Das kommunistische Manifest
Ein mangelhaftes Pamflet - aber immer noch besser als sein moderner guter Ruf (aus: Gegenstandpunkt 2-1998)
I. Ein Gespenst geht um in Europa - die Liebe zum kommunistischen Manifest
Wäre
die alte Agitationsschrift von Marx und Engels nicht ausgerechnet
dieses Jahr 150 Jahre alt geworden, kein Hahn hätte danach
gekräht. Der Faszination der runden Jahreszahl konnten sich die
kritischen Köpfe der freiheitlichen Öffentlichkeit aber
einfach nicht verschließen: Rückschau stand an und eine
kritische Würdigung des Frühwerkes der „Ahnväter
des Kommunismus“. Von deren Spätfolgen hält man zwar
weniger denn je etwas: Seit die Sowjetmacht sich aufgelöst hat,
gilt deren System in zunehmendem Maße nur noch als Verbrechen.
Als Sieger der Geschichte kann der abendländische Geist aber
manches wieder interessant finden, wovon er sich bis neulich noch
schwer bedroht gefühlt hat und das er deshalb ernster nehmen
mußte, als ihm lieb war:
„Doch
nun, da es einen ernstzunehmenden Marxismus nicht mehr gibt, besteht
auch die Chance, vorurteilsfrei die Seiten des Marxschen Werkes zu
betrachten, in denen er recht behielt.“ (Nikolaus Piper, SZ
21.2.98)
Mit
der größten Selbstverständlichkeit legt dieser
Vertreter der absolut überparteilichen und unabhängigen
„vierten Gewalt“ ein Bekenntnis zum parteilichen Denken im
Dienste seiner Obrigkeit ab. Solange es eine real existierende
Alternative zum wunderbaren System von Marktwirtschaft und Demokratie
gab, hatte der in westlichen Redaktionen beheimatete kritische
Sachverstand schlechterdings keine Chance zur vorurteilsfreien Analyse
linken Schrifttums. Propaganda gegen linke Systemgegner war damals
nunmal ein Gebot der Freiheit. Jetzt, wo der gefährliche Spuk
vorbei ist, kann man das erstens gelassen zugeben und sich zweitens
ganz unverkrampft der Frage zuwenden, was uns das
„Gespenst“ aus dem Kommunistischen Manifest heute noch zu
sagen hat. Die Antworten sind entsprechend.
1. Ein großes Stück Weltliteratur
Da
herrscht Einigkeit in der literaturkritischen Fachwelt: Marx, der
konnte dichten! Von „geradezu biblischer Sprachgewalt" soll der
Text sein, den die beiden sozialistischen Agitatoren vor 150 Jahren zu
Papier brachten: mindestens „ein Meisterwerk der
Weltliteratur“ (Umberto Eco), „eines der herrlichsten
Prosastücke der deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts“
(Marcel Reich-Ranicki). Ein Text, wie eine Symfonie: „Er beginnt
mit einem Paukenschlag, wie die Fünfte von Beethoven»
(nochmal Umberto Eco) ... So kann man seitenweise Textanalysen
fabrizieren, über die „lapidaren Sätze“ mit ihren
„schöpferischen Eruptionen“ und
„unvergeßlichen Aforismen“ (Gespenst geht um!, Ketten
verlieren ... Welt zu gewinnen!) darherschwafeln, den Text als
Schulungsmaterial für Werbefachleute empfehlen, weil man sich
angeblich seiner zwingenden Kraft als Literatur nicht entziehen kann,
ohne auch nur im geringsten von dem Inhalt der Schrift angetan zu sein.
Geschweige denn, sich diesem Inhalt nicht entziehen zu können. Das
begeisterte Getue nach dem Motto: „Schöön haben sie das
gesagt!“ ist die denkbar größte Distanz, die man zu
der alten Agitationsschrift einnehmen kann. Denn immerhin wollten Marx
und Engels damals nicht noch 'n Gedicht schreiben, sondern die Arbeiter
zu einer proletarischen Revolution aufhetzen.*)
Aber
nicht nur auf literarischem Gebiet, auch auf dem Felde der
Ökonomie sollen die Autoren des kommunistischen Manifests
Großartiges geleistet haben. Lauter erklärte Antikommunisten
entdecken im Kommunistischen Manifest:
2. Die beste Wirtschaftsprognose, die die Welt gesehen hat
Die
Zukunft des weltweiten Kapitalismus haben Marx und Engels nämlich
angeblich messerscharf vorausgesehen und dabei nicht mit Lob gespart
für seine grandiosen Taten. Eine erstaunliche Leistung soll das
gewesen sein, wo doch
„der
Industriekapitalismus erst am Anfang seiner eigenen, äußerst
dynamischen Weltrevolution stand, die im Manifest gepriesen
wurde.“ „Der Text auf 30 Druckseiten sagte korrekt den
Konzentrationsprozeß in der Wirtschaft voraus, auf Kosten der
bisherigen kleinen Mittelstände, kleinen Industriellen, Handwerker
und Bauern. Mit dem Donnerhall alttestamentlicher Profeten
kündigte er vor 150 Jahren die Globalisierung an.“ (Friedjof
Meyer, Spiegel 16.3.98)
„Nie
wurde die kapitalistische Globalisierung, kaum daß sie begonnen
hatte, grandioser besungen als im Februar 1848.“ (Mathias
Greiffrath, Die Zeit 5.2.98)
Selbst das Handelsblatt muß der prognostischen Kraft des Marxismus Respekt zollen:
„
... manche seiner Prognosen sind von der Entwicklung bestätigt
worden und lassen sich heute als Zustandsbeschreibungen selbst in den
Leitartikeln bürgerlicher Zeitungen nachlesen.“ (Hans
Mundorf, HB 25.2.98)
Ausgerechnet
an dieser ersten Hetzschrift gegen den weltweiten Kapitalismus wollen
sie nämlich nichts geringeres als ihr eigenes Gerede von der
Globalisierung mit ihren Gefahren und Chancen für den Standort
Deutschland ausgemacht haben. Begeisterung kommt auf bei allen Freunden
der Globalisierungsideologie angesichts folgender Passage:
„Das
Bedürfnis nach einem stets ausgedehnteren Absatz für ihre
Produkte jagt die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel.
Überall muß sie sich einnisten, überall anbauen,
überall Verbindungen herstellen. Die Bourgeoisie hat durch ihre
Exploitation des Weltmarkts die Produktion und Konsumtion aller
Länder kosmopolitisch gestaltet. Sie hat zum großen Bedauern
der Reaktionäre den nationalen Boden der Industrie unter den
Füßen weggezogen. Die uralten nationalen Industrien sind
vernichtet worden und werden noch täglich vernichtet. Sie werden
verdrängt durch neue Industrien, deren Einführung eine
Lebensfrage für alle zivilisierten Nationen wird... An die Stelle
der alten lokalen und nationalen Selbstgenügsamkeit und
Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger Verkehr, eine allseitige
Abhängigkeit voneinander.“ (zitiert nach Handelsblatt
25.2.98, aber so oder ähnlich auch in sämtlichen anderen
Lobreden auf den Prognostiker Marx zu finden)
Weiter im Handelsblatt-Text:
„Könnte
das nicht der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen
Industrie, Hans-Olaf Henkel, in einer seiner Standortreden ähnlich
gesagt haben, und zwar nicht als Profezeiung, sondern als Abmahnung an
die Adresse der Reaktionäre, die immer noch an der Tarifautonomie,
am Sozialstaat, an der Nationalität eines Währungs-,
Wirtschafts- und Steuersystems festhalten? Und wer wollte im Jahr 1998
der Feststellung von Marx aus dem Jahr 1848 widersprechen, daß es
für die Wirtschaft ein Gesetz der Konzentration gibt, ,daß
die bisherigen kleinen Mittelstände, die kleinen Industriellen'
der Konkurrenz der Großunternehmen zum Opfer fallen? An die
Stelle des industriellen Mittelstandes werde die große Industrie
treten, beherrscht von den ,Chefs ganzer industrieller Armeen'.“
Nein,
das muß sich der alte Marx wirklich nicht nachsagen lassen,
daß sein Text eine gelungene Redevorlage für den heutigen
Kapitalistenchef abgäbe.**) Im Unterschied zu allen modernen
Standort-Rednern und Leitartikel-Schreibern, die ein Fänomen
namens „Globalisierung“ beschwören, das unser aller
Schicksal sein soll, dem sich niemand, kein Politiker, kein
Unternehmer, kein Gewerkschaftsführer entziehen kann, und das
deshalb immer zu dem wenig originellen kapitalistischen Sachzwang
führen soll: die Geschäftsbedingungen für das Kapital
müssen verbessert, die Löhne müssen drastisch gesenkt
werden... - im Unterschied zu Gestalten wie Henkel und Co. benennt das
Kommunistische Manifest erstens ein Subjekt, das sich den Erdball nach
seinen Bedingungen zurechtmacht. Wo Marx schreibt: „Die
Bourgeoisie jagt über den ganzen Erdball“, nehmen die des
Lesens offenkundig nur selektiv fähigen modernen Freunde der
„Globalisierungsdebatte“ zur Kenntnis: „...jagt
über
den Erdball“ = Globus = Globalisierung = wir sitzen alle in der
„Globalisierungsfalle = die Löhne müssen runter, wer
sagt's denn!“ Wo die modernen Apologeten des weltweiten
Kapitalismus keine Macher und Nutznießer dieser Produktionsweise
mehr kennen wollen, sondern nur noch Betroffene, erklärt das
Kommunistische Manifest zweitens die Notwendigkeit des
Interessengegensatzes zwischen Kapital und Arbeiterklasse. In einer
Zeit, in der die kapitalistische Produktionsweise gewaltsam gegen die
noch bestehenden feudalistischen Interessen durchgesetzt
wurde, erkannten Marx und Engels die Qualität des neuen,
unversöhnlichen Interessengegensatzes, der mit dem Sieg der
Bourgeoisie über die feudale Gesellschaftsordnung eingerichtet
wurde. Das Proletariat, die eigentumslose Klasse der Lohnarbeiter, die
durch die bürgerliche Revolution gerade erst hergestellt wurde,
wollten sie aufhetzen zu einem Kampf gegen die neue Herrschaftsklasse,
die dabei war, „sich eine Welt nach ihrem eigenen Bilde zu
schaffen“. Denn ihnen war klar, welche noch nie dagewesene
Barbarei mit der neuen fortschrittlichen Produktionsweise weltweit
durchgesetzt wurde:
„In
den Handelskriegen wird ein großer Teil nicht nur der erzeugten
Produkte, sondern der bereits geschaffenen Produktivkräfte
regelmäßig vernichtet. In den Krisen bricht eine
gesellschaftliche Epidemie aus, welche allen früheren Epochen als
Widersinn erschienen wäre - die Epidemie der Überproduktion.
Die Gesellschaft findet sich plötzlich in einen Zustand momentaner
Barbarei zurückversetzt; eine Hungersnot, ein allgemeiner
Vernichtungskrieg scheinen ihr alle Lebensmittel abgeschnitten zu
haben; die Industrie, der Handel scheinen vernichtet, und warum? Weil
sie zuviel Zivilisation, zuviel Lebensmittel, zuviel Industrie, zuviel
Handel besitzt.“
Hier
haben Marx und Engels nicht eine Prognose gewagt und die Wirtschafts-
und Finanzkrisen des zuendegehenden 20. Jahrhunderts vorausgesagt,
sondern zum Kampf gegen eine Gesellschaftsordnung aufgerufen, in der
die Schaffung von Reichtum notwendigerweise Elend produziert. Einer
Produktionsweise also, in der Armut nicht mehr länger Resultat von
Mangel ist, sondern das zwangsläufige Resultat einer hemmungslosen
Vermehrung von kapitalistischem Reichtum. Im Moment der Durchsetzung
des kapitalistischen Privateigentums war ihnen die
Ungeheuerlichkeit
dieses neuen Produktionsverhältnisses klar: Es beruht auf dem
ständig neu reproduzierten Ausschluß der eigentumslosen
Massen von dem in nie gekannter Dimension wachsenden Reichtum, den sie
als Lohnabhängige gezwungen sind, für ihre Fabrikherren zu
schaffen.
Daß
dieser neue Klassengegensatz mit dem Sieg der Bourgeoisie zum alles
Entscheidenden wird, daß davor „alles Ständische und
Stehende verdampft", alle sonstigen gesellschaftlichen Gegensätze
und Problemlagen nebensächlich werden, darauf wollte das
Kommunistische Manifest die „Proletarier aller Länder“
aufmerksam machen. Es war die Aufforderung, die in alle möglichen
Kämpfe involvierten Massen sollten sich nicht zum Mittel für
den gerade stattfindenden Durchsetzungskampf der Bourgeoisie gegen die
Feudalordnung machen lassen, sondern gleich den Übergang zum alles
entscheidenden Klassenkampf gegen das Privateigentum machen.
Es
gehört schon ein beträchtliches Maß an interessiertem
Analfabetismus dazu, aus dem alten Manifest, das zur Abschaffung des
Privateigentums, zum Angriff auf das kapitalistische
Produktionsverhältnis aufruft, Marx' Diagnose des
Klassengegensatzes glatt zu eliminieren und statt dessen eine gelungene
Beschreibung der Problemlage unserer heutigen Wirtschaftsführer
mit ihren „Standortsorgen“ herauszulesen.
Aber
es kommt noch besser: Der Wirtschaftsfachmann des Handelsblatts seufzt
nach einem „neuen Marx“, damit er und seinesgleichen sich
im - von ihm und seinesgleichen sonst immerzu gepriesenen -
„freien Spiel der Märkte“, das ohne jede Planung doch
bekanntlich so wunderbar funktioniert und letztlich der Menschennatur
so unnachahmlich entspricht, noch zurechtfinden können oder doch
zumindest den einen oder anderen Tip bekommen könnten, wo sich das
Investieren noch lohnt ...
„Marx
und Engels verstanden sehr viel von der Ökonomie ihrer damaligen
Zeit. Lebten sie heute, wären sie vermutlich keine Kommunisten,
sondern liberale, das heißt beamtete Professoren der
Wirtschaftswissenschaften. Auch in dieser Eigenschaft würden sie
sicherlich mehr leisten als die unentwegte Reproduktion von
Adam-Smith-Zitaten. Sie würden vielleicht doch den Mut haben, auch
einen Bilck in die Zukunft zu richten, und wenigstens eine Theorie des
Globalismus entwickeln. Denn wenn schon Produktion und Konsumtion immer
kosmopolitischer werden müssen, wenn den nationalen Industrien der
Boden unter den Füßen weggezogen wird, wenn alles
Ständische und Stehende verdampfen muß, von den nationalen
Währungen bis zu den nationalen Tarif- und Sozialsystemen: Warum
gibt es keine „Allgemeine Theorie" solcher Veränderungen?
Warum gibt es keine Konzepte, was in Deutschland an die Stelle der
Tarifautonomie treten könnte, wie sich die Sozialversicherungen
bei sinkenden Löhnen finanzieren ließen, welche
Transferleistungen in Europa notwendig werden, wenn der Wettbewerb der
Währungen außer Kraft gesetzt wird? Und warum muß die
Welt immer überrascht werden von Währungskrisen wie in
Südamerika, Mexiko oder in den asiatischen Tigerstaaten? Warum
steht das Wissen um die Gebrechlichkeit solcher Staaten immer erst
nachträglich und nie rechtzeitig zur Verfügung?“
Ein
paar Zeilen vorher war sich der Handelsblatt-Schreiber zwar sicher,
daß „Marx und Engels sicher gute Diagnostiker, aber
unfähige Therapeuten" waren - aber was soll's: Auf den kleinen
Nebenwiderspruch kommt es auch schon nicht mehr an bei einem Menschen,
der ungerührt zu Protokoll gibt, daß die Wirtschaftsweise,
deren hundertprozentiger Anhänger er ist, nach Gesetzen vor sich
hin funktioniert, die keiner ihrer Akteure oder Ideologen durchschaut.
