Fräulein stud. fil. Lucy Herat

Novellette von H. Römer

Professor Krusig las über Platons Ideenlehre. Der Professor war ein noch junger Professor und die Zahl seiner Zuhörer war nicht groß. Trotzdem befand sie nicht bloß aus Zuhörern, sondern – dem Fortschritt der Zeit entsprechend – auch aus Zuhörerinnen.  Eins, zwei, drei, vier! Von dem Quartett aber zog besonders eine die Aufmerksamkeit des Professors auf sich. Sie saß dicht vor dem Katheder, stets ruhig, ernst, den Blick mit gespannter Aufmerksamkeit auf ihn geheftet. In ihr Kollegheft schrieb sie wenig, aber ihr sinnendes, tiefes Auge, blau und unergründlich wie das Meer, verreit, daß sie mit unenedlichem Interesse den Ausführungen des Dozenten lausche. Sie spielte auch nie mit ihrem Bleistift wie ihre Nachbarin, eine äußerst bewegliche und ewig lächelnde Französin; sie bewies keinerlei Zudringlichkeit und grüßte doch so ehrerbietig bescheiden, auch richtete sie nie eine Frage an ihn, ein Zeichen, daß sie ihn verstand. Ja, wenn die Vorlesung zu Ende war, hörte er oft einen leisen Seufzer von ihren rosigen Lippen.
"Sie bedauert, daß es schon vorüber ist," sagte er sich wohlgefällig und nickte ihr beim Abschied freundlich zu.
Der junge Dozent fühlte sich geschmeichelt von so viel Interesse. Sein Blick ruhte gern auf ihr, wenn er sprach; ihr Anblick war so angenehm, wie ihn ein junges, reizendes Mädchen von zwanzig Jahren nur bieten kann, und wenn die Morgensonne durch das weite Fenster schien und einen goldenen Schimmer auf ihre lichtblonden Haare ausstreute, kam es ihm vor, als umstrahle sie ein Heiligenschein.
Sie hieß Lucy Herat und studierte Filosofie. "Ja, ich fürchte, sie wird nicht ausstudieren," dachte Professor Krusig oft; "sollte mich wundern, wenn da nicht bald irgend das Veto eines Männerherzens erfolgte – hm, hm."
An einem schönen Sommernachmittag war's, da sah er sie auf dem Forst droben ganz allein an einem der mit bunten Decken geschützten Tische vor einem Glase Limonade sitzen. Sie war immer ernst, heute erschien sie ihm im Superlativstadium dieser Eigenschaft.
Das bewog ihn, stehen zu bleiben und sie anzureden.
"Ah, Fräulein Herat – schon wieder so nachdenklich?" fragte er lächelnd.
Sie errötete und erwiderte: "Ach nein."
"Erlauben Sie?" Er deutete auf einen der leeren Stühle.
"Bitte."
Er setzte sich. "Sie sind gewiß schon wieder bei der Filosofie? Ja, ja hier im herrlichen Waldtempel ist der rechte Ort, die erhabenen Ideen unserer Denker auf Geist und Herz wirken zu lassen. Nicht wahr?"
"Gewiß." Sie sah recht verlegen aus.
"An was dachten Sie wohl, wenn ich fragen darf? An Kant, Schelling, Hegel?"
Sie schüttelte den Kopf.
"Es wäre mir psychologisch und, weil ich an Ihnen besonderes Interesse nehme als einer so aufmerksamen und pünktlichen Hörerin, wirklich von Wert, es zu erfahren, Fräulein Herat. An was dachten Sie jetzt – wollen Sie es mir aufrichtig gestehen?"
Da verzogenen sich ihre ernsten Züge zu einem Lächeln, und sie entgegnete: "Wenn Sie darauf bestehen – gern. Aber Sie werden enttäuscht sein. Gestern im akademischen Konzert arbeitete eine Dame an einem Spitzenschal mit einem ganz wunderbarem Muster, da überlegte ich mir eben, wie ich es wohl nachmachen könne."
Der Professor lachte herzlich. "Da war ich allerdings auf dem Holzwege. Aber sonst sind Sie doch so fleißig und aufmerksam. Sie sind gewiß mit Leidenschaft bei dem Studium der Filosofie?"
Wieder schüttelte sie den Blondkopf, diesmal aber weit kräftiger. Ein Blitz des Unwillens zuckte aus den sonst so ruhigen Augen, und fast heftig rief sie: "Ganz und gar nicht, Herr Professor! Sie ist mir sogar in tiefster Seele zuwider, diese sogenannte Filosofie!"
