Die Deutungshoheit über nationales Denken und internationale Dichter

Neulich ist es in einem Blitz von Selbsterkenntnis Markus Günther, dem AZ-Chefredakteur, aufgefallen, daß er und sein CSU-nahes Blatt im Grunde ewiggestrig sind (im Zusammenhang mit der »Energiewende« am 04.06.11). Natürlich hat er das, kaum schoß der Gedanke in sein Hirn, auch schon wieder dementiert: Andere, solche, die Politik »im Affekt« betrieben, versuchten Konservative in diesem Lichte erscheinen zu lassen. Das ginge allerdings an der Sache, an den zu bewältigenden nationalen Aufgaben – Sachzwängen allenthalben! – vorbei, führe zu deutschen »Sonderwegen«. Jedermann kann sich leicht vorstellen, auf welcher Seite des politischen Spektrums er die verortet – auf alle Fälle nicht dort, wo sie, parteimäßig ebenso wie thematisch hingehörten. Außerhalb jeder Kritik steht so – das ist Absicht – die geradezu bemitleidenswerte Ossimutti da, die den Vereinigten Staaten von Amerika in Form ihrer Präsidenten so gerne in den Arsch kriecht. Wobei man nie weiß, ob gerade mehr die nationale Berechnung oder die persönliche Dummheit in der Tiefe ihrer Bohrung überwiegt.

Nun ist der spanische Schriftsteller Jorge Semprún verstorben und postwendend waren die Kulturseiten der demokratischen Presse voll von seitenlangen Nachrufen auf diesen Mann, der sich wie Brecht oft genug für einen Kommunisten gehalten hatte. Nachdem er aus der moskautreuen spanischen KP wegen abweichender Haltung ausgeschlossen worden war, zählte er nicht mehr als Kommunist. Eine Einstufung, auf die er selber dann auch nichts mehr gegeben hat, warum auch. Wer will schon etwas mit Kommunismus zu tun haben, wenn das, was dort drüben an Politik gemacht worden ist, als Kommunismus firmiert, dafür auch noch einen Alleinvertretungsanspruch reklamiert und dies überdies vom »freien Westen« in dessen desavouierendem Interesse bestätigt bekommt?
Leider konnte er den antikommunistischen Kronzeugenangeboten in dieser Fase persönlicher Verunsicherung dann nicht widerstehen, zu sehr hatte er sich auf der Ebene moralisch-realsozialistischer Sinngebung bewegt, was ihn nun zum neuen Sinnsucher machte. Zum einen sollte er den spanischen Sozialisten unter Felipe Gonzáles als Aushängeschild dienen, weshalb ihm der Posten eines Kulturministers angetragen wurde (1988). Diese Scheiße bemerkte er erst nach einigen Jahren (1991). Eine andere Scheiße wurde ihm aus der BRD angetragen, nämlich die Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels im Jahre 1994, die er mit realistisch-unrealistischen Gelaber folgender Art quittiert hat: "Ich habe niemals Deutschland und die deutsche Kultur [was immer das sein mag] mit den Nazis gleichgesetzt. (...) Ich hoffe und glaube im übrigen, daß Deutschland in Europa eine wichtige Rolle spielen wird, nicht so sehr wegen seiner wirtschaftlichen Kraft, sondern vielmehr eher in dem Sinne, daß Deutschland eine Verabredung mit der Erinnerung, mit der Vergangenheit darstellt." In Sahne gequirlte Rosinen für die beehrten deutschen Kulturkackköpfe!

Das soll freilich nicht über einige Leistungen hinwegtäuschen, die er tatsächlich vollbracht hat. So war er als Drehbuchautor maßgeblich an der Verfilmung von Vasilis Vasilikos' Roman Z beteiligt, der die Repression im Zeichen der systemrelevanten Medien in Griechenland thematisiert und auf purer Wirklichkeit beruht. Und sicher einiges mehr, was es auch für KoKa noch zu entdecken gilt oder auch nicht, denn, folgt man ausnahmsweise der deutschen Presse, so warnt die vor einer Heilsgestalt (SZ) und einer ihm eigenen Eitelkeit (FAZ); oder sie zitiert gar einen blasierten Käse wie "Mein Vaterland ist das Sprachvermögen" (taz; alle Zeitungen vom 09.06.11).

Doch der langen Rede kurzer Sinn: Die Begriffshoheit kann einen Streit über einen Begriff witzlos machen. Also wenn bezüglich der Sowjetunion und ihren Satellitenstaaten dahingehend Einigkeit herrscht, diese als Kommunismus zu nehmen, dann ist auf den Kommunismus geschissen. "In dem Roman »der zweite Tod des Ramón Mercader« (1969) rechnete er mit den Vorgängen [denen um seinem Parteiausschluß 1964] und dem Kommunismus ab." (AZ, 09.06.11).
Doch stellt man sich die schier unerhörte Frage, was denn an diesen Staaten kommunistisch gewesen sein mag, dann wird man schnell zu der Erkenntnis kommen können, daß da kaum ein Pfifferling, wenn überhaupt etwas feststellbar ist, was der Bezeichnung nahekommt, ja nicht einmal ansatzweise einer Idee des Kommunismus gefolgt ist [wer diesbezüglich anderer Meinung ist, kann gerne mal seine Stellungnahme an KoKa senden]. Die pure Aufrechterhaltung staatlicher Macht ist ja wohl alles andere als ein kommunistisches Programm! Wenn das dort drüben also gar kein Kommunismus war, dann sind die kommunistischen Abweichler, die wie Semprún aus der Partei ausgeschlossen wurden, doch wieder vergleichsweise kommunistisch, was natürlich auch für all die Kommunisten gilt, die von dem großen Staatsmann Stalin dahingemordet worden waren, was ihm die bornierten Freunde der kapitalistischen Freiheit im Grunde hoch anrechnen müßten.

Gleiches gilt für Brecht, von dem sowohl der Karlsruher Brechtforscher Jan Knopf wie der Augsburger Brechtforscher Jürgen Hillesheim übereinstimmend behaupten, er habe mit Kommunismus haltungsmäßig so gut wie nichts zu tun. Hillesheim im Zentralorgan der Augsburger Stadtregierung Augsburg direkt (06/07-11):
"Er legt gesellschaftliche und religiöse Mechanismen und dessen mögliche Veränderbarkeit offen, ohne gleich ein ideologisches Programm mitzuliefern. Man könnte bei ihm auch von einem gewissen Opportunismus sprechen, wenn es darum ging, die eigene Sache voranzutreiben. Daß Brecht überzeugter Kommunist gewesen sein soll, erweist sich immer deutlicher als Märchen."
Klar, wenn die DDR Kommunismus war, dann war Brecht kein Kommunist. Umgekehrt, wenn die DDR mit Kommunismus nichts am Hut hatte, dann war Brecht in so mancher seiner Äußerung wirklicher Kommunist. Aber solche Auflösung ist nicht erwünscht, weil Brecht als Standortfaktor erforscht wird. Hillesheim:
"... Das heißt, daß ich aufgrund meiner künftigen Lehrtätigkeit universitäres Know-how in die Stadt bringen und so zu ihrem Ansehen als Standort der Brechtforschung beitragen möchte."
Eine schöne, garantiert kapitalistische Prämisse der Bildung heutiger Zeit. Also von wegen ewig gestrig! Markus Günther kann aufatmen, er braucht nicht über die ihm obliegende Deutungshoheit ins Grübeln geraten!
(10.06.11)