenverein.
Eine nicht gehaltene Rede aus ungehaltenem Anlaß


Realitäten: Das ABRAXAS plant 2008 eine Dokumentation zu Augsburg 1968. Ich oute mich als Mitmacher, liefere Dokumente, auch andere packen aus . Wird dann verschoben auf 2009, eine Feier zum "41. Jahrestag" als Augsburger Schildbürger-Spezialität. Dann endgültig gestrichen: für so was gibt es in Augsburg kein Geld.

60.000 € kostet allein der Lebe-Mich-Flachsinn. Geschichte erledigt der Trachtenverein. Und gratis gibt’s dazu die Lobhudel-Artikel auf den CSU-Konvertiten Gerhard Schmid in der AZ als Soap-Opera: "68 hatte doch auch was Gutes, ich habe da meine Frau kennen gelernt." Die APO hatte nie die Chance, Argumente vorzutragen. Totschweigen, Verleumden, Lächerlichmachen - so funktioniert Demokratie. Wer Geld hat, hat das Sagen. Bei Kerzenlicht in Gambia habe ich mir 2008 an zwei Abenden Notizen zu 68 aufgeschrieben, die ich hier wiedergeben möchte.

Ich frage mich: warum ein Jubiläum? Warum reden, nachdenken, über 68?
68 war keine Revolution, nichts Welt-Bewegendes. Oder? 68 war nicht mal eine soziale Bewegung, kein Hungeraufstand. Im Gegenteil: Herbert Marcuse hat damals die 2- oder 3-Tage-Woche für möglich gehalten. Könnte man heute noch darüber nachdenken. 68 begann als Studentenbewegung, war dann so was wie ein jugendlicher Aufstand, nach eigenem Selbstverständnis – Gerhard Schmid zum Trotz – eine antiautoritäre Bewegung. Also irgendwie, irgendwas Neues, im Kulturbereich. Und die BRD vor 68 und nach 68 war nicht mehr die gleiche.

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Schaut euch mal die Augsburger Zeitungen von 1938 an, sie sind genauso belanglos und oberflächlich und nichts sagend wie die Zeitungen von heute. Ganz normal. Klatsch und deutsche Ernte-Dank-Feier, und Schimpfen auf zu laute Kaffeehaus-Musik, und so ein Zeug. Und Heldengeburtstage zum Hitler-Putsch, und Wagner zur Erbauung, und der neu gebaute, uneinnehmbare Westwall, und na ja, am 9. November gab es im Reich vereinzelten Volkszorn gegen jüdische Einrichtungen. Wenn es brennt, und die Polizei und die Feuerwehr nicht kommt, oder nicht will, oder nicht kann, oder zu spät, sollte man den Juden dann nicht zur Auflage machen, selbst für den Schutz ihrer Einrichtungen aufzukommen? Z. B. einen privaten Wachschutz bezahlen? Das nun wieder nicht. Das Ergebnis war, daß den Juden der Besitz von Waffen verboten wurde. Einen deutlicheren Freibrief zum Austoben kann es eigentlich nicht geben. Angriffe sind erlaubt, Verteidigung ist verboten.

Aber wir haben von allem nichts gewußt. Das hat sich alles hinter unserem Rücken abgespielt. Das waren irgendwie immer die andern. Der Teufel möglicherweise.

Mein Vater hat nie erzählt, was er mit 18 gemacht hat, auch die andern Väter und Mütter nicht. Eine ganze Generation von Deutschen, in deren Namen und mit deren Mitwirkung, Beteiligung oder Duldung 6 Millionen Juden ausgerottet wurden und der größte Krieg aller Zeiten mit 50 Millionen Toten geführt wurde, diese Generation hat nichts getan, nichts gewußt, nichts gesehen, nichts gesagt.
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Meine Eltern, wie eine ganze Generation, sind in die Kirche gegangen und haben gebetet. Daß Gott ihnen unkeusche Gedanken vergebe, daß man viele Kinder haben soll, daß Adenauer möglichst lang lebe, und die Amis für ihre Kriegsverbrechen bestraft werden sollen. Stumm gebetet, stumm gelogen, stumm geschwiegen. Bis 68.