Diesem geballten wirtschaftlichen Sachverstand ist deshalb auch
völlig selbstverständlich, daß eine „Theorie der
Globalisierung“ nie und nimmer auf die fundamentale Kritik einer
Ökonomie hinausläuft, die solche wahnwitzigen
Verhältnisse produziert. Nein, beim Handelsblatt ist der
marktwirtschaftliche Realismus zu Hause, und für den ist
„Theorie“ so ungefähr dasselbe wie ein Konzept zur
„sozialverträglichen Senkung der Lohnkosten“ am
Standort Deutschland oder ein paar astreine Tips fürs
Finanzkapital, welcher „emerging market“ auch
übermorgen noch einer ist... Solche Konzepte gibt es nun wirklich
massenhaft, fabriziert von „liberalen
Wirtschaftsprofessoren“ und Wirtschaftsinstituten, dazu muß
man nicht den alten Marx ausgraben und auch noch postum verbeamten!
Aber genaugenommen seufzt der Mann vom Handelsblatt weder nach einer
„Theorie der Globalisierung“ noch nach aktuellen
wirtschaftspolitischen Konzepten und Prognosen, sondern nach einer
unschlagbaren Erfolgsstrategie für den Wirtschaftsstandort
Deutschland in der weltweiten Konkurrenz. Da wird er sich wohl auch
zukünftig mit der unentwegten Reproduktion von Gejammer
beschäftigen können, daß man angesichts der
„freien Konkurrenz der Märkte“ immer erst
nachträglich weiß, wo sich ein Geschäft gelohnt hat und
wo nicht. Falls der unwahrscheinliche Fall eintritt, daß er
irgendwann wissen will, woran das liegt: Sollte er vielleicht einfach
mal ein bißchen marxistische Theorie studieren...
Das würde auch einem weiteren kritischen Geist nichts schaden, der
damit angibt, nicht nur das Manifest, sondern auch das
„Kapital“ gelesen zu haben, um dann zu folgender Erkenntnis
zu kommen:
„Zumindest
das Kapital ist, wie mittlerweile sogar Wirtschaftswissenschaftler
begreifen, kein Programm zur Abschaffung, sondern im Gegenteil eine Art
Bibel des Kapitalismus, mit einem hohen Anteil von profetischen
Büchern, in denen die Entwicklung von Welt und Wirtschaft
beängstigend genau vorherberechnet wird, inklusive Globalismus und
Geldhandelsirrsinn. Wobei Irrsinn bloß so ein journalistischer
Ausrutscher ist; Marx selber, kühl bis ans Herz, behauptete, das
müsse so sein. Und setzt nicht einmal das Wörtchen ,leider'
hinzu, jedenfalls nicht im Kapital. Gar nicht dumm im analytischen Teil
liest sich auch das Kommunistische Manifest. Wenn bloß dieser
merkwürdige Schlußsatz nicht wäre: ,Proletarier aller
Länder, vereinigt euch!' Ja, wozu denn, um Himmels Willen?“ (Rainer Stephan, SZ 3.3.98)
Ziemlich
dumm im analytischen Teil. Aber wir buchstabieren gerne noch einmal
für die Analfabeten aller Länder: Dieser
„merkwürdige Schlußsatz“ kommt so zustande:
Nachdem der Klassenfeind - die Bourgeoisie - charakterisiert ist,
werden ihre notwendigen Opfer - die „Proletarier aller
Länder“ - zum Klassenkampf gegen die weltweite Herrschaft
des Privateigentums und seine politischen Garanten aufgerufen. Wir
bezweifeln bloß, daß diese Erläuterung etwas nutzt
angesichts der beachtlichen geistigen Leistung des Herrn Stephan, die
oppositionelle Stellung gegen das Privateigentum aus dem Marxschen
Schrifttum einfach auszublenden. Oder wie sonst sollte man darauf
kommen, im „Kapital“ eine Art „Bibel des
Kapitalismus“ zu sehen, die „bloß“ mal eben
„kühl“ darstellt, daß im Kapitalismus alles so
sein muß, wie es ist? Ja, wenn das Wörtchen
„leider“ wenigstens ab und zu zum Einsatz gekommen
wäre, dann hätte man sich als moralischer Mensch vielleicht
vorstellen können, daß Marx irgendetwas Grundsätzliches
an den kapitalistischen Verhältnissen auszusetzen hatte. Aber so,
so hat er ja „nur“ die Systematik der kapitalistischen
Produktionsweise analysiert und die Notwendigkeit des Elends einer
ganzen Klasse erklärt. Und weil er diese Notwendigkeiten des
Systems analysiert hat, hat Marx auch gewußt, daß das Elend
dieser Welt nicht mit einem herzzerreißenden „Leider“
zu bedenken ist - das hat er den Pfaffen und Systemverbesserern
überlassen. Denn gerade weil der Kapitalismus, solange es ihn
gibt, so funktioniert, wie er eben funktionieren muß, hat Marx
darauf bestanden, daß dieses System nicht verbessert, sondern
abgeschafft werden muß. Das alles hat Herr Stephan lieber nicht
zur Kenntnis nehmen wollen. Fürs Leben gemerkt hat er sich statt
dessen: „Der Kapitalismus ist ein amoralisches System“ -
aber was sein muß, muß wohl sein, leider, leider...
Andererseits kann man gar nicht oft genug betonen, daß die
„bedauerlichen Zustände des Manchesterkapitalismus“,
die nach Auskunft der heutigen Rezensenten des Manifests damals
durchaus zu Recht angeprangert wurden, mittlerweile längst
überwunden sind. Wenn man es richtig liest, ist das Kommunistische
Manifest nämlich:
3. Eine Sozial-Charta, die durch die soziale Marktwirtschaft längst eingelöst ist
Denn nicht nur in ihren Diagnosen - oder genauer gesagt: ihren
angeblichen Prognosen - auch in der vorgeschlagenen Therapie bekommen
die Autoren des Kommunistischen Manifests von ihren modernen Fans ein
dickes Lob. Mit Begeisterung stürzen sie sich auf die 10
Forderungen, die am Ende des 2. Kapitels als passende
nächste Schritte hin zur proletarischen Revolution aufgelistet
werden: Forderungen, die ein etwas eigenartiges Sammelsurium
darstellen: von der Expropriation des Grundeigentums und Verwendung der
Grundrente zu Staatsausgaben über die Einführung einer
Progressivsteuer bis zur Zentralisation des Kredits in den Händen
des
Staates und der Beseitigung des Unterschieds von Stadt und Land... wird
hier für interessierte moderne Ideologen einiges Material geboten.
Daß nicht jeder der belesenen Kommentatoren des Kommunistischen
Manifestes das Vorwort zu dessen zweiter Auflage aus dem Jahre
1872 gelesen hat, will man ihnen nicht unbedingt vorwerfen. Obwohl sie
dann hätten zur Kenntnis nehmen können, daß Marx und
Engels sich ziemlich bald nach Erscheinen des Manifests eines Besseren
besonnen hatten und sich von diesen 10 Forderungen distanzierten. Was
die Lektüre des Manifestes selber betrifft, muß man
allerdings auch an dieser Stelle wieder eine ausgeprägte Form der
Leseschwäche bei den Rezensenten feststellen. Denn immerhin werden
dort diese Forderungen charakterisiert als
„Maßregeln,
die ökonomisch unzureichend und unhaltbar erscheinen, die aber im
Laufe der Bewegung über sich hinaustreiben und als Mittel zur
Umwälzung der ganzen Produktionsweise unvermeidlich sind“.
Einen
„konkreten Teilerfolg“ konnten sich die beiden
Revolutionäre also vorstellen auf dem Weg zum eigentlichen Ziel
der proletarischen Revolution - einer der schlechteren Einfälle
des Manifestes, doch dazu später. Daß die Erfüllung
dieser Forderungen nicht mit dem Endziel der Revolution, die sie
anstacheln wollten, zu verwechseln sein sollte, haben die Autoren also
deutlich zu Papier gebracht. Aber was kann man machen, wenn die
Nachwelt nicht lesen, sondern sich selber loben will?
„Die
wahren Vollstrecker des Kommunistischen Manifests waren jene
Sozialdemokraten, welche das allgemeine Wahlrecht und damit den Staat
eroberten ... Die demokratischen Sozialisten - auch wenn sie sich nicht
immer so nannten - unterwarfen das Eigentum dem Wohl der Allgemeinheit,
die Hälfte des Sozialprodukts der Verwaltung durch den
demokratischen Staat. Sie orientierten den Lohn nicht mehr an den
geringsten Unterhaltskosten, sondern am Leistungsprinzip - laut Marx
(1875) Kennzeichen einer sozialistischen Gesellschaftsordnung, derweil
im hernach angepeilten Schlaraffenland einer ,kommunistischen
Gesellschaftsordnung' jedem nach seinen Bedürfnissen zugeteilt
werden sollte. Das gilt auf niedrigstem Niveau in Deutschland bereits
für Sozialhilfeempfänger, eine Errungenschaft mit
Anziehungskraft. Die Proletarier haben jedenfalls längst mehr zu
verlieren als ihre Ketten, es fragt sich nur, ob es dabei bleibt. Das
Sofortprogramm des Kommunistischen Manifests ist de facto, auch wenn
ein neues Manchestertum gerade wieder eine Wende rückwärts
probiert, beinahe verwirklicht - von der starken Progressivsteuer bis
zur öffentlichen unentgeltlichen Erziehung der Kinder und der
Überwindung des Gegensatzes von Stadt und Land.“ (Friedjof
Meyer, Spiegel 16.3.98)
Was
soll man dazu noch sagen? Der Mann verwechselt Marx' Forderung,
„jeden nach seiner Leistung“ am gesellschaftlichen Reichtum
zu beteiligen, mit dem „Leistungslohn“, den das Kapital als
Mittel einsetzt, um „Arbeitsplätze“ rentabel zu machen
- als würde da ausgerechnet die Arbeitsleistung bezahlt! Da
drängt sich doch die Frage auf, ob dieser Experte, der im Spiegel
als Kenner der Materie, nämlich als „junger Sozialist von
1961“, vorgestellt wird, je eine Zeile in den Lohnkapiteln des
ersten Bandes des Kapital gelesen hat? Falls ja, spricht das erst recht
gegen seinen Geisteszustand. Dort erklärt Marx nämlich den
Leistungslohn keineswegs als einen Schritt in die richtige Richtung zur
„Übergangsgesellschaft“, in der „jeder nach
seiner Leistung“ über den gesamtgesellschaftlichen Reichtum
verfügen können sollte, sondern als Mittel der Lohnsenkung
für abhängige Lohnarbeiter, die durch die Form der
Lohnzahlung von vorneherein von der Verfügung über den
Reichtum, den sie produzieren, ausgeschlossen sind. Drollig auch der
Einfall, die deutsche Sozialhilfe - mit ihren üppigen
„Körben“: 1 Kinokarte pro Monat, 1 Paar Schuhe pro
Saison, 1 Schachtel Zigaretten pro Woche... - als Beginn des Prinzips
„jedem nach seinen Bedürfnissen“ zu feiern - wenn auch
„auf niedrigstem Niveau“, das versteht sich für einen
Mann, dessen Bedürfnishorizont wohl kaum der
„Anziehungskraft“ der Bedürfnisbefriedigung durch
bundesdeutsche Sozialämter erliegen dürfte.
Jedem
das Seine eben, da kennt ein aufgeklärter Geist sich aus. Einer,
der ins Schwärmen gerät bei der schönen Vorstellung
einer Assoziation, „worin die freie Entwicklung eines jeden die
Bedingung für die freie Entwicklung aller ist", und der ein
paar Zeilen weiter zu Papier bringt, daß er jedenfalls sich unter
einem erstrebenswerten „Schlaraffenland“ - was im
übrigen im Programm von Marx und Engels nie vorgesehen war -
nichts anderes vorstellen kann als ein großes Sozialamt, das
„jedem zuteilt“, was ihm zusteht. Dafür braucht es
wirklich keine sozialistische Revolution, da hat der Mann ausnahmsweise
recht. Die virtuose Gleichsetzung „Kommunismus = Schlaraffenland
= BRD-Sozialpolitik“ beherrschen auch andere originelle
Kommentatoren:
„Im
Manifest wird das Schlaraffenland einer Gesellschaft nach der Eroberung
der politischen Herrschaft durch das Proletariat und der Enteignung der
Bourgeoisie wie folgt beschrieben: Einführung einer progressiven
Einkommenssteuer; Verwendung der Grundrente zu Staatsausgaben;
Abschaffung des Erbrechtes; Zentralisation des Kredits durch eine
Nationalbank mit Staatskapital und ausschließlichem Monopol;
Zentralisation des Transportwesens in den Händen des Staates;
öffentliche und unentgeltliche Erziehung aller Kinder, Beseitigung
der Fabrikarbeit der Kinder. Die progressive Einkommenssteuer, die
Grundsteuer, die Erbschaftssteuer, die Bundesbank, die staatliche
Eisenbahn, das Verbot der Kinderarbeit, die unentgeltliche Ausbildung
von Kindern und Studenten: Das alles sind nun
Selbstverständlichkeiten in einer Demokratie mit allgemeinem
Wahlrecht. Für diese Errungenschaften, die für Marx noch eine
Utopie waren, brauchte man keine kommunistische Revolution.“
(Hans Mundorf, HB 25.2.98)
Sehen
wir erneut davon ab, daß diese Forderungen im Manifest keineswegs
als Endziel der Revolution ausgegeben werden. Und sehen wir ab von ein
paar kleinen Uminterpretationen der zitierten Forderungen durch den
Schreiber des Handelsblatts - die öffentliche und unentgeltliche
Erziehung aller Kinder z.B. ist ein bißchen etwas anderes als die
unentgeltliche Unterrichtung an öffentlichen Schulen; soweit uns
bekannt ist, sind die Lasten der Aufzucht des Nachwuchses
einschließlich der nicht unerheblichen Kosten, die zumindest eine
„höhere“ Ausbildung bedeutet, weiterhin voll und ganz
Privatsache der glücklichen Eltern; und erst recht ist die
Abschaffung des Erbrechts, gelinde gesagt, ein etwas radikalerer
Eingriff in die Geschäftsordnung des Privateigentum als die
Erhebung einer Erbschaftssteuer; das Enteigungsgeschrei in der
Redaktion des Handelsblatts können wir uns jedenfalls lebhaft
vorstellen, falls je eine Staatsgewalt die Abschaffung des Erbrechts in
Erwägung ziehen würde... Aber wie gesagt: Wenn man von
alledem absieht, dann können wir getrost davon ausgehen, daß
Marx und Engels heute für das Handelsblatt Gastkommentare
verfertigen würden. Falls sie nicht damit beschäftigt
wären, Sonntagspredigten zu verfassen. Denn zu allem
Überfluß wird das Kommunistische Manifest auch noch entlarvt
als
4. Eine wertvolle Schrift zur moralischen Erbauung
Die FAZ läßt einen amerikanischen Filosofen das
Kommunistische Manifest zusammen mit dem Neuen Testament als
„Dokumente der Hoffnung" loben, die zur moralischen
Ertüchtigung der Jugend auch heute noch enorm viel beitragen
können:
„Eltern
und Lehrer sollten junge Menschen dazu ermuntern, beide Bücher zu
lesen. Es wird der moralischen Haltung der jungen Leute förderlich
sein. Wir sollten unsere Kinder so erziehen, daß sie es
unerträglich finden, wenn wir, die wir hinter unseren
Schreibtischen sitzen und auf Tastaturen herumfingern, zehnmal mehr
verdienen als die Menschen, die sich beim Reinigen unserer Toiletten
die Finger schmutzig machen, und hundertmal mehr als jene, die in der
Dritten Welt unsere Tastaturen zusammenbauen. Wir sollten dafür
sorgen, daß es ihnen Sorge und Kummer bereitet, wenn die
Länder, die sich zuerst industrialisiert haben, hundertmal reicher
als jene sind, die noch nicht industrialisiert sind. ... Es ist heute
so wahr wie 1848, daß die Reichen immer versuchen werden, reicher
zu werden, indem sie die Armen ärmer machen, daß die
vollständige Verwandlung der Arbeit in eine Ware zur Verelendung
der Lohnempfänger führen wird und daß ,die moderne
Staatsgewalt ... nur ein Ausschuß ist, der die gemeinschaftlichen
Geschäfte der ganzen Bourgeoisklasse verwaltet' .... Am besten
wäre es wohl, wir fänden ein neues Dokument, das den Kindern
Inspiration und Hoffnung vermittelt und dabei weder mit den
Mängeln des Neuen Testaments noch denen des Kommunistischen
Manifests behaftet ist. Es wäre gut, wenn wir einen
reformistischen Text ohne die apokalyptische Prägung dieser beiden
Bücher besäßen - einen Text, der nicht behauptet,
,alles' müsse erneuert werden, Gerechtigkeit könne ,nur
erreicht werden durch den gewaltsamen Umsturz aller bisherigen
Gesellschaftsordnung'. Es wäre gut, wenn wir ein Dokument
besäßen, das die Einzelheiten einer diesseitigen Utopie
erläutert, ohne zu behaupten, daß diese Utopie mit einem
Schlag in Erscheinung treten werde, sobald nur diese oder jene
,entscheidende' Veränderung zustande gebracht - das Privateigentum
abgeschafft oder Jesus in unser aller Herzen eingezogen sei." (Richard Rorty, FAZ 20.2.98)
Das
haben wir gerne, erst den Kindern „Kummer und Sorge'' über
das Elend der Welt bereiten; auch noch andeuten, daß das mit den
„gemeinschaftlichen Geschäften der Bourgeoisklasse“ zu
tun hat, bloß um dann bei der weisen Ermahnung zu landen,
daß nichts fataler wäre als ein Umsturz der
gesellschaftlichen Verhältnisse, die für Kummer und Sorge
allerhand Material liefern. Und was machen dann die Kinder mit all
ihrem Kummer? Keine Frage: Sie werden zu sorgenvollen Moralaposteln,
die - falls sie das Glück haben, einer jener raren gut dotierten
Posten an einer Tastatur zu ergattern - die Restmenschheit an ihren
Träumen vom diesseitigen Paradies teilhaftig werden lassen.