Krusig starrte sie verblüfft an. Diese Antwort enttäuschte ihn noch mehr als die erste. "Ja, aber warum in aller Welt studieren Sie dann?" fragte er betroffen.
"Weil ich eben muß," antwortete sie, das letzte Wörtchen kräftig betonend.
"Sie müssen?" Wer zwingt Sie denn?"
"Meine Eltern. Mein Vater wie meine Mutter wollen durchaus etwas Großes aus mir machen." Sie versuchte dabei zu lachen, aber der Versuch mißlang auf das kläglichste. Im Gegenteil, ihre Züge verwandelten sich wie die eines Kindes, das jede Empfindung mimisch und fonetisch zugleich ausdrückt. Sogar eine Träne schimmerte plötzlich in den blauen Sternen.
Unrihig rückte der Professor auf seinem Stuhle – er konnte nicht gut Frauentränen sehen. "Sie sind also unglücklich?" fragte er mitleidig.
"Ach ja – sehr."
"Aber, mein Fräulein, was für einen Zweck soll es haben, Sie zu etwas zu zwingen, wozu Sie keine Neigung besitzen?"
"Das weiß ich auch nicht. Mein Vater ist ein Eisenkopf und meine Mutter etwas eitel. Er hat nicht studieren können, und statt Gott dafür zu danken, daß er ihn zu einem reichen Kaufmann statt zu einem armen Professor gemacht hat – nehmen Sie es nicht übel, aber –"
"Durchaus nicht," versetzte er lachend.
"Statt dessen möchte er nun wenigstens seine Kinder zu studierten Leuten machen. Da nun aber mein Bruder ihm den Gefallen nicht getan hat, sondern von der Universität weggelaufen ist, um sich der Musik zu widmen, so muß nun ich daran glauben. Erst haben sie mich durch die Töchterschule hindurchgeschleppt, dann durchs Reformgymnasium, nun muß ich hier meine schönsten Jahre verlieren. Ich soll absolut ein Fräulein Doktor werden – Papa und Mama wollen unbedingt einen gelehrten Titel in der Familie haben." Sie war außer sich, alle Scheu war verschwunden, ihr gepreßtes Herz öffnete sich gleich einem Strome, der endlich seinen Weg über die hemmenden Schranken gefunden hat.
"Das ist recht traurig," bemerkte Professor Krusig, der mit Mühe ein Lächeln unterdrückte, obgleich er innige Teilnahme für das anmutige Geschöpf empfand.
"Nicht wahr? Entsetzlich!"
"Aber Sie haben vielleicht doch Talent für das Studium."
"Ich? Nicht die Spur," rief sie verächtlich. "Erst hab' ich's mit der Medizin versucht – ich fiel bei der ersten Operation in drei Ohnmachten. Das ging also nicht. Dann wollte ich Rechtsanwältin werden – ich begreife nicht, wie überhaupt jemand Rechtsanwalt werden kann. Mir klingen noch die Ohren, wenn ich an die erste Vorlesung denke. – Nun probiere ich's mit der Filosofie."
"Und auch sie findet keine Gnade vor Ihren Augen?"
"Ich hasse sie geradezu," antwortete Lucy Herat, die weißen Zähnchen energisch aufeinanderpressend. "Jedenfalls begreife ich ebensowenig davon wie von der Juristerei."
"Ich bemühe mich aber doch, so klar und verständlich wie möglich zu sein."
"Kann sein, Herr Professor, aber so klar können Sie gar nicht sein, daß ich Sie verstehe."
Er lachte wieder. "Warum fragen Sie mich denn nie?"
"Ich schäme mich," erklärte sie, verlegen das Gesicht abwendend.
"Und ich dachte gerade – Sie seufzen doch immer, wenn ich eine Vorlesung beendet habe. Ich glaubte darin ein ZEichen des Bedauerns zu erkennen, daß der Vortrag schon zu Ende sei. Warum seufzen Sie denn eigentlich?"
"Weil ich mich allemal gräme, daß ich wieder kein Wort begriffen habe, Herr Professor. Ach Gott, es ist ein Elend! Und doch möchte ich meinen Eltern den Kummer nicht bereiten, aufzuhören, sie würden gar zu traurig sein."
"Dann wird Ihnen aber schließlich dochh nichts anderes übrig bleiben, Fräulein. Sie verleiren nur unnütz Zeit und Geld."
"Wenn es auch ein paar Jahre länger dauert, ich gebe mir rechte Mühe und bringe es schließlich doch vielleicht zur Doktorin. Meinen Sie nicht?"