Deswegen habt ihr meinen Vater nicht eingeladen. 68, das war die Generation nach 45, die erste, die nicht in einen Krieg geschickt wurde. Die Jugend, die die Eltern fragte: was habt ihr gemacht? Wie war das möglich? Warum? Weil man Befehlen gehorchen muß, der Obrigkeit, dem Bischof, dem Papst, dem Führer? Gibt es keinen natürlichen Anhaltspunkt, was human und was unmenschlich ist? Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht?  Diese Frage ist nicht eng und deutsch, so wie 68 nicht eng und deutsch war. Diese Frage betrifft alle Menschen. Give peace a chance – gibt es diese Möglichkeit, oder müssen wir mit all diesen Religionen und Kulturen, die ans Jenseits glauben und den Tod verherrlichen, die die Lust am Leben so genannten höheren Zielen unterordnen, müssen wir uns damit abfinden? Aus dieser Frage kann man nichts an menschlichem Verhalten ausklammern, alles ist wert, daß es in Frage gestellt wird, alles muß auf den Prüfstein.

100 Jahre deutsche Geschichte. Da hat Deutschland, dieser Industrieprotz des ausgehenden 19. Jahrhunderts den 1. Weltkrieg verloren, und ein kleiner österreicherischer Aufschneider spielt mit Testosteron und sagt: "Das lassen wir uns nicht gefallen. Die bolschewistischen Matrosen haben uns einen Dolchstoß von hinten versetzt. Das nächste Mal gewinnen wir."

Ich habe mich gefragt, warum Frauen weniger aggressiv sind als Männer. (Falls das stimmt.) Die meisten Frauen haben kein Problem damit, ihre Kinder zu schlagen. Aber sie schlagen nicht ihre Männer. Warum? Weil die Schimpansin, die das tut, ganz schnell mit gebrochenen Knochen in der Ecke liegt. Wer seinen Gegner falsch einschätzt, stirbt aus. Das tun Frauen nicht. Sie  sind nicht saudumm.

Hitler hatte zwei Fehler. Für seinen Hauptfeind hielt er die Juden. Andere Haut, andere Nase, andere Religion, Rundkopf oder Spitzkopf – das ist das alleroberflächlichste, wie man andere einschätzen kein. Und erst recht, wenn es mein Hauptfeind ist. Dann muß ich ihn studieren, was sind seine Stärken, was sind seine Schwächen. Kein Boxer wäre so schwachsinnig zu sagen: mein Gegner ist schwarz, also ist er mir sowieso unterlegen. Hitler war saudumm. Er hat seinen Gegner falsch eingeschätzt.

Freilich stand er damit in einer guten christlichen Tradition. Ich habe mir auch Augsburger Zeitungen von 1928 angesehen, den Deutschen Michel zum Beispiel, da hat mein katholischer Großvater mitgeschrieben. Die Juden betrügen uns immer, sie ruinieren die kleinen Geschäfte, sie leben auf unsere Kosten. Da hab ich mich auch schon gefragt: Wenn das wahr ist, was wäre dann die richtige Strategie? Wenn die christlichen Germanen so dumm sind und sich immer betrügen lassen, sollten sie dann vielleicht nicht besser Rechnen lernen statt Häuser anzünden?

Ich erlaube mir eine kleine Utopie. Hitler erkennt 1928 das jüdische Potential in Deutschland. Aber als bauernschlauer Arier bietet er den Juden das Gelobte Land an, wenn sie kooperieren statt zu betrügen. Oberbayern zum Beispiel. Statt dem See Genezareth den Tegernsee. Eine autonome Gelehrtenrepublik auf dem Peißenberg, Finanzhoheit wie Liechtenstein. Karl Marx wird posthum Ehrenbürger, Albert Einstein Präsident. Kurt Tucholsky Pressesprecher, Kurt Weill am Klavier. Kostolanyi verwaltet die Finanzen. Leo Trotzki bekommt Asyl, bevor Stalin ihn ermorden kann, deutsch kann er, das hat er bei den Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk bewiesen, hat Rußland damals u. a. das Baltikum gekostet, aber die junge Sowjetmacht war aus dem 1. Weltkrieg raus. Eine intelligente Lösung. Man kann mit einem Krieg einfach aufhören. Es ist vielleicht durchaus wert, wenn man sich die Geschichte des Baltikums anschaut, zuerst besessen, dann abgegeben, dann wieder einverleibt, heute wieder selbständig, über den Sinn und Unsinn von Völkern, Nationen, Grenzen und Territorien nachzudenken.