Für jemanden, für den „das Privateigentum
abschaffen“ und „Jesum in unser aller Herzen einziehen
lassen“ so ungefähr dasselbe ist, ist auch die
Rückverwandlung des Marxismus von der Wissenschaft zur Utopie eine
der leichteren Übungen.
Wenn
er das Kommunistische Manifest nicht bloß auf der Suche nach
seiner menschheitsbeglückenden Inspiration abgegrast hätte,
wäre der Professor aus Amerika vielleicht sogar über die
Kritik gestolpert, die zwei Kommunisten bereits vor 150 Jahren an
gewissen moralischen Spinnern zu Papier gebracht haben:
„Ein
Teil der Bourgeoisie wünscht den sozialen Mißständen
abzuhelfen, um den Bestand der bürgerlichen Gesellschaft zu
sichern. Es gehören hierher: Ökonomisten, Filanthropen,
Humanitäre, Verbesserer der Lage der arbeitenden Klasse,
Wohltätigkeitsorganisierer, Abschaffer der Tierquälerei,
Mäßigkeitsvereinsstifter; Winkelreformer der
buntscheckigsten Art. Und auch zu ganzen Systemen ist dieser
Bourgeoissozialismus ausgearbeitet worden.“
Er ist eben wirklich immer wieder brandaktuell, der alte Marx ...
Das
meint auch der Rezensent, den „Die Zeit“
anläßlich des runden Geburtstags auf das Kommunistische
Manifest angesetzt hat: Der liest eben sein spezielles „System
des Bourgeoissozialismus“ aus dem Papier heraus:
„Die
Geschichte rollt rückwärts. Polizisten vertreiben Bettler aus
den Shopping Malls, die Rückreform zum dreigliedrigen Schulsystem
wird gefordert, der Kanzler mahnt die Kirchen, sich mehr um die
Schäfchenseelen als um die Gerechtigkeit der Märkte zu
sorgen. Der Soziologe Ulrich Beck propagiert die Wiedereinführung
von Ehrenzeichen für Gemeinwohlarbeit, und der CDU-Vordenker Klaus
Haefner schlägt vor, das überflüssige Drittel der
Bevölkerung statt mit Geld mit staatlich produzierten
Billignaturalien (Kleidung, Essen, Wohnung) zu versorgen. Stück
für Stück verschwindet eine Ordnung, in der Selbstentfaltung,
Sicherheit und Gerechtigkeit an den Status des Arbeits-Bürgers geknüpft waren.“ (Mathias Greiffrath, Die Zeit 5.2.98)
Sehen
wir einmal darüber hinweg, wie hier die verflossenen Zeiten des
bundesdeutschen „Wirtschaftswunder-Kapitalismus“
verherrlicht werden. Halten wir fest, daß der Mann offensichtlich
meint, daß die Zustände, die er nicht leiden kann und
als „Rolle rückwärts“ der Geschichte
interpretiert, durch die kapitalistische Gesellschaft produziert
werden. Warum meint er dann ein paar Zeilen später, daß
folgendes Nietzsche-Zitat die Sache auf den Punkt bringt?
„Aber Fortschritt ,ist möglich', schrieb der Skeptiker Nietzsche, wenn eine ,bewußte Kultur', die ,die Erde
als Ganzes ökonomisch verwalte' und ,die Menschen selber sich
ökumenische, die Erde umspannende Ziele stellen'. Heute
heißt das, in einer demokratischen Weltordnung ungleiche
Entwicklung politisch herbeizufiihren: ein mit dem Überleben der
Naturbasis verträgliches, nachhaltiges Wachstum im Süden,
eine ökologische Abrüstung des energie- und
materialfressenden Nordens ... Das Wort 'Proletariat' ist heute ebenso
verbraucht wie 'Klassenkampf, aber in der Idee einer weltweiten
Lernbewegung, nicht in einem irdischen Schlaraffenland liegt die immer
noch gültige Idee des
'Manifests': in der Postulierung einer Menschheit, in der jeder und
jede sich als Gattungswesen denkt, fühlt und ebenso
handelt.“ (a.a.0.)
So
einfach ist das: Mit dem schlichten Hinweis, daß auch Wörter
sich „verbrauchen“ können (durch zu häufige
Benutzung?), wird auch die Sache, die sie bezeichnen, aus der Weit
geschafft. Das Resultat: „Proletariat" und
„Klassenkampf“ sind out, „Lernbewegung“
und „Gattungswesen“ sind in. Was kümmert es, daß
„Gattungswesen“ so ziemlich das Gegenteil ausdrückt
vom dem, was mit Proletariat bestimmt war. Denn
„Gattungswesen", das meint doch wohl: „Wir“ –
„Unternehmer“ und „Arbeiter“,
„Politiker“ und „Untertanen“ - sitzen letztlich
alle in einem Boot - dem „Raumschiff Erde“ oder so - und
müssen endlich, endlich die „Lernbewegung“ hin
zur Ökologie machen. ,.. Nein, so blöd war Marx nicht. Der
hat zwar schon vor über 100 Jahren die Ruinierung der Umwelt -
obwohl die damals noch gar nicht so hieß - kritisiert. Er hat
aber immer dazugesagt, daß es die Geschäftsprinzipien der
kapitalistischen Wirtschaft sind, die für das wachsende Elend der
Massen und die Vergiftung ihrer natürlichen Lebensbedingungen
sorgen.*Die
Autoren des Kommunistischen Manifestes wollten nicht zu einer Sammlung
von „verantwortungsbewußten Gattungswesen“ aufrufen,
sondern deutlich machen, daß die kapitalistische Produktion von
Reichtum zur weltweiten Verelendung der Arbeiter führt. Sie haben
das für eine unerträglichen Widerspruch gehalten, der nach
Auflösung schreit. Allerdings einer Auflösung, die nicht
zwangsläufig erfolgt; sonst hätten sie sich die Abfassung
eines Manifestes auch sparen können. Sie waren von der
Notwendigkeit einer proletarischen Revolution in dem Sinn
überzeugt, daß sie gemacht werden muß.
Gerade insofern ist das Kommunistische Manifest allerdings einigermaßen kritikabel.
II. Das Kommunistische Manifest - Ein Umsturzprogramm: schlecht
begründet, leicht verlogen und politisch eher irreführend
1. Kapitel: „Bourgeois und Proletarier“
a) Die Charakterisierung der Bourgeoisie
Das
Manifest beginnt mit einem Überblick über die
gesellschaftlichen Verhältnisse, die mit der kapitalistischen
Produktionsweise über die Welt kommen. Die Absicht der Autoren ist
deutlich: Der Klassenfeind wird bestimmt. Eine neue herrschende Klasse
ist dabei, die Welt „nach ihrem Bild“ umzumodeln. Ihr
Materialismus des Geldes treibt sie nicht nur zur Umwälzung aller
überkommenen, sondern auch zur permanenten Revolutionierung der
von ihr selbst geschaffenen Verhältnisse:
„Die
fortwährende Umwälzung der Produktion, die ununterbrochene
Erschütterung aller gesellschaftlichen Zustände, die ewige
Unsicherheit und Bewegung zeichnet die Bourgeoisepoche vor allen
anderen aus.“
Die
Macht dazu, ständig alles umzuwälzen, erhält die
Bourgeoisie von der herrschenden Staatsgewalt, die Marx im Manifest als
den „Ausschuß " bezeichnet, „der die
gemeinschaftlichen Geschäfte der ganzen Bougeoisklasse
verwaltet.“ Das Ganze geschieht auf Kosten der ebenso neuartigen
arbeitenden Klasse: Die Lohnarbeiter sind die notwendigen Opfer einer
Produktionsweise, in der die Schaffung eines gigantischen Reichtums auf
der Armut derer beruht, die ihn produzieren. Ein so noch nie
dagewesener Klassengegensatz ist also in der Welt - eine besonders
„unverschämte“ Form von „Ausbeutung“.
Soweit
die Schilderung der Sachlage. Wie kommen die Autoren des Manifests dann
aber auf den Einfall, zur Erläuterung dieser Zustände einen
Kurzdurchgang durch die Menschheitsgeschichte anzubieten, in dem alle
richtigen Aussagen über die Bourgeoisie eingepackt werden in eine
Theorie über ein angeblich immerwährendes Entwicklungsprinzip
der Geschichte - von wegen: „,Die Geschichte aller bisherigen
Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen“ -? Was
soll die Versicherung: „Wir sehen also, wie die moderne
Bourgeoisie selbst das Produkt eines langen Entwicklungsgangs, einer
Reihe von Umwälzungen in der Produktions- und Verkehrsweise
ist.“? Selbst wenn es so gewesen sein sollte, daß „Unterdrücker
und Unterdrückte ... in stetem Gegensatz zueinander [standen], ...
einen ununterbrochenen, bald versteckten, bald offenen Kampf
[führten], einen Kampf, der jedesmal mit einer
revolutionären Umgestaltung der ganzen Gesellschaft endete oder
mit dem
gemeinsamen Untergang der kämpfenden Klassen“
- was hilft ein solcher Hinweis auf das, was angeblich immer schon so
war, zur Erläuterung der Eigentümlichkeiten der neuen, alles
revolutionierenden Produktionsweise?
Tatsächlich
paßt die von Marx und Engels angebotene Einordnung der neuen
Bourgeoisherrschaft in eine allgemeine Geschichte der menschlichen
Ausbeutung noch nicht einmal zu dem, was sie zur Sache zu sagen haben.
Nicht bloß, daß bei dem beredt beschworenen Triumf der
kapitalistisch produzierenden Bourgeoisie über die alten feudalen
Verhältnisse von einem Aufstand der Unterdrückten gegen ihre
Unterdrücker wahrhaftig nicht die Rede sein kann: Auch über
den neuen Klassengegensatz, den das siegreiche Bürgertum
eröffnet, wissen die Autoren ganz andere Dinge mitzuteilen, als
daß es sich um eine Neuauflage der alten Story von „Freier
und Sklave, Patrizier und Plebejer" usw. handeln würde. Prangern
sie doch eine ganz neuartige Sortierung von Arm und Reich, von Oben und
Unten und eine früher undenkbare Notwendigkeit von Armut an:
„In
den Krisen bricht eine gesellschaftliche Epidemie aus, welche allen
früheren Epochen als ein Widersinn erschienen wäre - die
Epidemie der Überproduktion. Die Gesellschaft findet sich in einen
Zustand momentaner Barbarei zurückversetzt; ... und warum? Weil
sie zuviel Zivilisation, zuviel Lebensmittel, zuviel Industrie, zuviel
Handel besitzt.“
Korrekt
kennzeichnen die Autoren den kapitalistischen Aberwitz, daß
produzierter Überfluß ganz unmittelbar Not hervorbringt. Sie
wissen also bereits im Moment der Durchsetzung des neuen
Produktionsverhältnisses, daß die weltweite Armut, die das
Privateigentum notwendigerweise produziert, mit den Hungersnöten
vergangener Epochen, mit dem Fehlen von Lebensmitteln absolut nichts zu
tun hat. Diese Erkenntnis subsumieren sie aber unter die Behauptung,
das sei letztlich schon immer so gewesen, und bringen sie auf den
abstrakten Kalauer herunter:
„Auf
einer gewissen Stufe der Entwicklung ... widersprechen die
Produktivkräfte den Produktionsverhältnissen.“
Dieser
Widerspruch hätte schon zum Untergang des Feudalismus
geführt; derselbe Widerspruch wäre nun der letzte Grund
für den Untergang der Bourgeoisie:
„Die
bürgerlichen Verhältnisse sind zu eng geworden, um den in
ihnen erzeugten Reichtum zu fassen... Die Waffen, womit die Bourgeoisie
den Feudalismus zu Boden geschlagen hat, richten sich jetzt gegen die
Bourgeoisie selbst.“
An
den kapitalistischen Krisen - mit Überproduktion auf der einen
Seite und Hungersnöten auf der anderen - wollen die Autoren des
Manifests dann doch gar nicht so sehr die perverse „Logik“
erkannt haben, nach der der bürgerliche Laden systematisch
funktioniert, sondern eine geschichtliche Zwangsläufigkeit,
derzufolge die Bourgeoisie mit ihrer Durchsetzung auch schon ihren
Untergang betreibt. In seiner Kritik der politischen Ökonomie
liefert Marx selber die Kritik dieser Idee. Wenn er im 15. Kapitel des
3. Bandes des „Kapital" die Gesetzmäßigkeiten der
kapitalistischen Krise analysiert, ist nicht mehr die Rede davon,
daß ,die bürgerlichen Verhältnisse zu eng werden
für den erzeugten Reichtum'. Dort führt er aus, daß in
Zeiten der Überakkumulation kapitalistischer Reichtum vernichtet
wird, damit dann der ganze Zirkus „mit erweiterten
Produktionsbedingungen, mit einem erweiterten Markt und mit
erhöhter Produktivkraft" von neuem anfängt.
Überakkumulation führt periodisch zur Entwertung und
Vernichtung von Produktivkräften, und das ist die Bedingung
für den nächsten Zyklus, für „die Eroberung neuer
Märkte und die gründlichere Ausbeutung der alten", wie es
auch schon das Manifest sagt - das ist aber nicht dasselbe wie eine
Krise des Kapitalismus oder gar der Anfang von dessen
zwangsläufigem Ende wegen definitiver Unverträglichkeit von
Produktivkräften und „bürgerlichen
Eigentumsverhältnissen".
Genau
darauf jedoch: auf die Behauptung eines geschichtlich
zwangsläufigen Scheiterns der Bourgeoisie an ihren eigenen
Errungenschaften, legt das Manifest großen Wert - ausgerechnet
das Kommunistische Manifest, das immerhin den Anstoß zu einer
proletarischen Revolution geben will, also doch irgendwie davon
ausgeht, daß die Herrschaft der Kapitalistenklasse sich nicht von
selbst erledigt. Diesen praktischen Ausgangspunkt ihrer Bemühungen
dementieren die Autoren aber gleich noch in einer anderen Hinsicht: Der
Herrschaft der „bürgerlichen
Eigentumsverhältnisse“ attestieren sie die großartige
Leistung, ein falsches Bewußtsein über sie, also eine auf
verkehrte Vorstellungen gegründete affirmative Stellung zu ihr,
unmöglich zu machen. Niemand, der sich nur umschaut in der
Gesellschaft, soll sich noch Illusionen machen können über
die Hauptfront zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten.
„Sie
(die Bourgeoisie) hat, mit einem Wort, an die Stelle der mit
religiösen und politischen Illusionen verhüllten Ausbeutung
die offene, unverschämte, direkte, dürre Ausbeutung gesetzt
... Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird
entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung,
ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen
anzusehen.“
Da
werden der bürgerlichen Gesellschaft auf dem Felde der
Bewußtseinsbildung Wirkungen zugeschrieben, die einfach nicht
stimmen: Ausgerechnet im Kapitalismus, im Verhältnis von
Fabrikherr und freiem Lohnarbeiter, oder modern: von Arbeitgeber und
Arbeitnehmer, soll die Ausbeutung nackt und dürr jedem vor Augen
stehen und Nüchternheit erzwingen! Es mag ja stimmen, daß
die Bourgeoisie die ganze Welt ihrem Materialismus des Geldes
unterwirft und den ganzen Rest der Gesellschaft in den Status bezahlter
Lohndiener versetzt. Aber daß es deshalb keine Ideologien mehr
gäbe über dieses Produktionsverhältnis mitsamt seiner
„Leistungsgesellschaft“ und seiner „freien
Marktwirtschaft“, das kann ja wohl nicht wahr sein. Eben dies
behauptet aber ausgerechnet der Mann, der später den
,Warenfetisch' erklärt hat und im entsprechenden Kapitel des
1. Bandes des „Kapital" folgendes ausführt:
„Versetzen
wir uns ... in das finstre europäische Mittelalter ... Die
Naturalform der Arbeit, ihre Besonderheit, ist hier ihre unmittelbare
gesellschaftliche Form. Die Fronarbeit ist ebensogut durch die Zeit
gemessen wie die Waren produzierende Arbeit, aber jeder
Leibeigene weiß, daß es ein bestimmtes Quantum seiner
persönlichen Arbeitskraft
ist, die er im Dienst seines Herrn verausgabt. Der dem Pfaffen zu
leistende Zehnten ist klarer als der Segen des Pfaffen. Wie man daher
immer die Charaktermasken beurteilen mag, worin sich die Menschen hier
gegenübertreten, die gesellschaftlichen Verhältnisse der
Personen in ihren Arbeiten erscheinen jedenfalls als ihre eignen
persönlichen Verhältnisse und sind nicht verkleidet in
gesellschaftliche Verhältnisse der Sachen, der Arbeitsprodukte ...
Jene alten gesellschaftlichen Produktionsorganismen sind
außerordentlich viel einfacher und durchsichtiger als der
bürgerliche. ...“ (MEW 23, S. 91ff)
Der
„alte“ Marx war also schlauer als der „junge“ -
aber der war schließlich auch nicht der Dümmste. Wie kam der
also darauf zu behaupten, mit dem Sieg der Bourgeoisie läge
„die offene, dürre Ausbeutung“ jedermann so klar vor
Augen wie ihm selbst? Offenbar war ihm und seinem Genossen Engels an
den erbitterten Arbeiterkämpfen klargeworden, daß das
Proletariat schlechterdings nicht überleben konnte, ohne daß
es sich gegen die Bourgeoisie zur Wehr setzte. Mit seiner Gegenwehr
reagierte die gerade entstehende Lohnarbeiterklasse auf
Lebensumstände, die auch glühende Anhänger unserer
modernen „sozialen Marktwirtschaft“ als
„Manchesterkapitalismus“ verdammen. Daß die
unumschränkte Herrschaft des Privateigentums den Arbeitern keine
Überlebenschance läßt, ihr Kampf gegen die Bourgeoisie
also eine Überlebensbedingung für sie ist, war folglich nicht
zu übersehen. Aus dieser Beobachtung, daß die Arbeiter nicht
nur zusehen müssen, durch ihre Lohnarbeit zu (über)leben,
sondern um dieses Überleben auch noch kämpfen müssen,
haben Marx und Engels dann den verwegenen Schluß gezogen, das
Proletariat, so wie es damals unterwegs war, wäre schon - im
Prinzip - eine revolutionäre Bewegung. Die kämpfenden
Proletarier sollten nur noch ins Bild gesetzt werden über die
eigentliche Bedeutung ihres Kampfes und die Unausweichlichkeit ihres
Sieges; der läge nämlich nicht nur in ihrem Interesse,
sondern stände außerdem und vor allem im Einklang mit
der historischen Tendenz: der Selbstzerstörung der Bourgeoisie.
Das
ist nun allerdings so ziemlich die verkehrteste Art, eine ausgenutzte
Klasse zur Revolution aufzuhetzen. Entsprechend fragwürdig
gerät im Fortgang des Textes:
b) Die Charakterisierung des Proletariats
„Aber
die Bourgeoisie hat nicht nur die Waffen geschmiedet, die ihr den Tod
bringen; sie hat auch die Männer gezeugt, die diese Waffen
führen werden - die modernen Arbeiter, die Proletarier.“
Diese
Sorte Metaforik veranlaßt noch 150 Jahre später die
vereinigten „Literaturpäpste“ aller Kulturnationen zu
Lobgesängen über „Sprachgewalt“ und
„großartige Prosa“. Über die schwülstige
Ausdrucksweise könnte man hinwegsehen, wenn die Botschaft
wenigstens stimmen würde - wenn also gemeint wäre: ,Alle
Anklänge an so etwas wie ein notwendiges Scheitern der Bourgeoisie
an den von ihr selbst hervorgebrachten Widersprüchen, an einen
selbsttätigen „Gang der Geschichte“ hin zur
proletarischen Revolution, sind retorische Spielerei; es kommt alles
darauf an, daß die modernen Arbeiter, dieses ureigene Produkt der
kapitalistischen Produktionsweise, aus ihrer hoffnungslosen Lage die
richtigen Schlüsse ziehen und die Bourgeoisie besiegen, indem sie
ihr die Dienste verweigern, für die diese sie braucht.' Genau so
geht es aber nicht weiter. Der Feststellung, daß das Proletariat,
die Klasse der Lohnarbeiter selber das Produkt der kapitalistisch
wirtschaftenden Bourgeoisie ist, folgen zwar einige Hinweise, wie -
komplementär zu den weltweiten, umwälzenden Machenschaften
der Bourgeoisie - die moderne Ausbeutung und die ausgebeutete Klasse
aussieht: daß die „modernen Arbeiter ... nur so lange
leben, als sie Arbeit finden, und die nur so lange finden, als ihre
Arbeit das Kapital vermehrt"; daß sie im Betrieb als
„bloßes Zubehör der Maschine" vernutzt werden:
daß der Lohn, der ihnen ausgezahlt wird, nicht sie reich macht,
sondern einen ganzen Haufen anderer Figuren - „Hausbesitzer,
Krämer, Pfandleiher" usw. Aus der Schilderung der
Abhängigkeit, in der diese Klasse steht, wird jedoch zielstrebig
die Behauptung gedrechselt, daß sie sich diese Abhängigkeit
zwangsläufig nicht gefallen lassen kann - als hätten Marx und
Engels nicht gewußt, daß die modernen Lohnarbeiter erst
einmal voll damit ausgelastet sind, sich an den Notwendigkeiten ihrer
abhängen Existenz abzukämpfen. Jedenfalls halten es die
Autoren des Manifests überhaupt nicht für erforderlich - so
wie später z.B. in der Kritik des
Gothaer
Programms der deutschen Sozialdemokratie -, das elendige Interesse, an
Beschäftigung und Lohn nämlich, das die arbeitende Klasse an
ihre Ausbeuter bindet, theoretisch und agitatorisch aufs Korn zu
nehmen. Sie stellen klar, daß der Lohn noch nicht einmal ein
taugliches Überlebensmittel ist; sie sehen aber weit und breit
keinen Grund, die von der Bourgeoisie ,gezeugten Männer' als Leute
zu nehmen - geschweige denn entsprechend anzureden -, die sich in
Ermangelung eines besseren Lebensmittels auf den Standpunkt des
Gelderwerbs per Lohnarbeit stellen und dadurch selber zum ausgebeuteten
Fußvolk des bürgerlichen Ladens machen. Daß das
Proletariat ein Produkt der Bourgeoisie ist, halten sie für
unmittelbar gleichbedeutend damit, daß es der geborene
Kämpfer gegen die Bourgeoisie wäre. Und wenn schon nicht
wirklich, so doch um so mehr der sprachgewaltig beschworenen
historischen Tendenz nach - mit der retorischen Figur läßt
sich noch alles begrüßen und rechtfertigen, womit man
eigentlich gar nicht einverstanden ist:
„Das
Proletariat macht verschiedene Entwicklungsstufen durch. Sein Kampf
gegen die Bourgeoisie beginnt mit seiner Existenz.“
Sie
können gar nicht umhin, die braven proletarischen
„Männer“, sich gegen die Bourgeoisie zu erheben; ihre
Zugehörigkeit zu den kapitalistischen Verhältnissen ist
gleichbedeutend mit deren Kündigung. Sie sind die leibhaftige
Verwirklichung des Widerspruchs, daß die Bourgeoisie sich durch
die Entwicklung aller Produktivkräfte
ihren eigenen Untergang bereitet: Das ist die Bedeutung, die die
Autoren des Manifests ihrer Erkenntnis beilegen, daß die
Bourgeoisie selber den modernen Proletarier hervorbringt. Alle Hinweise
auf die Notwendigkeit des Schadens, den die arbeitende Klasse in diesem
System nimmt, stehen im Dienste dieses einen Haupt- und Generalgedankens: Das Proletariat ist der Vollstrecker des sowieso unausweichlichen Untergangs der Bourgeoisie.
Marx
und Engels treiben hier ein unredliches Spiel mit der Kategorie der
,geschichtlichen Notwendigkeit'. Es gibt ja in der kapitalistischen
Gesellschaft selbsttätig wirkende Sachzwänge - eben die der
Ausbeutung einer lohnarbeitenden Klasse; genau deswegen aber existiert
kein Sachzwang, der denen ein Ende machen würde.
Stattdessen
gibt es eine praktische Notwendigkeit der proletarischen Revolution
– in dem Sinn, daß diese Klasse anders auf keinen
grünen Zweig kommt: Ihre politökonomische Bestimmung, dem
kapitalistischen Bürgertum als abhängiges, ausgebeutetes
Werkzeug seiner Bereicherung zu dienen, kann sie nicht anders loswerden
als durch die Kündigung ihres Lohnarbeitsverhältnisses. Die
Proletarier müssen gar nichts - sie haben bloß keine andere
Chance: Um ihrer Ausbeutung zu entkommen, müssen sie die
proletarische Revolution machen, die kapitalistische Produktionsweise
umstürzen. Diese Notwendigkeit langt den Autoren des Manifests
aber nicht; sie wollen der Alternativlosigkeit der proletarischen
Existenz immer noch entnehmen, daß das ganze kapitalistische
Ausbeutungswesen deswegen auch schon unausweichlich auf sein
,natürliches' Ende zuläuft, gewissermaßen seine
Selbstliquidierung betreibt. Auch der Satz, der emfatisch die
„Waffen“ zitiert, „die die Proletarier führen
werden", redet gar nicht von Waffen, die die Arbeiter zu ergreifen
hätten, sondern meint schon wieder den „Widerspruch zwischen
Produktivkräften und Produktionsverhältnissen": Den
drücken Marx und Engels den Proleten hier ideell
in
die Kämpferfaust. Wo immer das Kommunistische Manifest auf die
Lage der arbeitende Klasse zu sprechen kommt, bemüht es sich um
die Erklärung einer „historischen Notwendigkeit des
Klassenkampfs“ im Sinne eines Mechanismus, der die Proleten
angeblich notgedrungen auf die revolutionäre Bahn drängt. Und
dieser Mechanismus soll ausgerechnet das Werk des Klassenfeindes selber
sein.
Nach
dieser Vorgabe konstruiert das Manifest sein Bild von der
,notwendigerweise' kämpfenden - und am Ende siegreichen
Arbeiterklasse:
„Aber
mit der Entwicklung der Industrie vermehrt sich nicht nur das
Proletariat; es wird in größeren Massen
zusammengedrängt, seine Kraft wächst, und es fühlt sie
mehr ... ; immer mehr nehmen die Kollisionen zwischen dem einzelnen
Arbeiter und dem einzelnen Bourgeois den Charakter von Kollisionen
zweier Klassen an. Die Arbeiter beginnen damit, Koalitionen gegen die
Bourgeoisie zu bilden; sie treten zusammen zur Behauptung ihres
Arbeitslohns. Sie stiften selbst dauernde Assoziationen, um sich
für die gelegentlichen Empörungen zu verproviantieren ... Das
eigentliche Resultat ihrer Kämpfe ist nicht der unmittelbare
Erfolg, sondern die immer weiter um sich greifende Vereinigung der
Arbeiter ... Es bedarf aber bloß der Verbindung, um die vielen
Lokalkämpfe von überall gleichem Charakter zu einem
nationalen, zu einem Klassenkampf zu zentralisieren ...
Diese
Organisation der Proletarier zur Klasse, und damit zur politischen
Partei, wird jeden Augenblick wieder gesprengt durch die Konkurrenz
unter den Arbeitern selbst. Aber sie entsteht immer wieder,
stärker, fester, mächtiger.“
Von
ihrer Arbeit können moderne Lohnarbeiter gar nicht leben; sie
müssen neben ihrer Arbeit erst noch darum kämpfen, daß
die Kapitalisten ihnen das Notwendige zugestehen; dafür bleibt
ihnen gar nichts anderes übrig als der Zusammenschluß in
einer Kampffront - das ist der Grund für proletarische
Koalitionen, die später in die
Gewerkschaftsbewegung
eingemündet sind. Damit ist auch schon ihr Zweck benannt: In
solchen Zusammenschlüssen geht es eben darum, trotz allem vom Lohn
leben zu können. Mit der Perpetuierung der Lohnarbeiterexistenz
haben sie daher ihr Ziel erreicht, und der Kampf wird eingestellt; bis
sich herausstellt, daß der Erfolg nur ein vorübergehender
war, die Notwendigkeit zur Gegenwehr erneut unabweisbar wird und der
Zirkus von vorn losgeht. Genau davon redet das Manifest; aber diese
banale Wahrheit der proletarischen Kampf-Koalition ist ihm schon wieder
zu wenig. Es will darin partout den Beginn der proletarischen
Revolution, der Abschaffung des
Lohnsystems
sehen. Deswegen kann es nicht zugeben, daß nach jedem Abwehrkampf
gleich wieder der Alltag der Lohnarbeit weitergeht: Daß da ein
falscher Kampf sein Ziel erreicht hat, wird so hingestellt, als
würde, aus welchen Gründen auch immer - im Zweifelsfall
solchen „der Entwicklung“! -, der naturwüchsig immer
weiter um sich greifende revolutionäre Zusammenschluß immer
mal wieder „gesprengt", nur um sich anschließend um so
machtvoller neu zu bilden. Da erübrigt sich natürlich die
Mitteilung von ein paar guten Gründen, warum Proletarier es nicht
bei bloßen, immer wieder von neuem notwendigen Abwehrkämpfen
und den dafür nötigen bedingten Zusammenschlüssen
belassen, sich vielmehr ein ganz anderes Kampfziel setzen und die
dafür nötige „Koalition“ miteinander eingehen
sollten. Stattdessen behauptet ausgerechnet ein Kommunistisches
Manifest, ausgerechnet die
Bourgeoisie
würde die Arbeiter immer wieder und auf immer höherer
Stufenleiter in die revolutionäre Vereinigung hineintreiben:
„Der Fortschritt der Industrie, dessen willenloser und widerstandsloser Träger die Bourgeoisie ist“ - im ersten Teil des Kapitels rangierte diese Klasse noch als ziemlich umtriebiger revolutionärer Verein! -, „setzt an die Stelle der Isolierung der Arbeiter durch die Konkurrenz" - als wäre die eine Frage der Produktionstechnik! - „ihre revolutionäre Vereinigung durch die Assoziation.“ - als müßten die Arbeiter sich zu der gar nicht selbst erst mal entschließen! „Mit
der Entwicklung der großen Industrie wird also unter den
Füßen der Bourgeoisie die Grundlage selbst weggezogen,
worauf sie produziert und die Produkte sich aneignet. Sie produziert
vor allem ihre eigenen Totengräber. Ihr Untergang und der Sieg des
Proletariats sind gleich unvermeidlich.“
Noch
so ein Anwendungsfall der „Entwicklungslogik“, die Marx und
Engels nach Bedarf auf alles anwenden, was sie in der Gesellschaft
beobachten: Hier ,entwickelt' „der Fortschritt der
Industrie“ nicht etwa seine dienstbaren Kräfte zu dem
proletarischen Haufen, den es tatsächlich gibt - nein, „die
Entwicklung“ gibt per definitionem nicht eher Ruhe, als bis sich
die Autoren zu ihrer vielzitierten „sprachgewaltigen“
Metafer von den „Totengräbern der Bourgeoisie“
vorgearbeitet haben. Und das ist dann die „Erklärung“,
die das Manifest den Arbeitern unbedingt meint
mitteilen zu müssen: Ihr Kampf zielt automatisch aufs Richtige;
für den Sieg über die Bourgeoisie braucht es nur noch den
Zusammenschluß ihrer Opfer, und der macht sich letztlich von
selbst...
Jeder
Arbeiterkampf, jeder Erfolg im Kampf um die Erhaltung des Proletariats
kann daher nur ein weiterer Schritt sein hin zur Abschaffung der
Bourgeoisie. Und der Erfolg kann schon deswegen unmöglich
ausbleiben, weil die Proletarier die meisten sind:
„Alle
bisherigen Bewegungen waren Bewegungen von Minoritäten oder im
Interesse von Minoritäten. Die proletarische Bewegung ist die
selbständige Bewegung der ungeheuren Mehrzahl im Interesse der
ungeheuren Mehrzahl. Das Proletariat, die unterste Schicht der jetzigen
Gesellschaft, kann sich nicht erheben, nicht aufrichten, ohne daß
der ganze Überbau der Schichten, die die offizielle Gesellschaft
bilden, in die Luft gesprengt wird.“
Wie
die Bourgeoisie es fertigbringt, diese gewaltige Mehrheit systematisch
zu beherrschen und auszubeuten - die Herrschaft über Minderheiten
wäre im übrigen sowieso eine fade und wenig einträgliche
Angelegenheit... -, das erscheint den beiden Theoretikern des
Klassenkampfs gänzlich irrelevant gegenüber dem
hoffnungsvollen Befund, daß die Kampfbedingungen bei dem
Zahlenverhältnis ganz ausgezeichnet aussehen. Wer wollte da noch
fragen, für welche beschränkten Kampfziele sich die
Proletarier „,erheben“, und ob es irgendwem überhaupt
um einen Aufstand
gegen
die ganze „offizielle Gesellschaft" geht? Wenn sie sich
,aufbäumt', die ,untere', quantitativ starke ,Schicht', dann haben
jedenfalls die darüberliegenden dünneren ,Schichten' nichts
mehr zu lachen. Und dafür, daß es so kommt, weil es so
kommen muß, dafür sorgt einmal mehr „die
Entwicklung“ - jenes ominöse Subjekt, das die Proleten
zielführend zur Revolution treibt:
„Indem
wir die allgemeinsten Fasen der Entwicklung des Proletariats
zeichneten, verfolgten wir den mehr oder minder versteckten
Bürgerkrieg innerhalb der bestehenden Gesellschaft bis zu dem
Punkt, wo er in eine offene Revolution ausbricht und durch den
gewaltsamen Sturz der Bourgeoisie das Proletariat seine Herrschaft
begründet.“
So
propagiert das Manifest die revolutionär-erwartungsvolle Lesart
eines sehr modernen selbstzufrieden-konterrevolutionären Fehlers:
Die Schaffung und Erhaltung einer brauchbaren Arbeiterklasse wäre
dasselbe wie ihre Abschaffung. Bürgerliche Ideologen heute wollen
weit und breit kein Proletariat mehr entdecken können, weil es
schließlich eine durchaus lebensfähige Arbeiterschaft gibt
– nirgendwo herrscht mehr der „Manchesterkapitalismus",
jedenfalls nicht in den kapitalistischen Metropolen, oder zumindest
nicht in deren netteren Vierteln ... Umgekehrt hielten es die Autoren
des Kommunistischen Manifests für ausgeschlossen, daß das
Kapital sich glatt zur Respektierung seiner eigenen allerwichtigsten
Erfolgsbedingung, nämlich zur Erhaltung einer
funktionsfähigen Arbeiterklasse zwingen ließe:
„Sie
(die Bourgeoisie) ist unfähig zu herrschen, weil sie unfähig
ist, ihrem Sklaven die Existenz selbst innerhalb seiner Sklaverei zu
sichern, weil sie gezwungen ist, ihn in eine Lage herabsinken zu
lassen, wo sie ihn ernähren muß, statt von ihm ernährt
zu werden.“
-
und sind darin tatsächlich widerlegt: Aufs Herrschen versteht sie
sich doch, die Bourgeoisie; und wenn auch nur in der Form, daß
das Proletariat ihm ein paar Überlebensbedingungen abkämpft
und eine sozialstaatliche Ordnungsgewalt dem Proletariat ein
funktionelles Überleben mit dem gezahlten Lohn aufzwingt. Das
hatten Marx und Engels in der Tat noch nicht vor Augen; und daß
die Kämpfe des Proletariats auf nichts anderes zielten, das
mochten sie in ihrem Manifest einfach nicht wahrhaben.
Selbsterkämpftes Überleben, so meinten sie, müßte
doch zusammenfallen mit dem Sieg der Arbeiterklasse über ihre
Ausbeuter.
An
dieser Stelle ist es unumgänglich, eine Fehlanzeige zu erstatten
und den Genossen Marx und Engels nicht bloß einen
Fehlschluß vorzuwerfen, sondern einen regelrechten
„black-out“: Denselben Autoren, die selber dauernd
praktisch mit der Staatsgewalt und ihren Machenschaften konfrontiert
waren und die außerdem auch staatstheoretisch voll auf der
Höhe waren - in den Auseinandersetzungen mit Hegel und Bruno Bauer
z.B. richtig und klar zwischen „Citoyen“ und
„Bourgeois“ zu unterscheiden wußten: ausgerechnet
denen fallt ausgerechnet im Kommunistischen Manifest zur politischen
Herrschaft der Bourgeoisie nichts Gescheites ein. Sie erwähnen
durchaus die moderne bürgerliche Staatsgewalt als einen
„Ausschuß“, der die gemeinschaftlichen
Angelegenheiten der ganzen herrschenden Klasse im Griff hat.
Darüber jedoch, was dieser Ausschuß alles leistet, gerade im
Unterschied zum bornierten bourgeoisen Klasseninteresse an privater
Bereicherung; worin die erwähnten „gemeinschaftlichen
Geschäfte“ der herrschenden Klasse als solcher
überhaupt bestehen; warum es für deren Verwaltung
flächendeckende Gewalt braucht; welchen Dienst die
öffentliche Gewalt für die Aufrechterhaltung des
kapitalistischen Herrschaftssystems erbringt: über alles das
schweigen sie sich aus - so daß ihnen heute jeder dahergelaufene
Sozialstaatsapostel triumfierend entgegenhalten kann, mittlerweile
wäre alles bestens im Interesse der Arbeiter geregelt. Was ihnen
dann doch zur politischen Herrschaft der Bourgeoisie einfällt, ist
ausgerechnet der
eine Punkt, an dem sie wieder die Kurve zu ihrer Theorie vom
selbstverursachten Untergang der bürgerlichen Klassenherrschaft
kriegen: Die Bourgeoisie bräuchte die Unterstützung des
Proletariats für ihren Kampf um die Staatsgewalt gegen die alten
feudalen Herrschaftsverhältnisse sowie um die Interessen des neuen
bürgerlichen Gemeinwesens; deswegen müßte sie ihm
allerhand „Bildungselemente“ zuführen, die den
Proletariern dann für ihren Klassenkampf unweigerlich zugute
kämen. Die Tatsache, daß die Bourgeoisie diese
Unterstützung auch tatsächlich bekam, und zwar ohne
daß es anschließend gleich ihrer Herrschaft an den Kragen
gegangen wäre, erschüttert die Manifest-Verfasser kein
bißchen. Sie werden nicht irre in ihrer Einschätzung,
daß die revolutionäre Sache damit im Prinzip schon ganz gut
vorangebracht wäre. Im Gegenteil! Der fatale Umstand, daß
das Proletariat sich für seine neuen bürgerlichen Herren auch
noch geschlagen hat - wie das übrigens zum Beruf der dienstbaren
Klasse im Klassenstaat allemal gehört! -, und das nicht zu knapp,
wird glatt in das Generalurteil integriert: Die Bourgeoisie arbeitet an
ihrem Untergang.
„Die
Kollisionen der alten Gesellschaft überhaupt fördern
mannigfach den Entwicklungsgang des Proletariats. Die Bourgeoisie
befindet sich in fortwährendem Kampfe: anfangs gegen die
Aristokratie; später gegen Teile der Bourgeoisie selbst, deren
Interessen mit dem Fortschritt der Industrie in Widerspruch geraten;
stets gegen die Bourgeoisie aller auswärtigen Länder. In
allen diesen Kämpfen sieht sie sich genötigt, an das
Proletariat zu appellieren, seine Hülfe in Anspruch zu nehmen und
es so in die politische Bewegung hineinzureißen. Sie selbst
führt dem Proletariat ihre eigenen Bildungselemente, d.h. Waffen
gegen sich selbst, zu.“
Proleten
lassen sich von der Bourgeoisie gegen den Adel einsetzen; sie treten
als „Bündnisgenossen“ gegen die Bourgeoisie
„auswärtiger Länder“ an - und die Autoren des
Kommunistischen Manifests bezeichnen dieses Verhältnis vornehm als
„Hülfe“! Die Beschlagnahmung der Arbeiter als
Nationalisten durch die bürgerliche Staatsgewalt, den politischen
Dienst des Proletariats am Staat der Bourgeoisie begrüßen
sie noch wie eine ,List der Vernunft' zur Stärkung der
kämpfenden Massen durch ihren Klassenfeind. Das ist schon eine
ziemlich brutale Verwechslung,
wer
in diesem Verhältnis für wen die Rolle des nützlichen
Idioten spielt. Und nicht einmal der kleine Nebenwiderspruch fällt
den Autoren auf, daß ihre Aussagen über das schlechterdings
nicht vorhandene Interesse der Bourgeoisie an einer Ernährung des
Proletariats nicht die ganze Wahrheit sein können oder zumindest
der Modifizierung bedürfen, wenn es auf die lohnarbeitenden Massen
nicht bloß als Produktions- und Kostenfaktor, sondern auch als
dienstbares Staatsvolk ankommt: Die Bourgeoisie hat zwar kein
übermäßiges Interesse an der Ernährung des
Proletariats; insofern sie die Proleten aber braucht, sorgt sie unter
dem übergeordneten Gesichtspunkt der nationalen Selbsterhaltung
für ihr Fußvolk...
Es
ist also nicht einmal bloß so, daß dem Manifest eine
gescheite Staatstheorie fehlt. Es ist schlimmer: Marx und Engels wissen
um die Funktionalisierung der Proletarier für die politische
Herrschaft der Bourgeoisie - und wollen davon nichts anderes wissen als
den erhofften und nicht eingetretenen positiven Effekt: Dadurch
würde die revolutionäre Klasse nur immer noch
größer und mächtiger. Von diesen Fehlern kommen Marx
und Engels in ihrem Manifest nicht mehr herunter.
2. Kapitel: „Proletarier und Kommunisten“
Wenn es nun so steht um die Gesellschaft, den Klassenkampf und das
Proletariat: Was wollen dann die Kommunisten? Die Antwort des Manifests
ist eigenartig: Sie wollen erstens angeblich nichts anderes als alle
anderen Arbeiterparteien! Träfe das wirklich zu, dann
bräuchten sie erst gar keine eigene Partei aufzumachen. Wie
nötig sie das aber finden und warum, daß es also mit der
behaupteten prinzipiellen Übereinstimmung mit der restlichen
Arbeiterbewegung nicht weit her ist, das stellen Marx und Engels selber
nachdrücklich klar, wenn sie im 3. Kapitel des Manifests die
führenden Köpfe der anderen, damals mehr oder weniger
verbreiteten, sozialistischen Richtungen kritisieren.
Noch fragwürdiger ist die zweite Versicherung:
„Sie
(die Kommunisten) haben keine von den Interessen des ganzen
Proletariats getrennten Interessen. Sie stellen keine besonderen
Prinzipien auf, wonach sie die proletarische Bewegung modeln
wollen.“
Da
schreiben die führenden Theoretiker des Kommunismus ein Manifest,
meinen also, sie hätten den Arbeitern etwas mitzuteilen, was die
beherzigen sollten, und dementieren als erstes jede sachliche Differenz
zwischen sich und den angesprochenen Massen. Nur einen Unterschied
wollen sie gelten lassen: Daß Kommunisten „stets das
Interesse der Gesamtbewegung vertreten" und überhaupt „die
Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der
proletarischen Bewegung“ vor dem Rest der Mannschaft voraus
haben. Was soll das: Die einen kämpfen mehr oder weniger
begriffslos vor sich hin, die anderen wissen, wo's lang geht - aber die
Hauptsache ist, daß man sich im Prinzip nicht unterscheidet?!
Wenn es die Kommunisten braucht, um das „Interesse der
Gesamtbewegung“ zu vertreten, dann kann von einer
„Gesamtbewegung“ kaum die Rede sein, und deren
„Interesse“ existiert schon gar nicht - außer in den
Köpfen der Kommunisten: als deren Programm, das sie den
Lohnarbeitern nahezubringen gedenken. Was es auf Seiten der
kämpfenden Arbeiter gibt, das sind - soviel wissen die Autoren -
ziemlich beschränkte Anliegen, und die Kämpfenden haben auch
kein Bewußtsein davon, daß sie als Faktor und Bestandteil
einer „Gesamtbewegung“ ihre historische Mission
erfüllen. Dennoch: Marx und Engels lesen entschieden in die vor
ihren Augen stattfindenden Arbeiterkämpfe das Interesse an einer
blitzsauberen proletarischen Revolution hinein. Dabei geben sie mit
ihrer Konstruktion eines „Gesamtinteresses“, das alle
beschränkten Arbeitskämpfe zusammenfaßt und dessen
Wächter die Kommunisten als der „praktisch entschiedenste,
immer weitertreibende Teil der Arbeiterparteien“ sind, einerseits
zu, daß in den damaligen Arbeitskämpfen durchaus andere
Interessen verfochten wurden als das an einer proletarischen Revolution
in ihrem Sinne. Genau diese Differenz zwischen ihrem Standpunkt und den
Zielen, für die Lohnarbeiter eintreten, wenn sie „einfach
nur“ um die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen als Lohnarbeiter
streiten, leugnen sie andererseits. Sie übersehen
großzügig, daß Arbeiter sich in der Konkurrenz, in die
sie das Kapital versetzt, bewähren wollen und
dabei
auch nationalistische Gesichtspunkte in ihren Kampf um Rechte
einbringen, und behaupten glatt, daß sich der Kampf um die
Durchsetzung von Arbeiterrechten wie ein Teil(kampf) zum großen
Kampf ums Ganze verhalte. Mit ihrem zweifelhaften Lob der
kämpfenden Arbeiter - daß die zwar keine Ahnung haben, aber
irgendwie schon auf dem richtigen Dampfer sind - unterstellen sie einen
Gegensatz zwischen ihrem Programm und dem, was Wille und
Bewußtsein des Proletariats ist, und erklären ihn
gleichzeitig für unerheblich.
Im
4. Kapitel des Manifests, das im einzelnen die „Stellung der
Kommunisten zu den verschiedenen oppositionellen Parteien“ in
diversen Ländern angibt, bringen die Autoren diesen Fehler
folgendermaßen noch einmal auf den Punkt:
„Mit
einem Wort, die Kommunisten unterstützen überall jede
revolutionäre Bewegung gegen die bestehenden gesellschaftlichen
und politischen Zustände. In allen diesen Bewegungen heben sie die
Eigentumsfrage, welche mehr oder minder entwickelte Form sie auch
angenommen haben möge, als die Grundfrage der Bewegung hervor.“
Wenn
man die „Eigentumsfrage“ ständig hervorheben
muß, weil sie in den diversen oppositionellen Bewegungen offenbar
eher „minder entwickelt“ ist, dann sollte man besser gleich
zur Kenntnis nehmen, daß diese Bewegungen von anderen
„Grundfragen“ umgetrieben werden als von der Abschaffung
des Privateigentums. Dann ist es allerdings auch ein ziemlicher Unfug,
so zu tun, als müßten Kommunisten alle Oppositionellen, egal
wofür die gerade kämpfen, bloß immerzu daran erinnern,
daß es ihnen doch - letztlich - auch um die Eigentumsfrage ginge.
Wie
kommen Kommunisten auf soviel wohlwollende Selbstverleugnung? Offenbar
haben Marx und Engels damals jede Menge Arbeiterkämpfe
registriert, deren Ziele sie zwar nicht teilten, deren Fehler sie aber
für ziemlich vorläufig erklärten. Sie setzten auf
die Erfahrung bei ihren Adressaten, daß falsche Kämpfe
nichts nützen und sie deshalb dem richtigen Klassenkampf nicht
auskommen könnten. Also haben sie jeden Arbeiteraufruhr unter der
Abstraktion „Klassenkampf“ begrüßt und den
Proletariern das beruhigende Angebot unterbreitet, daß die
Kommunisten schon
den Überblick darüber behalten, wo das kämpfende
Proletariat hin muß und will. Statt auf Agitation und Kritik
haben sie sich auf eine Art Vertrauenswerbung verlegt: Kommunisten
vertrauen dem Proletariat, daß es ganz von selbst schon
richtig liegt - umgekehrt kann sich das Proletariat auf die
Kommunisten als „Wegweiser“ verlassen. Insgesamt
erfüllt diese Leugnung der Differenz zwischen Kommunisten und
Proleten den Tatbestand der Heuchelei - und ausgerechnet mit einer
solchen Anwanzerei an die Adressaten, denen sie auch noch selber
bescheinigen, daß sie von den Zielen der Revolution keine Ahnung
haben, meinen die Autoren des Kommunistischen Manifests die Arbeiter
für einen revolutionären Umsturz begeistern zu können!
Die
Stellung, die Marx und Engels hier zum Proletariat einnehmen,
läßt erkennen, aus welcher „Denkschule“ sich die
beiden gerade verabschieden. Offensichtlich haben sie nicht bloß
als gute Kommunisten den Klassenkampf der Proletarier gegen ihre
Ausbeutung als praktische Notwendigkeit für ein anständiges
Leben erkannt, sondern als Idealisten eines fälligen
Menschheitsfortschritts in die tatsächlich stattfindenden
Kämpfe eine tiefere Bedeutung hineininterpretiert. Nur jemand, der
„von der Utopie zur Wissenschaft“ unterwegs ist, hält
dann auch folgende Überlegung für mitteilenswert:
„Die
theoretischen Sätze der Kommunisten beruhen keineswegs auf Ideen,
auf Prinzipien, die von diesem oder jenem Weltverbesserer erfunden oder
entdeckt sind. Sie sind nur allgemeine Ausdrücke
tatsächlicher Verhältnisse eines existierenden Klassenkampfs,
einer unter unsern Augen vor sich gehenden geschichtlichen
Bewegung.“
Wer
sich so auf die Realität beruft und beteuert, daß diese sein
Programm längst enthält, rechtfertigt und beweist, der ist
einerseits sehr bescheiden. Er erklärt nämlich sein ganzes
politisches Vorhaben zum bloßen „Ausdruck“ von etwas,
das sowieso passiert. Andererseits ist er sehr anspruchsvoll in Bezug
auf die paar Gedanken, die ihm eingefallen sind. Die sollen
schließlich nichts Geringeres sein als die Blaupause dessen,
woran sich die ganze Welt - einschließlich der Arbeiterklasse -
gerade abarbeitet. So reden Geschichtsteleologen auf der Suche nach
einem real
existierenden
Vollzugsorgan für ihre Idee - oder etwas freundlicher
ausgedrückt: So redet jemand, der sich gerade über „Das
Elend der Filosofie“ zur wissenschaftlichen Ökonomie
vorarbeitet. Eine kommunistische Diagnose, die ihre Urteile nicht aus
filosofischen Ideen, sondern aus der Analyse der gesellschaftlichen
Realität bezieht, muß sich jedenfalls nicht ihrer
Realitätsnähe versichern. Die Empfehlung, die Lohnarbeiter
sollten das Lohnsystem umstürzen, weil sie mit ihren materiellen
Interessen sonst ohnehin keine Chance haben, braucht kein anderes,
„höheres“ Argument. Im Manifest wird diese Botschaft
ersetzt durch die Behauptung einer proletarischen Mission, der sich
niemand entziehen können soll, weil dergleichen in der
Menschheitsgeschichte sowieso laufend vorkommt und sogar „die
Abschaffung bisheriger Eigentumsverhältnisse nichts den
Kommunismus eigentümlich Bezeichnendes" sei - als hätte das
kämpfende Proletariat gerade noch auf diese beruhigende Mitteilung
gewartet.
Nachdem
die weltgeschichtliche Bedeutung der laufenden Arbeiterkämpfe
insoweit geklärt ist, beschäftigen sich die Autoren mit der
Zurückweisung bürgerlicher Vorwürfe gegen die
Kommunisten. Dabei ist nicht zu verkennen, daß sie sich mit
Einwänden auseinandersetzen, die nicht nur von der Bourgeoisie
erhoben wurden, die sie direkt polemisch anreden. Ihre Antworten auf
die gängigen antikommunistischen Anklagen sind im Grunde Punkt
für Punkt lauter weitere Eingeständnisse, wie wenig von einer
Übereinstimmung der Kommunisten mit den Anliegen der
kämpfenden Proleten tatsächlich die Rede sein konnte - und
genausoviele verkehrte Dementis. Eines dieser Dementis betrifft einen
damals offensichtlich schon im Umlauf befindlichen Irrtum: die
Gleichsetzung von Kommunismus und Diebstahl. Denn zum Eigentum
fällt ihnen folgendes ein:
„Was
den Kommunismus auszeichnet, ist nicht die Abschaffung des Eigentums
überhaupt, sondern die Abschaffung des bürgerlichen Eigentums
... Kapitalist sein, heißt nicht nur eine rein persönliche,
sondern eine gesellschaftliche Stellung in der Produktion einnehmen.
Das Kapital ist ein gemeinschaftliches Produkt und kann nur durch eine
gemeinsame Tätigkeit vieler Mitglieder, ja in letzter Instanz nur
durch die gemeinsame Tätigkeit aller Mitglieder der Gesellschaft
in Bewegung gesetzt werden. Das Kapital ist also keine
persönliche, es ist eine gesellschaftliche Macht. Wenn also das
Kapital in gemeinschaftliches, allen Mitgliedern der Gesellschaft
angehöriges Eigentum verwandelt wird, so verwandelt sich nicht
persönliches Eigentum in gesellschaftliches. Nur der
gesellschaftliche Charakter des Eigentums verwandelt sich. Er verliert
seinen Klassencharakter.“
Statt
schlicht und ergreifend auszuführen, daß es sich bei einem
kommunistischen Umsturz nicht um eine Reihe von Enteignungen handelt,
sondern um die Abschaffung des Eigentums; statt zu erklären,
daß eine kommunistische Revolution auf die Abschaffung des
ganzen Rechtszustands zielt, der mit dem Privateigentum gegeben ist,
beteuern Marx und Engels, daß diese grundlegende Umwälzung
garantiert nicht den Tatbestand des Wegnehmens von
„persönlichem Eigentum“ erfüllt. Sie bemühen
dafür eine Unterscheidung zwischen Eigentum überhaupt und
seinem gesellschaftlichen Charakter, die Marxisten vor Rätsel
stellt. Denn das, was Eigentum ausmacht: das ausschließende
Verfügen über gegenständlichen Reichtum, das nur dank
staatlicher Verfügung allgemein Gültigkeit hat und die Basis
des kapitalistischen Produktionsverhältnisses ist - das
können die Autoren unmöglich im Sinn
gehabt haben, wenn sie zwischen quasi immerwährendem Eigentum und
einer davon getrennt existierenden gesellschaftlichen Form des
Eigentums unterschieden haben wollen. Sonst wäre ihnen auch zur
Figur des Kapitalisten nicht ausgerechnet die Antithese von „nur
rein persönlicher" und „gesellschaftlicher Stellung in der
Produktion“ eingefallen. Die Entdeckung, daß das
kapitalistische Eigentum ein „gemeinschaftliches Produkt“
und als Produktionsmittel Teil eines gesellschaftlichen
Produktionsprozesses ist, mag ja stimmen. Aus dem Befund folgt aber
gerade nicht, daß die Proletarier bloß noch die
Kapitalisten zu verjagen bräuchten, so ungefähr wie einen
überflüssigen Zusatz zur längst realisierten
gesamtgesellschaftlichen Arbeitsteilung, und schon würde sich die
,wahre' gesellschaftliche Natur des Kapitals zeigen und gegen ihre
,Verfremdung' durch den Schein eines persönlichen
Verhältnisses zwischen Kapitalist und Produktion durchsetzen. Die
„gesellschaftliche Stellung“ des Kapitalisten „in der
Produktion“ besteht vielmehr gerade darin, daß er ganz
persönlich, mit der Gewalt des rechtlich geschützten
Eigentums, über sie verfügt. Die Tatsache, daß
„gemeinschaftlich“ produziert wird, steht nicht in einem -
entlarvenden - Gegensatz zur Privatheit des Kapitals; dessen
Privatmacht ist vielmehr das Gesellschaftliche an der ganzen
Produktionsweise. Und deswegen hat der Kommunismus auch nicht
bloß eine Modifikation des „gesellschaftlichen Charakters
des Eigentums“ im Sinn, wenn er, wie im Manifest durchaus
angekündigt, die „Aufhebung des Privateigentums" verlangt:
Es geht schon gegen das Eigentum selbst, weil das nämlich nicht
den einen oder anderen „gesellschaftlichen Charakter“ hat,
sondern den „Charakter“ der gesamten Gesellschaft,
nämlich ihrer Produktionsweise begründet. Was soll also das
ganze Hin-und-Her im Manifest zwischen „Abschaffung des Eigentums
überhaupt“, um die es angeblich nicht geht, und der
„Abschaffung des bürgerlichen Eigentums“, um die es
sehr wohl gehen soll? Daß die gesellschaftliche Produktionsweise
des Privateigentums seine Macht verlieren und ihre bisherigen
notwendigen Opfer dadurch reicher werden, läßt sich doch
wohl einfacher sagen. Daß Kapitalisten ihre Macht genommen werden
soll, müssen Kommunisten wirklich nicht mit lauter
beschwichtigenden „Nurs" beschönigen. Das Manifest leistet
sich also nicht nur ein höchst umständliches, sondern auch
sehr falsches Dementi der verbreiteten Auffassung, Kommunisten wollten den Leuten „ihr Hab und Gut“ wegnehmen.
Beruhigt
werden sollten damit wohl all die aufgeregten Gemüter, die seit
jeher Kommunismus und Enteigung für ein und dasselbe halten. Dabei
war Marx und Engels die Enteigung, die durch die Macht des Kapitals an
den Arbeitern tagtäglich vollstreckt wird, durchaus geläufig.
Aber statt einfach das auszuführen, verbreiten sie eine schlechte
Lohntheorie:
„Der
Durchschnittspreis der Lohnarbeit ist das Minimum des Arbeitslohns,
d.h. die Summe der Lebensmittel, die notwendig sind, um den Arbeiter
als Arbeiter am Leben zu erhalten. Was also der Lohnarbeiter durch
seine Tätigkeit sich aneignet, reicht bloß dazu hin, um sein
nacktes Leben wieder zu erzeugen. Wir wollen diese persönliche
Aneignung der Arbeitsprodukte zur Wiedererzeugung des unmittelbaren
Lebens keineswegs abschaffen, eine Aneignung, die keinen Reinertrag
übrigläßt, der Macht über fremde Arbeit geben
könnte. Wir wollen nur den elenden Charakter dieser Aneignung
aufheben, worin der Arbeiter nur lebt, um das Kapital zu vermehren, nur
so weit lebt, wie es das Interesse der herrschenden Klasse erheischt
... Der Kommunismus nimmt keinem die Macht, sich gesellschaftliche
Produkte anzueignen, er nimmt nur die Macht, sich durch Aneignung
fremde Arbeit zu unterjochen.“
Das
klingt schon wieder wie Trost: Die Kommunisten wollen den Arbeitern
ganz bestimmt nichts wegnehmen! Und dafür wird eine Lohntheorie
der beschränkten Aneignung bemüht. Die Autoren hätten
sich da besser einmal klar entschieden: Ist der Lohn Aneignung des
Notwendigen, was Kommunisten den Arbeitern auch nicht nehmen wollen; -
oder bedeutet Lohnarbeit, daß der „Arbeiter nur lebt, um das Kapital zu vermehren“ und „nur so weit lebt, wie es das Interesse der herrschenden Klasse erheischt“? Wenn letzteres, dann ist der Lohn nur in einem sehr zynischen
Sinn
das Lebensmittel der Arbeiter, nämlich überhaupt nicht ihr
Mittel; dann ist er vielmehr vor allem andern Mittel des Kapitals - und
man kann dem Arbeiter in einem Kommunistischen Manifest getrost die
Botschaft zumuten: Den Lohn schaffen Kommunisten übrigens ab.
Irgendwie
steht das ja auch da; „daß es keine Lohnarbeit mehr gibt,
sobald es kein Kapital mehr gibt", bezeichnet das Manifest als
„Tautologie". Aber daß der Lohn nicht in den bleibenden
Normalfall einer Aneignung des Lebensnotwendigen durch den Arbeiter und
einen „elenden Charakter dieser Aneignung“, nämlich
die von der Bourgeoisie gesetzten Bedingungen des Lohn-Erwerbs,
zerfällt, das hat Marx erst später in seiner „Kritik
der politischen Ökonomie“ gescheit erklärt. Der Lohn
ist ein Teil des Kapitals - „variables Kapital“ -; auf
Seiten der Arbeiter setzt er Eigentumslosigkeit voraus und reproduziert
sie. Vom Arbeitsprodukt eignet sich der Lohnarbeiter nämlich
überhaupt nichts an; es gehört ihm schlechterdings nichts von
den Produkten, die er herstellt. Sämtliche „Nurs“ sind
daher verkehrt, die so schön beschwichtigend im Text des Manifests
bemüht werden: Mit der Abschaffung des Kapitals ist nicht
„nur“ eine „elende“ Form der Aneignung von
Arbeitsprodukten durch eine bessere ersetzt, sondern eine Sorte Arbeit
abgeschafft, die von vornherein nichts als kapitalistisches
Privateigentum produziert - also die Lohnarbeit selber. Und deswegen
stimmt es auch nicht, daß „der Kommunismus ... keinem die
Macht (nimmt), sich gesellschaftliche Produkte anzueignen,“
sondern „nur die Macht, sich durch diese Aneignung fremde Arbeit
zu unterjochen“: „Das Gesellschaftliche“ an den
Produkten des Kapitals ist gerade, daß sie überhaupt nicht
jedermann zur Aneignung zur Verfügung stehen, sondern von
vornherein kapitalistisches Privateigentum sind; Produktion durch
Lohnarbeiter und Aneignung durchs Kapital sind ein und dasselbe; die
„Macht, sich fremde Arbeit zu unterjochen“, kommt daher
nicht zu einer ,normalen' Art der Güteraneignung hinzu, sondern
ist der ganze ökonomische Inhalt des gesamten Aneignungsprozesses,
Ausgangs- und Endpunkt aller Güterproduktion. Die Beseitigung
dieser Macht ist also erst recht kein „Nur“, und sie
läßt auch keine herkömmliche Art der
,persönlichen' Aneignung ,gesellschaftlicher Produkte' bestehen -
eher schafft der Kommunismus erstmals ein solches Verhältnis...
Die
Bemerkungen des Manifests zu Persönlichkeit und Freiheit sind
ebenfalls keine Glanzleistungen der marxistischen Theorie. Wir
erfahren, daß Kommunisten angeblich nichts gegen diese hohen
Güter an sich haben, sondern nur die Aufhebung der
„Bourgeois-Persönlichkeit, -Selbstständigkeit und
-Freiheit" im Auge haben. Daß nicht bloß der Bourgeois auf
dem Tauschwert steht, sondern die bürgerliche Freiheit
überhaupt keinen anderen Inhalt hat als die bedingungslose
Anerkennung des Tauschwerts, also die Verpflichtung der
„Persönlichkeit“ aufs Eigentum als einziges
Lebensmittel, das war den Verfassern des Manifests offensichtlich noch
nicht ganz klar. Im 2. Kapitel des 1. Bandes des „Kapital“
steht es dann um so eindeutiger: Die Person ist nichts anderes als der
„Hüter der Waren“, der Sachwalter der Preisform; die
wechselseitige Anerkennung der Personen als Privateigentümer ist
durch das ökonomische Verhältnis gegeben, das ihnen durch den
Warencharakter des Reichtums quasi dinglich vorgegeben ist:
„Die
Personen existieren hier nur füreinander als Repräsentanten
von Ware, daher als Warenbesitzer. Wir werden überhaupt im
Fortgang der Entwicklung finden, daß die ökonomischen
Charaktermasken der Personen nur die Personifikationen der
Verhältnisse sind, als deren Träger sie sich
gegenübertreten.“
Das
ist sie, die Persönlichkeit, wie sie leibt und lebt in der
bürgerlichen Gesellschaft: Als Personifikation der Preisform
treten deren Mitglieder allemal gegeneinander an. Jeder steht unter der
Prämisse, daß er nur für sich selber da ist, mit seinen
Mitteln eben versucht, das Beste aus sich und seinem Leben zu machen.
Jeder, auch der Proletarier, steht nur in einer Warenbeziehung zum Rest
der Gesellschaft – auch zum Unternehmer, der ihn
beschäftigt. Moderne Persönlichkeiten sind so durch
Repräsentanten der Preisform, daß sie diese in jeder
Lebenslage gegeneinander in Anschlag bringen: Alles – bis zum
Liebesleben wird zur Frage der Anerkennung und der Begutachtung der
anderen geschätzten Persönlichkeit – nach dem Muster:
„Was kriege ich von Dir für das, was ich (in dich)
investiere?“ So gehen die selbstbewußten Mitglieder der
bürgerlichen Gesellschaft miteinander um, ohne auch nur im
mindesten ein Bewußtsein davon zu haben, daß sie nichts
anderes sind als „Charaktermasken der ökonomischen
Verhältnisse“. Auch Lohnarbeiter gehen nicht in die Fabrik,
um dem Kapital zu dienen, sondern um für ihren Lebensunterhalt zu
sorgen. Die arbeitende Klasse existiert also im Kapitalismus als lauter
freie, nur an
sich selbst denkende Persönlichkeiten. Deswegen schafft der
Kommunismus eben nicht nur die
„Bourgeois-Persönlichkeit“, sondern auch die
proletarische Persönlichkeit ab, weil es sich bei sämtlichen
werten Personen der bürgerlichen Gesellschaft um nichts anderes
als „Personifikationen der ökonomischen
Verhältnisse“ handelt.
Zur
Familie: Es mag ja einmal ganz nett sein, der Bourgeoisie, die sich als
Bewahrer und Retter des Familienlebens aufführt, ihre Heuchelei in
puncto ehelicher Treue und Moral um die Ohren zu hauen. Die Grenze
dieser Sorte Polemik wird deutlich, wenn nicht mehr ganz klar ist, ob
nicht derjenige, der den Heuchelei-Vorwurf erhebt, selber für die
Ideale Partei ergreift, die die „Heuchler“ immerzu mit
Füßen treten. Es mag ja erfrischend sein, wenn sich das
Kommunistische Manifest für eine offene, offenherzige Vielweiberei
ausspricht. Nicht in Ordnung dagegen
geht
es, wenn das nach dem Muster dargestellt wird: Wir Kommunisten
vollenden doch letztlich „nur“ ein Zerstörungswerk von
Sitte und Anstand, das die Bourgeoisie schon selbst längst –
wenn auch nur im Geheimen – begonnen hat. Am Ende kommt es noch
so heraus, als wäre ausgerechnet der bürgerliche Kopf mit
seiner verleugneten Unmoral Vorbild und Vorreiter der kommunistischen
Kritik des Familienlebens.
Besonders
fatal wird dieses Argumentationsmuster bei der polemischen Behandlung
des Vorwurfs, „Kommunisten wollten das Vaterland, die
Nationalität abschaffen''. Man könnte ja auch einfach sagen:
Genau, das wollen wir, und gute Gründe dafür haben wir auch
... Stattdessen bemüht sich das Kommunistische Manifest auch hier um den Nachweis, daß die Bourgeoisie selber schon - ausgerechnet! - am Verschwinden der Nationen arbeitet:
„Die
nationalen Absonderungen und Gegensätze der Völker
verschwinden mehr und mehr schon mit der Entwicklung der Bourgeoisie,
mit der Handelsfreiheit, dem Weltmarkt, der Gleichförmigkeit der
industriellen Produktion und der ihr entsprechenden
Lebensverhältnisse. Die Herrschaft des Proletariats wird sie noch
mehr verschwinden machen.“
Die
weltweite Gleichmacherei der Lebensverhältnisse durch das Kapital
ist eine Sache; was die „nationalen Absonderungen der
Völker“ betrifft, haben Marx und Engels schon recht. Eine
ganz andere Sache sind aber die „Gegensätze der
Völker“: Die verschwinden überhaupt nicht „mit
der Entwicklung der Bourgeoisie“; die bekommen überhaupt
erst einen soliden Grund durch die wachsende Konkurrenz der nationalen
Staatsgewalten, deren Reichtum auf ihrer jeweiligen kapitalistischen
Nationalökonomie beruht. Das wird sogar ein paar Zeilen weiter im
Manifest selber angedeutet:
„In
dem Maße, wie die Exploitation des einen Individuums durch das
andere aufgehoben wird, wird die Exploitation einer Nation durch die
andere aufgehoben. Mit dem Gegensatz der Klassen im Innern der Nation
fällt die feindliche Stellung der Nationen gegeneinander.“
Wenn
schon die Aufhebung des Klassengegensatzes in Innern - also immerhin
nichts Geringeres als eine Revolution - nötig ist, damit die
Feindseligkeiten zwischen den Nationen aufhören, dann ist damit
immerhin angedeutet, daß die moderne Nation die Art und Weise
ist, wie die Bourgeoisie politisch regiert, und daß diese Sorte
Herrschaft lauter Gründe für Streit zwischen den Nationen
enthält. Dann sollte man aber besser nicht behaupten, daß
die Kommunisten auch in dieser Frage „nur“ eine historische
Tendenz vollenden wollten, die die Bourgeoisie schon eingeleitet hat.
Schließlich die Sache mit den „ewigen Wahrheiten, wie Freiheit, Gerechtigkeit usw.“,
deren Untergrabung den Kommunisten angelastet wird. Es ist schon ein
überaus matter Konter gegen diesen Vorwurf zu beteuern, daß
neue Herrschaften schon immer mit alten Ideologien aufgeräumt
haben und daß deswegen der Fortgang des Klassenkampfs auch
bloß das Zerstörungswerk der Bourgeoisie an der Ideenwelt
des Feudalismus weiterführt und vollendet. Eingeleitet wird diese
Entgegnung mit einer eher groben Theorie des falschen Bewußtseins:
„Die herrschenden Ideen einer Zeit waren stets nur die Ideen der herrschenden Klasse.“
Wenn
man sich so umschaut in der Welt des höheren Blödsinns, kann
das die ganze Wahrheit nicht sein. Die aktuellen herrschenden Ideen
sind jedenfalls oft so verdrechselt, daß die herrschende Klasse
ihre Schwierigkeiten hat, sie zu begreifen. Aber wenn es schon um die
herrschenden Ideen gehen soll, dann hätten gerade Marx
und
Engels - in anderen Schriften haben sie es bewiesen - in Sachen Kritik
mehr zu bieten als den pauschalen Hinweis, „daß das
gesellschaftliche Bewußtsein aller Jahrhunderte ... [sich] in
gewissen gemeinsamen Formen bewegt“. Und die kommunistische
Abneigung gegen Religion und Moral damit zu begründen, daß
das doch „kein Wunder“ sei bei Leuten, die „mit den
überlieferten Eigentumsverhältnissen radikal brechen wollen",
ist fast mehr eine Entschuldigung als ein Beitrag zum Kampf gegen
falsches Bewußtsein.
*
„Doch lassen wir die Einwürfe der Bourgeoisie gegen den Kommunismus“
– um zum letzen Abschnitt des 2. Kapitels zu kommen, in dem eine
Liste wirklich konkreter Teilforderungen aufgestellt wird:
Als
erstes erfahren wir, daß das Proletariat die politische
Herrschaft ergreifen muß. Hier kann man nur sagen: Was denn
sonst! Auch wenn wir, nach unserer Kenntnis der modernen Demokratie,
das nie und nimmer gleichsetzen würden mit der
„Erkämpfung der Demokratie“. Aber sei's drum.
Das folgende ökonomische Programm ist schon deutlich weniger klar umrissen. Wenn es da heißt:
„Das
Proletariat seine politische Herrschaft dazu benutzen, der Bourgeoisie
nach und nach alles Kapital zu entreißen ... dann
möchte man doch schon auch darauf bestehen, daß
„Entreißen“ und „Abschaffen“ nicht ganz
dasselbe ist. Kein Zweifel auch, daß die Entmachtung der
Bourgeoisie „natürlich nur geschehen [kann] vermittels
despotischer Eingriffe in das Eigentumsrecht und in die
bürgerliche Produktionsweise.“
Aber
wieso um alles in der Welt sollen diese „Maßregeln" dann
„ökonomisch unzureichend und unhaltbar erscheinen“ und
sich nur dadurch rechtfertigen, daß sie „über sich
selbst hinaustreiben und als Mittel zur Umwälzung der ganzen
Produktionsweise unvermeidlich sind“? Soll denn die vom
Proletariat eroberte Staatsmacht
schon wieder so einen ökonomischen Selbstlauf eröffnen, einen
geschichtlichen Mechanismus, der den Zielen der proletarischen
Revolution quasi „hinter dem Rücken“ der agierenden
Subjekte zum Durchbruch verhilft? Ein Endziel, das keiner will: die
Abschaffung des Kapitalismus, soll auf den Weg gebracht werden mittels
lauter „Etappensiegen“, die zwar nichts mit einer
kommunistischen Umwälzung zu tun haben, für die man aber
zumindest in den „fortgeschrittensten Ländern“ schon
einige Bündnisgenossen sieht.
Dieser
Vorstellung entsprechend sind die 10 Forderungen am Ende des 2.
Kapitels konstruiert. Es ist wirklich kein Wunder, daß sich
gerade darauf die heutigen Ideologen der „sozialen
Marktwirtschaft“ so begeistert berufen, weil sie sie – mit
den nötigen „realistischen“ Abstrichen, versteht sich
... - im modernen Kapitalismus erfüllt sehen. Denn allen
Forderungen haftet ein übler Beigeschmack an; alle zielen auf die
Staatsgewalt - jenen „Ausschuß der Bourgeoisie“ - mit
dem Antrag, diese sollte sich doch auch ums Proletariat kümmern:
„1. Expropriation des Grundeigentums und Verwendung der Grundrente zu Staatsausgaben.
2. Starke Progressivsteuer.
3. Abschaffung des Erbrechts.
4. Konfiskation des Eigentums aller Emigranten und Rebellen.
5. Zentralisation des Kredits in den Händen des Staats...
6. Zentralisation des Transportwesens in den Händen des Staats.
7. Vermehrung der Nationalfabriken...
8. Gleicher Arbeitszwang für alle...
9. Vereinigung des Betriebs von Ackerbau und Industrie...
10.
Öffentliche und unentgeltliche Erziehung aller. Beseitigung der
Fabrikarbeit der Kinder in ihrer heutigen Form. Vereinigung der
Erziehung mit der materiellen Produktion.“
Marx
und Engels haben sich später von diesem
„Sofortprogramm“ distanziert.***) Bei der Abfassung des
Manifests waren sie davon überzeugt, daß nur solche
Forderungen, die sich darum bemühen, an die gegebenen
Verhältnisse anzuknüpfen und Korrekturen anzubringen, der
passende Einstieg in eine totale Umwälzung der Gesellschaft
wären. Und so radikal die Forderungen auch sein mögen -
extremistisch zum Teil noch für ein modernes bürgerliches
Gemeinwesen, für die Verhältnisse im Jahre 1848 auf alle
Fälle allesamt umstürzlerisch: Sie sind durch und durch
opportunistisch.
Vorhandenen Reformbewegungen wird recht gegeben und gleichzeitig darauf
gesetzt, daß mit jeder bürgerlichen Reform nichts geringeres
vollbracht wäre als ein weiterer Schritt hin zur Abschaffung der
bürgerlichen Gesellschaft. Eine „starke
Progressivsteuer“ auf den kapitalistischen Reichtum jedoch ist
noch nicht einmal eine besonders zweckmäßige
Kampfmaßnahme, um „der Bourgeoisie nach und nach alles
Kapital zu entreißen“; geschweige denn, daß damit die
Ersetzung der kapitalistischen Produktionsweise durch einen
vernünftigen gesellschaftlichen Plan in die Wege geleitet
wäre - allenfalls mag auf die Art die Staatsgewalt in die Rolle
der Kapitalisten hineinwachsen, worauf in der Tat auch die meisten
anderen Forderungen abzielen. Als wäre der Staat, wenn er den
Reichtum der Gesellschaft nur bei sich zentralisiert und die
Kapitalisten ersetzt, schon ungefähr das,
worauf
Kommunisten mit ihrer Kritik der politischen Ökonomie
hinauswollen, oder zumindest eine gute Bedingung dafür und genau
das, was ein siegreiches Proletariat mit der eroberten Macht
herzustellen hätte!
Kurz:
Es werden lauter „über sich selbst hinaustreibende
Wege“ zur proletarischen Revolution aufgezeigt, die garantiert
keine sind. Denn das, worauf das Ganze hinauslaufen soll:
„Sind
im Laufe der Entwicklung die Klassenunterschiede verschwunden und ist
alle Produktion in den Händen der assoziierten Individuen
konzentriert, so verliert die öffentliche Gewalt den politischen
Charakter ... An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft
mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation,
worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist." -
dieses
Endziel der „Entwicklung“ ist so ziemlich der einzige
geschichtliche Schritt in der Welt, der ganz bestimmt nicht als
Sachzwang „hinter dem Rücken“ gesellschaftlicher
Charaktermasken passiert, sondern nur, wenn Individuen sich wirklich
mit Wille und Bewußtsein über das, was sie vorhaben,
„assozieren“. Wenn irgendetwas, dann ist eine solche
Assoziation, in der die „freie Entwicklung eines jeden die
Bedingung für die freie Entwicklung aller ist“ - lassen
wir's mal als kommunistische „Antwort“ auf das
bürgerliche Ideal der „frei entwickelten
Persönlichkeit“ gelten ... -, nicht als bewußtloses
„Übersich-Hinauswachsen“ einer „geschichtlichen
Entwicklung“ zu haben, sondern nur als gemeinsamer Plan von
Leuten, die wissen, was sie tun.
3. Kapitel: „Sozialistische und kommunistische Literatur“
Ausgerechnet
bei ihrer Auseinandersetzung mit dem sozialistischen Überbau der
damaligen Zeit laufen Marx und Engels zu großer Form der Kritik
auf. In ihrer Abrechnung mit zeitgenössischen
„sozialistischen“ Reaktionären und Fortschrittlern
lassen sie an deren Theorien kein gutes Haar. Da wissen sie sehr genau
zu unterscheiden, daß die Eingemeindung der Arbeiterklasse in die
bürgerliche Gesellschaft etwas anderes ist als die Entmachtung der
Bourgeoisie. Leider wollen sie von dieser Kritik nichts mehr wissen,
sobald sie sich ihrem 4. Kapitel widmen:
4. Kapitel: „Stellung der Kommunisten zu den verschiedenen oppositionellen Parteien“
Kaum
befassen sie sich mit anderen sozialistischen Parteien, stellen sie
sich wieder affirmativ und opportunistisch auf jeden Mist ein und
entdecken in einem Land nach dem anderen Bündnispartner, die mit
der entschlossenen Unterstützung der Kommunisten rechnen
können. ****)
*
Bleibt
noch der letzte Abschnitt des Textes. Etwas weniger Theatralik
hätte es zwar auch getan; dann hätten sich jedenfalls nicht
spätere Vertreter der „herrschenden Ideen“, statt
„vor einer kommunistischen Revolution zu zittern“, an der
schön-geformten Rede erbauen können. Aber sachlich
völlig in Ordnung, dieses abschließende Bekenntnis zu der
kommunistischen Maxime, nichts zu verleugnen und nichts zu
beschönigen:
„Die
Kommunisten verschmähen es, ihre Ansichten und Absichten zu
verheimlichen. Sie erklären es offen, daß ihre Zwecke nur
erreicht werden können durch den gewaltsamen Umsturz aller
bisherigen Gesellschaftsordnung. Mögen die herrschenden Klassen
vor einer kommunistischen Revolution zittern. Die Proletarier haben
nichts in ihr zu verlieren als ihre Ketten. Sie haben eine Welt zu
gewinnen.“
Hätten sich die Autoren auf den vorangegangenen Seiten ihres Manifests doch an ihre Maxime gehalten!
PS.: Die Karriere der Fehler des Kommunistischen Manifests im Realen Sozialismus
Was
die Autoren des Kommunistischen Manifests betrifft, die haben - wie
schon mehrfach erwähnt - die Mängel und Fehler ihrer
Frühschrift später größtenteils korrigiert.
Doch
bedauerlicherweise finden nicht nur heutige Schöngeister das
Kommunistische Manifest echt affengeil. Viel schlimmer ist, daß
diese Schrift in den letzten 150 Jahren soviel Anklang gefunden hat bei
allen, die sich für die „Sache der Arbeiterbewegung“
stark gemacht haben. Die Schwächen und Fehler des Manifests haben
leider eine steile Karriere hinter sich als beliebtester Leitfaden
sämtlicher kommunistischer Umtriebe der letzten Jahrzehnte, ja
sogar für die verflossenen kommunistischen Staatsgründungen.
Den kommunistischen Parteien, die sich auf Marx und Engels beriefen,
haben nämlich die Schwachheiten des Manifests viel mehr zugesagt
als die Kritik der Politischen Ökonomie und des Gothaer Programms
der Sozialdemokratie. Sie haben die Vorstellung, Kommunismus wäre
nichts weiter als die Zusammenfassung, der „entschiedenste
Ausdruck“ all der Sehnsüchte des „entrechteten und
geknechteten Proletariats“, zum Dogma erhoben und nach allen
Seiten hin radikal verkehrte Konsequenzen daraus gezogen.
- Auf der einen Seite opportunistisch bis zur Selbstverleugnung beim Anknüpfen an „soziale Bewegungen“, die sie als Kommunisten im Volk, insbesondere im Proletariat, gesucht und gefunden haben.
-
Skrupellos, bedenkenlos bei der Auswahl von Bündnispartnern, deren
Zielsetzungen sie als lauter Bestandteile und Vorstufen des eigenen
Programms gedeutet haben.
-
Hoffnungslos affirmativ in Bezug auf alles - Familie, Brauchtum, Normen
und Werte, Vaterland... -, was nach Auffassung aller wohlmeinenden
Kulturkritiker im Kapitalismus unter die Räder kommt; nach dem
Motto: „Das Wahre, Gute, Schöne ist in Wahrheit erst im
Sozialismus möglich“
-
Auf der anderen Seite total desinteressiert an den - kritikablen oder
auch korrekten - Bedürfnissen und Vorstellungen, mit denen
kommunistische Umstürzler in der kapitalistischen Gesellschaft
tatsächlich konfrontiert sind.
Kurz:
Ausgerechnet die sich auf Marx berufenden Parteien haben sich den
Widerspruch geleistet, die agitatorische Aufklärung ihrer
Adressaten über die kapitalistische Systemnotwendigkeit ihrer
miserablen Lage, die agitatorische Kritik der höchst
systemimmanenten Gerechtigkeitsforderungen, die Kritik der Art und
Weise also, wie Lohnarbeiter sich auf die Lebensbedingungen unter dem
Regime des Kapitals einstellen, ziemlich vollständig zu ersetzen
durch die Anerkennung des Proletariats im besonderen und der
Volksmassen im allgemeinen in dem trostlosen Zustand, in dem
Kommunisten sie vorfinden. Die „Volksmassen“ wurden von
ihrer „Vorhut“ - den Kommunisten beglückwünscht
als Erfüllungsgehilfen eines fiktiven Auftrags der Geschichte, den
sie noch nicht einmal zu kennen brauchten, weil er angeblich sowieso
galt und Wirkung zeigte.
Wo
sie an die Macht gekommen sind, haben die kommunistischen Parteien des
real existierenden Sozialismus die „untrennbare Einheit“
von Führung und Volk dekretiert. Als „Arbeiter- und
Bauernstaaten“ haben sie den Proletkult auf die Spitze getrieben;
die Identität zwischen Partei und Massen mit aller Macht
inszeniert, so daß jede kritische Stellungnahme aus den Reihen
der geliebten Massen den Genossen an den „Schalthebeln der
Macht“ suspekt war, als mögliche Abweichung von der
„korrekten Parteilinie“ beobachtet und nicht selten auch
verfolgt wurde. Umgekehrt wurden alle Regungen, die sie im Volk
vorgefunden haben - von der Religion über folkloristisches
Brauchtum bis zum Nationalismus - von den regierenden kommunistischen
Parteien alles andere als konsequent bekämpft, vielmehr als -
bestenfalls noch ungenügender - Ausdruck einer im Prinzip
korrekten, völkerverbindenden, massenfreundlichen Tendenz
affirmiert.
Was
die Ökonomie betrifft, haben die an die Macht gekommenen
Anhänger des Kommunistischen Manifests dann tatsächlich,
statt einen Übergang zur planmäßigen Produktion von
Gebrauchswerten durchzusetzen, ein System „ökonomisch
unzureichender und unhaltbarer Maßnahmen“ im Sinne eines
radikal verbesserten Kapitalismus installiert.
Auf
das Geld wie auf den Lohn meinten sie - im Gegensatz zu der von Marx
und Engels in ihren späteren Schriften gelieferten Kritik an
diesen kapitalistischen Errungenschaften - keinesfalls verzichten zu
können. Im Gegenteil, sie waren der festen Auffassung, erst im
Sozialismus würde beides zur vollen Schönheit und zu
nützlichen „Hebeln der Steuerung der Produktion und
Konsumtion“ reifen.
Angesichts
dieses Programms war es ihnen völlig klar, daß die
„öffentliche Gewalt“ nie und nimmer ihren
„politischen Charakter“ verlieren konnte; bzw. sie haben
irgendwann per politischem Dekret verkündet, daß sie die
„Übergangsgesellschaft“ für beendet betrachten
und in ihren Staaten der Kommunismus herrscht.
Im
Weltmaßstab schließlich hielten sie wenig von dem Slogan:
„Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ Sie
sorgten für die restlose Ersetzung des Klassenkampfs durch eine
Politik der militärischen Konfrontation und Friedenssicherung.
Um
einen „geistigen Überbau“ für ihren
revolutionären Tatendrang waren sie nicht verlegen. Sie hatten
sich nämlich heftig in die Vorstellung verliebt, daß sie und
ihr Programm immer nur der „Ausdruck einer geschichtlichen
Gesetzmäßigkeit“ sein konnten. In diesem Sinne haben
sie gleich eine ganze Tradition linker Erkenntnistheorie
begründet, die sich - streng Histo- und Diamat-mäßig -
in immer komplexeren Elaboraten um die Verankerung der zutiefst
filosofischen Erkenntnis bemühte: daß das, was ist - und was
die Partei veranstaltet, auch sein muß, weil es
der Geschichte entspricht.
Bleiben
noch die Epigonen der „Bewegung“, die beispielsweise in den
70er Jahren an bundesdeutschen Hochschulen „die Fahne des
Kommunismus hochgehalten“ haben. Die sind nicht davor
zurückgeschreckt, jedes Volksgemurmel und jeden noch so
sozialverträglichen DGB-Tarifstreit zur „sozialen
Bewegungen“ und zum „Schritt in die richtige
Richtung“ zu erklären. So haben sie sich revolutionäre
Umtriebe in die Tasche gelogen, um sich als deren Ausdruck begreifen zu
können. Jede Kritik an ihren Adressaten haben sie entschieden
abgewehrt und sich mit Grußadressen an „kämpfende
Belegschaften...“ an die Spitze der angeblichen oder wirklichen
Unzufriedenheit im Volk zu gesetzt.
Sogar
ihren Abgesang auf den Kommunismus haben manche der alten Freunde des
Kommunistischen Manifests in dem Bewußtsein vollzogen, daß
sie den vorgezeichneten Gang der Weltgeschichte irgendwie falsch
verstanden haben müßten. Selbstkritisch haben sie zu
Protokoll gegeben, daß sie mit ihrem „kommunistischen
Experiment“ offensichtlich - menschheitsgeschichtlich gesehen
– schätzungsweise ein paar hundert Jahre zu früh dran
waren. So kann man auch die eigene Absage an kommunistisches
Gedankengut als Einsicht in geschichtliche Notwendigkeiten darstellen.
Diejenigen,
die erst gar nicht dazu kamen, ein „kommunistisches
Experiment“ zu veranstalten – die kommunistischen
Gruppierungen in den kapitalistischen Metropolen -, haben auf ihre
Weise ihre Absage an den Kommunismus über die Bühne gebracht.
Nachdem sie aus dem Manifest eine Gebrauchsanweisung zum Proletkult
gemacht und sich als „Vorhut“ aufgebaut hatten, die sich in
nichts von der „wirklichen Bewegung“ unterscheidet,
mußten sie irgendwann feststellen, daß das real
existierende Proletariat alles andere im Sinn hat als eine
kommunistische Bewegung. Da haben sie dem bis neulich noch
heißgeliebten Proletariat ihre Zuneigung
entzogen.
Kritisieren wollen sie „die Massen“ immer noch nicht. Denn
jetzt glauben sie zu wissen, daß diese ganze Bande - und ganz
speziell der Prolet in seiner deutschen Ausprägung - zum
„schlechtesten Menschenmaterial“ gehört, das die Welt
je gesehen hat. Solche Typen gehören, nach Auskunft der
enttäuschten Arbeiterfreunde
von gestern, mit Verachtung gestraft und nicht für eine Revolution agitiert.
Schuld
an alledem ist das Kommunistische Manifest trotz aller seiner
Mängel nicht. Denn erstens ist der Schrift zu entnehmen, daß
Marx und Engels damit eine Kampfschrift gegen den Kapitalismus in die
Welt setzen wollten. Und zweitens handelt es sich bei diesem
marxistischen Frühwerk immerhin um eine „Vorstufe“
für
weitaus
bessere Spätwerke. Die Freunde des Realen Sozialismus sind den
umgekehrten Weg gegangen: Sie haben die Einsichten der
„Alten“ zugunsten ihrer geschichtsfilosofischen
Anfänge revidiert.
*)
Daß Bertolt Brecht, wie jetzt im Rahmen der allgemeinen
Lobgesänge über die angebliche literarische Qualität des
Kommunistischen Manifestes zu erfahren war, später
tatsächlich versucht haben soll, aus dem Manifest ein Gedicht zu
machen, kann man wirklich nicht seinen beiden Autoren zur Last legen.
Es zeigt höchstens, daß Brecht sein Lebtag nicht zwischen
künstlerischer Erbauung und politischer Agitation unterscheiden
wollte.
Ein
Fehler, den er im übrigen mit den Parteiführungen des
real-sozialistischen Staatsblocks teilte, für die Unterhaltung und
„proletarische Bewußtseinsbildung“ ebenfalls eine
„untrennbare Einheit“
darstellte. Weshalb der „Kulturschaffende“ Brecht in seinen
DDR-Jahren bekanntlich das tragische Schicksal erlitt, von der
politischen Gängelung durch US-Behörden, die in ihm einen
„kommunistischen Agitator unter dem Deckmantel der Kunst“
ausmachten, unter die fürsorgliche Obhut und Kontrolle der Partei
der Werktätigen zu geraten, die bisweilen andere Vorstellungen von
„sozialistischer Linientreue“
beim Dichten und Theaterspielen hatte als der seit neuestem auch im
Westen Deutschlands gefeierte „größte deutsche
Dramatiker dieses Jahrhunderts“.
**)
Uns sind Figuren wie Hans-Olaf Henkel, Gerhard Schröder, Norbert
Blüm und Konsorten dagegen an einer ganz anderen Stelle der
Manifests sehr lebhaft vor Augen gestanden:
„Seinen
entsprechenden Ausdruck erreicht der Bourgeoissozialismus erst da, wo
er zur bloßen rednerischen Figur wird. Freier Handel! im
Interesse der arbeitenden Klasse; Schutzzölle! im Interesse der
arbeitenden Klasse; Zellengefängnisse! im Interesse der
arbeitenden Klasse: das ist das letzte, das einzige ernstgemeinte Wort
des Bourgeoissozialismus. Der Sozialismus der Bourgeoisie besteht eben
in der Behauptung, daß die Bourgeois Bourgeois sind - im
Interesse der arbeitenden Klasse.“ Die aktuelle Fassung dieses
Sozialismus heißt: „Lohnsenkungen und rentable
Arbeitsplätze! im Interesse der arbeitenden Klasse!“
***) „Dieser
Passus (die am Ende von Abschnitt II vorgeschlagenen
revolutionären Maßregeln) würde heute in vieler
Beziehung anders lauten... Namentlich hat die [Pariser] Kommune den
Beweis geliefert, daß 'die Arbeiterklasse nicht die fertige
Staatsmaschine einfach in Besitz nehmen und sie für ihre eignen
Zwecke in Bewegung setzen kann'.'“ (Marx/Engels, Vorwort zur deutschen Ausgabe des Kommunistischen Manifests von
1872)
****)
Auch ihre spätere Distanzierung von diesen Passagen
läßt weniger eine Kritik an diesem opportunistischen Fehler
erkennen als vielmehr eine Absage an die Parteien, die sie sich 1848
als Bündnispartner ausgeguckt hatten - weil es die schlicht und
einfach nicht mehr gab:
„Ferner
ist selbstredend, daß die Kritik der sozialistischen Literatur
für heute lückenhaft ist, weil sie nur bis 1847 reicht;
ebenso die Bemerkungen über die Stellung der Kommunisten zu den
verschiedenen Oppositionsparteien (Abschnitt IV), wenn auch in den
Grundzügen heute noch richtig, doch in der Ausführung heute
schon deswegen veraltet sind, weil die politische Lage sich total
umgestaltet und die geschichtliche Entwicklung die meisten der dort
aufgezählten Parteien aus der Welt geschafft hat.“ (Marx/Engels, Vorwort zur deutschen Ausgabe des Kommunistischen Manifests von 1872).
aus:
GegenStandpunkt 2-98
Politische Vierteljahresschrift
www.gegenstandpunkt.com