"Ich weiß nicht." Er zuckte lachend die Achseln. "Ich will Ihnen gern den Gefallen tun, Ihnen dann und wann ein Privatissimum zu spenden, wenn Sie wollen."
"Ach, wie dankbar wäre ich Ihnen dafür!"
"Wenigstens will ich Ihnen einmal näher auf den Zahn fühlen. Kommen Sie doch morgen um drei Uhr zu mir und bringen Sie Ihr Heft mit."
Sie dankte freudig. Dann ließ er das Thema fallen und sprach mit ihr über profane dinge, den Wald und das Wetter, den Mond und die Sterne, über alles, was der Augenblick darbot. Gegen Abend gingen Sie zusammen nach Hause.

*

Neugierig, so nannte er es wenigstens, harrte Professor Krusig am anderen Tag der Ankunft seiner Schülerin. Sie kam wirklich, und zwar schon eine halbe Stunde vor der festgesetzten Zeit.
"Verzeihen Sie, Herr Professor," bat sie mit freundlicher Miene, "ich komme nur, mir die Frage zu erlauben, ob ich nicht lieber morgen kommen kann?"
"Gewiß, Fräulein, wenn es Ihnen heute nicht paßt. Haben Sie etwas vor?"
"Nicht eigentlich." Sie guckte verlegen neben seiner Schulter zum Fenster hinaus und schien mit kritischer Aufmerksamkeit den Blitzableiter auf dem Hause gegenüber zu betrachten.
"Ich wollte nur – wissen Sie," platzte sie plötzlich mit ihrer naiven Aufrichtigkeit heraus, "die Wahrheit ist, daß die Dame, bei der ich wohne, einen Ausflug macht. Wenn ich nun die beiden Kinder übernehme, läßt sie diese da, übernehme ich sie nicht, nimmt sie sie mit – und da – da –"
"Sie möchten die Kinder gerne übernehmen?"
"Ach ja, ich habe Kinder fürs Leben gern. Ich koche ihnen Kakao, hole Kuchen dazu, dann gehen wir spazieren, ich erzähle ihnen –"
"Von der Ethik des Spinoza."
"Nun, das gerade nicht, Herr Professor, aber ethisch ist es gewiß auch. Also soll ich – oder sind Sie mir böse, wenn ich –"
Wieder dasselbe herzliche, erquickende Lachen auf seinem Gesicht. "Ich Ihnen böse? Gehen Sie nur hin und erfreuen Sie sich der Kleinen – und grüßen Sie sie schön von mir."
Er drückte ihr freundlich die Hand, und sie flog mit hochroten Wangen davon wie ein Schmetterling, den ein Knabe am Flügel gehalten und plötzlich losgelassen hat.
"Das wird im Leben keine Doktorin der Filosofie," murmelte Krusig belustigt, indem er, ihr nachschauend, an die Fenserscheiben trommelte. –
Der nächste Tag brachte sie wieder, pünktlich, ohne Einwand.
"Nun setzen Sie sich," sagte Krusig liebenswürdig. "Jetzt will ich Ihnen einmal ein bißchen auf den Zahn fühlen."
Sie sah ihn mit einem halb komischen, halb ängstlichen Blick an, etwa wie einen wirklichen Zahnarzt, der mit der Zange herantritt.
"Ich fürchte, Sie werden über meine Unwissenheit entsetzt sein, Herr Professor," warf sie kläglich hin.
"Wer weiß. Also, Fräulein Herat, kennen Sie den Begriff der Filosofie des Unbewußten?"
Sie erglühte bis über die Schläfen. "Nein," stammelte sie, "der ist mir gänzlich – unbewußt."
"So sagen Sie mir, was Sie von der Filosofie Heraklits wissen."
Einen Augenblick überlegte Lucy, dann entgegnete sie triumfierend: "O, über den bin ich ganz genau unterrichtet. Seine Filosofie bestand in zwölf Arbeiten, die ihm der König Eurystheus auferlegte, weil –"
"Halt," unterbrach er sie lächelnd, "Sie sprechen von Herakles oder Herkules, dem großen Helden. Der geht uns in der Filosofie aber gar nichts an. Ich meine Herakleitos oder Heraklit aus Efesus, mit dem Beinamen der Dunkle genannt, weil seine Filosofie so dunkel oder schwer verständlich ist. Was wissen Sie also von seiner Filosofie?"