Und alle diese Vorstellungen vom richtigen Blut, der Horde, dem Stamm, den völkischen Werten sind genetischer Unsinn. Schon 1933 konnte man wissen, daß die Vererbung nicht übers Blut erfolgt. Daß dieser oberflächliche Unsinn immer wieder gern geglaubt wird, genauso wie die Verehrung von Autoritäten, die ihn verkünden, liegt in der menschlichen Psyche begründet, aber wir sind gelegentlich auch in der Lage, unseren Verstand zu gebrauchen. Wenn wir ins Flugzeug steigen, glauben wir ja auch nicht mehr, daß die Erde eine Scheibe ist.

Trotzki jedenfalls, würde ich vorschlagen, wird Staatssekretär für Kirchenfragen, Trennung von Staat und Kirche durchsetzen und alle natürlich gewachsenen katholischen Privilegien abschaffen, der Kirche die Beute abnehmen. Der Vatikan würde sich an ihm die Zähne ausbeißen. Er muß dafür nur auf die Affäre mit Frida Kahlo in Mexiko verzichten, aber vielleicht findet er ja in Bayern auch eine gute junge Künstlerin.

Ein Letztes zum Rassismus: Die drei Jahrhunderte der Sklaverei von Afrika in die Neue Welt waren Verbrechen, menschenunwürdig, grausam. Aber die Sklaverei war intelligent. Niemand wäre auf die Idee gekommen, Wikinger in die Karibik zu verfrachten. Daß die Schwarzen leistungsfähiger sein können als die Weißen, beweisen amerikanische Sportler bis heute. Auch das gehört zu 68: die erhobene Black-Panther-Faust bei der Siegerehrung der Olympiade. Sie mußten die Medaillen zurückgeben, da Politik beim Sport nichts zu suchen hat. Ach so, dem schwarzen Cassius Clay wurde der Weltmeistertitel im Boxen aberkannt, weil er den Militärdienst verweigerte.

Wie gesagt, Hitler war nicht nur Rassist, er war saudumm. Das war sein zweiter Fehler. Er hat nie einen Blick auf die Weltkarte geworfen. Da können die gelehrten Historiker bis heute rätseln oder klammheimlich hoffen: Wenn Deutschland die V8 gehabt hätte, oder die Atombombe vor den USA, hätten wir dann den Krieg gewonnen?

Ich habe gerade bei Montgomery gelesen, daß bei Verdun, die jungen deutschen und französischen Männer, vor dem Abschlachten, Fußball miteinander spielten. Aus Langeweile, wie es heißt. Dann wurden Hunderttausende zerfetzt, vergast, geschlachtet, auf den "Schlachtfeldern", wie es so treffend heißt. Gesegnet und beweihräuchert als die "gefallenen Helden". Wie viele haben wohl der Kirche geglaubt, daß sie in die Hölle kommen, wenn sie onanieren, aber in den Himmel, wenn sie für ihr Vaterland sterben?
Für drei Meter Landgewinn.

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Aber wer kann überhaupt einen Krieg gewinnen? Wer ist das?

Der Vietnam-Krieg war unser Krieg 68. Die entlaubten Wälder und vergifteten Felder, der Genickschuß auf offener Straße, die napalmverbrannten Kinder und schreienden Mütter, das war unser Krieg. Geführt in unserem Namen, zur Verteidigung Berlins und der Freiheit des Westens. Wir haben in der Garnisonstadt Augsburg GIs zur Desertion verholfen, wir haben demonstriert, in Augsburg, in Deutschland, weltweit. Es gibt in der APO-Zeitschrift subjektiv eine literarische Collage, pausenlos pausenhof, mit einem ganzen Absatz unkommentierter Städtenamen. Das alles waren Orte von Studentenprotesten, die in der Presse standen. Und es ist unbestritten, daß die weltweiten Proteste gegen den Krieg in Vietnam zu seiner Beendigung beigetragen haben. Und daß die rassistischen und faschistischen Bastionen wie Spanien, Portugal, Griechenland, von Südamerika bis Südafrika, alle nacheinander aufgeben mußten.

Bei allen Protesten: 68 war eine optimistische Zeit. Daß es möglich ist, die Welt besser und lebenswerter zu machen. Make Love, Not War!

