Augsburger Neueste Nachrichten, 15.02.1911:
Die Gärung in Indien
Als Schmerzenskind Großbritanniens gilt seit Jahrenzehnten Ostindien [Ostindien – im Gegensatz zu dem auf Columbus zurückgehenden Begriff Westindien, welcher bis dato noch gängige Bezeichnung Amerikas war (während »Amerika« die Bezeichung für die USA war). Ostindien umfaßte damals die heutigen Staaten Pakistan, Indien, Bangla Desh, Sri Lanka]. Dauernd gärt und brodelt es unter der Oberfläche. Geheime Verbindungen bestehen in Paris und London, und in den Zentren der Unzufriedenheit, in Kalkutta und Lahore, wird fieberhaft im stillen gearbeitet, das Volk reif zu machen zur Abschüttelung der englischen Herrschaft. Das weiß England. Und es sinnt stets auf Abwehrmaßregeln. Aber nicht mit anarchistischen Komplotten, sondern mit anderen Mitteln sucht Indien sein Ziel zu erreichen. Die passive Resistenz ist ein Ausweg, der wirksamer scheint. Nun spricht im zweiten Januarheft der »Die Zeitschrift« Shyamaji Krishnavarma, der frühere Premierminister dreier indischer Staaten, der erste Inder, der in Oxford den Grad eines Dr. jur. erhielt, der ehemalige Freund Lord Morleys - der allmächtige Führer der indischen Bewegung, eine Sprache, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen läßt. Aus der Verbannung heraus kämpft er unermüdlich, in seinem Hause laufen alle Fäden zusammen und eifrig schürt er das Feuer. Aus Frankreich läßt er seine Stimme wie folgt vernehmen:
"250,000,000 Inder. 600 Staaten, in denen 50 Sprachen gesprochen werden. Das ist Indien, in dem 200,000 Weiße leben - Weiber und Kinder mitgezählt. Und ungefähr eine Milliarde Mark hat dies Land jedes Jahr an England »Tribut« zu zahlen. Auf den Kopf jedes Engländers entfallen davon 25 M. Das Durchschnittseinkommen eines indischen Bauern ist aber 40 M., für die er sich ein Jahr lang zu mühen hat vom Morgen bis in die Nacht. Das sind die kalten leeren Daten, die toten, leeren Zahlen, die auf dem Gesicht jeden Engländers den Stolz entstehen lassen auf seine Kolonisierungspolitik, die vor nichts zurückschreckt, nie stille steht und wie eine Saugröhre die reichen Säfte aus dem Lande leitet. Das sind aber auch Zahlen, die eine seltsame geheimnisvolle Sprache reden, die Zahlen, die jedem Engländer, der in Indien lebt und wachen Auges über die Straßen geht, in Sorge und Furcht versetzen. Abends sitzen sie zusammen und raunen, was kommen kann und kommen könne, was kommen wird und was kommen muß. Schicksalsschwer liegt es über Indien. Ein toter stiller Teich, ein dumpfes muffiges Gewässer fängt auf geheimnisvolle Weise an zu steigen und über Land zu treten, und einzelne Tröpfchen sickern hervor und laufen über die Wege. Attentate hier und dort, Verfolgungen, Entwaffnung, das Auffinden von Munitionsvorräten, Gerichtssitzungen, Urteile, die keine Gnade kennen. Erregungen im Lande, Geflüster, aufreizende Schriften fliegen umher, werden gelesen von einzelnen, die jung sind und in der Schule waren. Hunderte stehen hinter ihnen mit glanzlosen Augen und ausgemergelten Gliedern, langen dürren Armen und hören, was jene, die lesen können, entziffern. Dann Exekution. Schrecken und wiederum Stille. Und zwei Monate lang trägt der Engländer in Bombay seinen Kopf wieder höher, schiebt entschlossener einen Farbigen aus dem Wege und sorgt, daß die Saugröhren noch besser arbeiten. Aber die europäische Kultur ist es, die Indien die geistigen Waffen in die Hand drückt. Das weiß Indien und dankt es Europa.
Nicht gegen Europa und gegen europäische und nur gegen England. Kultur wendet sich der Kampf, sondern gegen England. Hindus und Weiße gehören nicht zusammen, und wenn die Zeit es fügt, daß der Hindu den Trieb empfängt, nicht nur Sklave zu sein, sondern auch als Mensch menschlich zu leben, dann ist es eben ein Konflikt, dem die baldige Lösung folgt. Was hat Indien, wenn es sich auf sich selbst besinnt, von Englands Oberherrschaft gehabt? Das ist nicht sehr viel. Geduld hat es gehabt. Das muß man verstehen, und man muß sich die Zahl 100,000, die jedes Jahr an der Hungersfront sterben, vorstellen, um zu verstehen, daß eine verzweifelte Energie in dem Volke erwachte. Alles, was im Lande produziert wird, kommt England zugute. Die Hungersnöte sind keine Naturnotwendigkeiten, sondern Folgen des englischen Regiments. Daß dieser Gedanke angefangen hat, bei den Indern Eingang zu finden, ist das schlimmste, was England widerfahren konnte. Rußland hat es mit einer nationalen Bureaukratie zu tun. Das läßt sich ertragen. Aber wie schrecklich wird die Unterdrückung von einem Fremden empfunden, der das Volk, das er unter seinen Klauen hat verachtet und verabscheut. Man muß immer daran denken, daß die Inder ein Kulturvolk sind und etwas anderes als Wilde. Dann wird man auch verstehen, was dieser Kampf gegen England bedeutet."
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[Orthografie im Original belassen]