Sie schwieg eine kleine Weile, ehe sie beschämt entgegnete: "Daß sie mir noch dunkler ist als anderen Leuten, Herr Professor. Wenn schon die Gelehrten ihn dunkel nennen, dann bin ich überzeugt, daß er für mich die reine ägyptische Finsternis ist."
"Das scheint mir allerdings so. Nun wohl, so können Sie mir vielleicht etwas über Kants »Ding an sich« sagen?"
"Das
»Ding an sich«?"
"Ja, das
»Ding an sich«."
"Ich finde den Ausdruck etwas merkwürdig, Herr Professor."
"So? Vielleicht wissen Sie einen besseren?"
"Ach, gehen Sie – Sie machen sich über mich lustig!"
"Wie können Sie so eetwas von mir denken? Ich rede ganz im Ernst. Was ist also das
»Ding an sich«? Wissen Sie es?"
"Nein. Was ist das für eine Erscheinung?"
"Eine Erscheinung ist es gar nicht – gerade das Gegenteil, liebes Fräulein. Wissen Sie, was Erscheinung ist?"
"Eine Erscheinung? O, das ist ein Gespenst, eine Vision –"
"Im filosofischen Sinne nicht. Da sind Sie selbst zum Beispiel eine Erscheinung."
"Herr Professor, ich bitte Sie –"
"Ja gewiß," rief er übermütig. "Sie sind auch eine Erscheinung – aber eine recht hübsche. Inwieweit die Erscheinung des Menschen mit dem
»Ding an sich« übereinstimmt, ist freilich eine ganz andere Frage."
"Das verstehe ich nicht."
"Schadet nichts. Bei Ihnen glaube ich beinahe, daß Erscheinung und
»Ding an sich« sich decken, Fräulein. Wollen Sie mir einmal Ihr Kollegheft zeigen?"
"Bitte."
Sie reichte es ihm, er blätterte darin.
"Von den Moneten des Leibnitz – heiliges Pech!" schrie Krusig beinahe jubelnd auf. "Liebes Fräulein, Moneten sind etwas sehr Hübsches, aber Leibnitz hat zufälligerweise von Monaden gesprochen. Na, zum Glück haben Sie sonst nicht viel nachgeschriebn. Doch halt, hier, die zweite Hälfte des Heftes ist ziemlich stark benutzt. Was haben wir da?"
Er schlug eine Seite auf und las: "Imitierte Gänselberpastete. Man nimmt ein halbes Pfund –"
Jetzt platzte er laut los. "Das sind ja – hahaha – Kochrezepte!"
"Ja, gestand sie beschämt, "und ähnliches. Ich schreibe mir gern alles auf, was mich interessiert."
"Wozu allem Anschein nach die Filosofie nicht gehört," ergänzte er. "Fräulein, Fräulein, hängen Sie die Filosofie an den Nagel!"
Da ward sie recht  traurig. "Und meine Eltern?"
"Ja so", sagte er. "Da muß ich versuchen, mit Ihnen bei den Elementen anzufangen. Probieren können wir's ja einmal. Aber nicht heute. Heute bin ich aus aller Andacht, Fräulein herat. Ich habe noch zwei Damen, die bei mir Privatunterricht erhalten, da können Sie sich anschließen. – Aber einen Gefallen müssen Sie mir auch tun."
"Von Herzen gern, Herr Professor. Was wünschn Sie?"
"Ich esse für mein Leben gern Gänseleberpastete. Lassen Sie mich Ihre Pseudopastete einmal versuchen."
Sie lachte und erklärte, ein Filosof dürfe nicht so materiell sein. "Aber Sie sollen sie kosten," setzte sie hinzu.

*

Fräulein stud. fil. Lucy herat wohnte bei dem Gymnasiallehrer Giertz, einem Studienfreund des Professors. Letzterer folgte eines Abends einer Einladung zu Giertz. Es handelte sich um die Feier des Geburtstages der Hausfrau im engeren Kreise.
Die ersten Gäste waren schon erschienen, es ging sehr lebhaft zu.
"Wo ist denn Fräulein Herat?" forschte Krusig, der sich vergeblich nach Lucy umgesehen hatte. "Sie erzählte mir doch, daß sie der festlichkeit auch beiwohnen werde."
Die Dame des Hauses lächelte bedeutsam. "Unsere Lucy, die zweite Mutter meiner Kinder, werden wir doch nicht entbehren wollen," versetzte sie. "Wo sie ist? In der Küche."
Lucy Herat von H. Römer, Illustration Theodor Volz"In der Küche?"
"Jawohl."
Der Professor eilte nach der Küche. Da fand er Lucy, krebsrot im Gesicht, mit einer riesengroßen weißen Schürze angetan, allerliebst ausschauend, über eine mächtige Schüssel mit Teig gebeugt, den sie mit ihren zarten Fingern kräftig bearbeitete.
"Aber Fräulein herat, was tun Sie denn da?"
"Ich backe noch Pfannkuchen zum Tee," erwiderte sie. "Sie gelingen mir immer so gut –"
"Schade, daß der Teig kein filosofisches System ist."
"Ja, das ist schade," rief sie, ihn anblitzend. "Ich wollte es ebenso kneten und drücken und – und zu Pfannkuchen formen, dann käme doch etwas Genießbares heraus."
"Sie sind maliziös."
"Ach, gehen Sie mir mit der Filosofie! Wenn Sie übrigens dann Tee trinken – die Mischung ist meine Erfindung."
"Ich werde ihn versuchen; für gewöhnlich trinke ich gar keinen."
"Er wird Ihnen schmecken."
"Kommen Sie nicht bald herein?"
"In einer halben Stunde, eher nicht." –
Sie kam wirklich nicht eher, und als sie kam, trug sie ein Präsentierbrett in der Hand, worauf eine verdeckte Schüssel stand. Das setzte sie vor Krusig hin.
"Was haben Sie denn da? Die Überraschung?"
"Jawohl – das ist für Sie ganz allein, Herr Professor. Es ist die Pseudogänseleberpastete."
Er kostete. "Vorzüglich – Sie sind eine Künstlerin! Wisssen Sie was, Fräulein herat?" flüsterte er ihr zu.
"Was denn?"
"Mit der Filosofie wird es ein für allemal nichts – und mit anderen gelehrten Sachen auch nichts Versuchen Sie es mit der Ökonomie, das ist Ihr natürliches Fach, sonst verfehlen Sie Ihren Beruf."
Augenblicklich ernst werdend, klagte sie: "Ja, wenn nur mein Vater sich davon überzeugen wollte!"
"Ich werde ihn überzeugen." rief er bereitwillig. "Ich werde mit ihm reden. Besucht er Sie nicht einmal?"
"Nächste Woche."
"So bringen Sie ihn zu mir."
"O wenn Sie das tun wollten!" Ein freudiger Ausdruck verklärte ihre Züge. Dann verdüsterten sie sich aber wieder. "Ach, es wird Ihnen nicht gelingen – Papa will absolut einen Titel für mich haben."
"Und wenn ich Ihnen den verschaffe?"
"Sie – mir? Wie wollen Sie das anfangen?"
"O nichts leichter als das. Sie müssen mir nur nicht entgegen sein."
Er flüsteerte ihr wieder etwas zu. Da färbte sie sich mit einem Male wieder so rt wie draußen in der Küche.
"Sie scherzen, Herr Professor," stammelte sie.
"Fällt mir gar nicht ein. Nun also: muß ich fürchten, daß sie nicht einverstanden sind?"
"Nein," hauchte sie.
"Dann bleibt es bei unserer Verabredung!"

*

Acht Tage später traf Lucys Vater in der Universitätsstadt ein. Ihrem Versprechen gemäß brachte ihn die junge Dame zu Professor Krusig. Der sprach lange in ihn hinein, stellte ihm vor, daß seine Tochter absolut nicht für das Studium tauge, daß sie vielmehr ganz und gar in häuslichen Pflichten aufgehe, und riet ihm dringend, das arme Kind nicht unnötig zu quälen.
Verdutzt und betrübt starrte der alte Herr vor sich hin. "Also auch mit ihr nichts! Nein, nein, sie muß sich eben Mühe geben," rief er ärgerlich. "Mit fleiß und gutem Willen läßt sich alles erreichen!"
"In diesem Falle doch nciht," entgegnete Krusig. "Indessen, vielleicht können Sie zu Ihrem Ziele kommen, ohne daß Ihre Tochter sich vergebens abmüht. Wären Sie denn zufrieden, wenn sie den Titel Frau Professorin führte? Das klingt doch ebensogut wie Fräulein Doktor?"
"Ja, da wäre ich schon zufrieden. Aber wie soll sie den bekommen?"
"Ganz einfach dadruch, daß sie – meine Frau wird," erklärte der Professor ein wenig beklommen. "Wenn Sie also nichts dagegen haben –"
Der Vater hatte nichts dagegen, und einige Wochen später schickten Herr Professor Krusig und Frau Professor Krusig ihre Vermählungsanzeigen in die Welt.