Keine Katastrofenstimmung wie in den 80ern mit Harrisburg und Tschernobyl, oder wie heute, wo die Angst um die eigene Existenz in den reichsten Ländern der Erde für immer mehr Menschen auf der Tagesordnung ist, wo wir uns sozialpolitisch langsam den frühkapitalistischen Verhältnissen des 19. Jahrhunderts annähern: Hartz IV-Karrieren, die Ersparnisse der Alten verbraucht, für Arme keine Schulbildung, keine Kultur, keinen Zahnersatz, verhöhnt, verspottet, schikaniert. Oder wie es Hans-Jürgen Krahl 1968 formulierte: wo das Instrumentarium der Manipulation noch roh und ungeschliffen war.
Der Schnaps tut sein übriges.

"Geschichte ist machbar" heißt ein kleines Buch mit Aufsätzen von Rudi Dutschke. Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber Rudi Dutschke war ein Revolutionär. Vielleicht der einzige in Deutschland seit Thomas Müntzer in den Bauernkriegen. Wir haben keinen Cromwell, keinen Jefferson, keinen Robespierre. Wir haben auch keinen Voltaire, keinen Diderot, keinen Marquis de Sade. Deutschland war immer ein bißchen langweilig, weil kritisches Denken unterdrückt wurde. "Natur und Geist – so spricht man nicht zu Christen! Deshalb verbrennt man Atheisten, weil solche Reden höchst gefährlich sind. Natur ist Sünde, Geist ist Teufel, sie hegen zwischen sich den Zweifel, ihr mißgestaltet Zwitterkind", heißt es im Faust.

Nun, wir haben Immanuel Kant. Ich glaube nicht, daß jemand freiwillig Kant liest. Aber Kant hat einen der schönsten Sätze geschrieben, den es in der deutschen Sprache gibt: "Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit." Und das geht noch weiter: "Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen."

Dieser Satz gehört in jedem Klassenzimmer an die Wand. Dann kann man sich jedes Kreuz und jedes andere Symbol, das immer nur zeigt: unser Gott, unser Führer, unser Präsident ist groß – und wir sind klein, das kann man sich dann sparen. Mit diesem Satz kann man keinen Hitler rechtfertigen, keine Unterdrückung und keine Unterwerfung. Dieser Satz ist eindeutig und klar. Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.

68 hat als Studentenbewegung angefangen, war keine Arbeiterbewegung, auch wenn in Augsburg mehr Lehrlinge und Jungarbeiter dabei waren als Studenten. Und ein paar versprengte traditionelle Linke. Wieso Studenten?

Ich glaube, doch, es gibt so was wie wertfreie Wissenschaft. Es muß ja nicht die sein, die sich selbst so nennt. Es ist ein elementares Bedürfnis des Menschen, die Welt zu verstehen, in der man lebt. Eine Lust und eine Notwendigkeit. Darum lachen wir über einen Witz, weil er bißchen Wahrheit aufblitzen läßt. Die Suche nach Wahrheit ist uns angeboren. Und nur die wahre Erkenntnis zählt, die falsche, der Irrtum, bringt nichts. Bleibt unfruchtbar wie die Nonnen, hat Francis Bacon gesagt. Zumindest gilt das für das praktische Leben auf der Erde. Bei andern Sachen, wie dem Leben nach dem Tod, kann man jeden Unsinn glauben, das spielt keine Rolle. Aber wie man einen Hefeteig macht, eine Antilope jagt, eine Excel-Tabelle formatiert oder Menschen zum Lachen bringt, dazu braucht man die Wahrheit, wirkliches Wissen, um diese Probleme zu lösen.

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68 war eine gesellschaftliche Wertedebatte, ein Streit über Grundwerte des Lebens.
Zu 68 gehört, daß wegen Jungs mit zu langen Haaren und Mädels mit zu kurzen Röcken unsere BRD-Nazis in Landtage eingezogen sind. Eine kleine kulturelle Revolution dann doch. Was sind menschliche Werte, die das Leben schöner machen, was sind unmenschliche Werte, die Leid und Schmerz und Tod verursachen? 68 war ein Versuch, der Wahrheit ein Stückchen näher zukommen. Ein Versuch, den man fortsetzen könnte.

© Dr. Reinhard Gammel

KoKa-Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors.