Der Frauenarzt von Bischofsbrück - von Alfred Marquart und Herbert Borlinghaus, gesendet im Südfunk Stuttgart 1982- 1984
Klappentexte:
Teil 1
Die Odysee eines jungen, sympathischen Frauenarztes. Verfolgt von der Mafia und der politischen Polizei. Mutter Maria von den Heiligen Wassern steht ihm bei Auch ein italienischer Staatsanwalt und der Fußball-Bundestrainer haben die geheimnisvolle Schneekugel. Böse Machenschaften bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Spanien. Tenno, der Alm-Ötti, seine Ziege Heidi und Radio 3 Bischofsbrück spielen bei alledem eine wichtige Rolle.
Teil 2
Langerwartet: der zweite Teil der Abenteuer des jungen sympathischen Frauenarztes. Dr. Borg in den Klauen des wahnsinnigen Psychiaters Dr. Frankenstein, in der Gewalt der rechtsradikalen Wehrsportgruppe Rüstig - nur die Liebe zu einer schönen Frau kann ihn erlösen.
Fortsetzung folgt!
Teil 3Dr. Borg ist wieder da - auf Gut Weinstein nimmt er den verhängnisvollen Schluck Triollinger, der für einen anderen tödlich ist. Wieder wird der junge sympathische Frauenarzt gejagt, von der Polizei und der Mafia. Wieder gerät er in gefährliche Situationen, wieder steckt kein anderer dahinter als Dr. h.c. Gerd-Rüdiger Peschke, von seiner jungen schönen Frau Marilyn G.R. getauft...
Verführerische Frauen, Moderatoren des KDF, die gesamte Redaktion von Radio Bischofsbrück, der Bundeskanzler und der Bischofsbrücker Oberbürgermeister, Disco-Bienen, Schweizer Bankiers, ein Monsignore, die Killer Aglio und Olio, die Frauengruppe, zwielichtige Jura-Professoren und Kriminalbeamte spielen ihre Rolle. Und mittendrin der Frauenarzt von Bischofsbrück - ergreifendes menschliches Schicksal im Wirbel der Zeit.
Teil 4
Der junge sympathische Frauenarzt als Statist in Bayreuth — wer hätte das gedacht? Doch bald muß er weiterfliehen: vor Polizei und Mafia. Er verunglückt mit Fußballstar Hansi Knüller, als der heißes Geld im Auftrag eines Schweizer Bankiers namens Stützli nach Zürich bringen will, er gerät in eine Fehde zwischen zwei Londoner Gangsterbanden und zwei seit Jahrhunderten verfeindeten schottischen Clans.
Er steht zwischen zwei Frauen — seiner angetrauten Diana und der schönen Marilyn, er schlägt sich mit den Maflakillem Aglio und Olio herum, er deckt Schmutzereien eines chemischen Konzerns auf und er steht am Schluß seinem alten Widersacher Dr. h.c. Peschke gegenüber.
»Der Frauenarzt von Bischofsbriick« ist noch satirischer, verrückter, grotesker und dramatischer als der Beginn!
Teil 5
Die Odyssee des jungen sympathischen Frauenarztes Dr. Julius Borg geht weiter. Das neue Jahr bringt neue Abenteuer und Gefahren. In der Silvesternacht träumt Dr. Borg von George Orwell, jenem Mann, der dem Jahr 1984 eine besondere Bedeutung gegeben hat. Was George Orwell fantasierte ist heute bereits Wirklichkeit. Dr. Borg gerät ins Netz der Computerfahndung, die von seinem Onkel und Erzfeind Dr. h. c. Gerd Rüdiger Peschke, Mininster ohne Portefeuille in der neuen Regierung, gelenkt und ausgebaut wird. Aber dies ist nicht die einzige Gefahr, die auf ihn lauert: er gerät in die Kämpfe des amerikanischen und sowjetischen Geheimdienstes und schließlich befindet er sich auf der Gigantic, einem Ozeanriesen, der gegen einen Eisberg prallt und untergeht. Kann er gerettet werden?
Teil 6Bischofsbrück in Olympia - und Minister und Bösewicht Peschke mischt mit. Während er unsere Schwimmer dopen will, kämpft Dr. Borg unverdrossen für das Gute. Tiefgefrorener Nußkuchen spielt seine Rolle, Mutter Maria greift ein, Hottah Hegel fällt mit der gesamten Rundfunkausrüstung ins Wasser. Der junge sympathische Frauenarzt darf nach seinen Abenteuern auf dem Atlantik seine fragile Frau und seinen unter Durchfall leidenden Sohn an seine Brust drücken. Wolf Wunnenstein knüpft neue Kontakte - die Mafia mischt mit, Nischni und Nowgorod, die Meisterspione aus dem Vaterland aller Werktätigen, tauchen in Amerika auf, Hubert Hantel spielt den dritten Mann auf dem Wiener Stefansdom. Eine Spionin wird enttarnt und die Medienfrauen greifen ein - kurz: action und Schmerz, Liebesleid und religiöser Wahn, ein Lebensbild aus dem modernen Amerika, ein Spiegelbild unserer Zeit. Wird Hubert Hantel mit seiner 'Carmen'-Sendung zu Rande kommen? Wird Dr. Borg jung und sympathisch bleiben? Aufwühlende Fragen, die ihrer Beantwortung harren.
Ein Vorwort von Iring Fetcher zu Teil 3
Satirische Trivialität - oder triviale Satire?Unvorgreifliche Reflexionen anläßlich des Romans
Ich frage mich, was sich der Süddeutsche Rundfunk wohl gedacht haben mag, als er einen Professor dazu einlud, über den trivial-satirischen Funk-Serienroman einige Gedanken vorzutragen? Ging er davon aus, daß es nichts Trivialeres gibt als einen deutschen Professor? Oder nahm er an, daß ein Hochschullehrer durch die Kompliziertheit der Diktion, zu der er sich - von Amts wegen - verpflichtet weiß, das allzu Eingängige eines Trivialromanes in die Höhen der Unverständlichkeit emporheben wird, vor der bekanntlich - oder trivialer Weise - die Mehrheit der deutschen Bildungsbürger und die ihr Nacheifernden auf den Knien liegen? Ich weiß es nicht. Aber schon diese Bemühungen um ein Verständnis des mir zuteil gewordenen Auftrags ist natürlich unspezifisch für den deutschen Gelehrten. Vielmehr hat er, unbekümmert um die Erwartungen des Publikums, oder wenn auf sie bezogen, so eher in kontrafaktischer Weise auf sie verweisend - sein Thema zu entfalten. Und so habe ich mir denn auch vorgenommen, nicht aus der Rolle zu fallen und zu tun, was Sie vermutlich von einem Professor erwarten. Ich werde vom Hundertsten zum Tausendsten kommen, bei Adam und Eva anfangen und erst gegen Ende in Bischofsbrück landen. Bevor ich aber bei Adam und Eva anfangen kann, muß ich klären, was Trivialität ist und was man unter Satire verstehen kann. Dieser Teil einer Vorlesung wird gewöhnlich "Vorbemerkung", "Vorerinnerung" oder "Einführung" genannt, ich verzichte aber - aus Zeitmangel - auf eine Vorabklärung auch noch dieser Begriffe und stürze mich mitten in die Sache selbst.
"Der Frauenarzt von Bischofsbrück"
In einem der gewöhnlich zuverlässigen Nachschlagewerke finde ich unter dem Stichwort Trivium die Erklärung, daß es sich um die drei "artes inferiores" der mittelalterlichen Universität handelt, zu denen Grammatik, Retorik und Dialektik gehörte. Schulen, so heißt es weiter, die lediglich dieses Trivium lehren, wurden Trivialschulen genannt. An dieser Stelle werde ich in dem druckfertigen Manuskript dieses Vortrags eine Fußnote anbringen, in der ich den Unterschied zwischen Dialektik als Kunst des Dialogisierens und der Dialektik von Hegel und Marx entwickle. Diese Fußnote übergehe ich in meinem gesprochenen Text. Trivial, so viel können wir schon festhalten, war also etwas Niedriges, etwas fürs einfache Volk Bestimmtes. Freilich auch die Grundlage für die höhere Bildung, auf der das Quadrivium aufbaut. Vielleicht ist es nicht unangebracht, wenn ich schon hier auf die Ambivalenz des Trivialbegriffes aufmerksam mache, die darin besteht, daß es sich einmal um eine abwertende Kennzeichnung der auf dieses Niveau limitierten Schulen - zum anderen aber auch um die Benennung der allgemeinbildenden Grundlage auch der höheren Bildung handelt.
Trivialliteratur nun ist - nach der gleichen Quelle - die Bezeichnung von Schriften, die "inhaltlich oder sprachlich - stilistisch ,minderwertig' sind, meist Werke, in denen immer wieder dieselben Themen - Liebe, Abenteuer, Gewalt usw. - in 'abgedroschener' klischeehafter Weise abgehandelt werden." Als Beispiele werden Groschenhefte und Fortsetzungsromane in Zeitungen genannt. Der Funk-Fortsetzungsroman war den Autoren offenbar noch unbekannt. Doch sehen Wir uns diese als wissenschaftlich ausgegebene Definition etwas näher an!
1. "Inhaltlich oder sprachlich-stilistisch minderwertig". Das ist eine bloße, nicht weiter ausgewiesene Wertung, über die man daher ohne weiteres hinweggehen kann. Sprachliche Schwächen können übrigens auch bei den größten deutschen Dichtern nachgewiesen werden, so. z.B. bei Goethe, der in einer von jedem deutschen Gymnasiallehrer zu rügenden Weise mundartliche Aussprache zum Zwecke der Herstellung von Reimen in einem ernsthaften Werk verwendet hat. Ich brauche nur an das bekannte "Ach neische, Du schmerzensreiche ..." im "Faust" zu erinnern oder an den Vers:
"Zum zweiten Mal erblickt er jenes Zeichen.
Ein Kreuz umrahmt von lauter Rosenzweichen."
Auf ähnlicher Ebene liegt die im "Frauenarzt von Bischofsbrück" penetrant verwendete Vergangenheitsform von fragen: "er frug", die zwar nach dem Duden zulässig aber gewiß nicht eufonisch ist. Jedenfalls reicht ein derartiger Lapsus nicht aus, um das Verdikt "trivial" zu konstatieren.
2. "Immer Wieder dieselben Themen - Liebe, Abenteuer, Gewalt". Hier kommen wir der Sache schon erheblich näher, obgleich auch da wieder der Einwand naheliegt, daß doch auch die großen Tragödien der Weltliteratur - man denke nur an König Lear von Shakespeare oder Schillers Dramen - von Liebe, Abenteuer und Gewalt ihr gerüttelt Maß enthalten.
Am nächsten kommen wir der Wahrheit erst mit dem dritten Teil der Definition:
3. "In abgedroschener, klischeehafter Weise". In der Tat, ein Trivialroman arbeitet mit Stereotypen und Klischees. Die Bösewichter pflegen ihre Bosheit schon im Gesicht zu tragen und nebenbei bemerkt in der deutschen und angelsächsischen Trivialliteratur dunkelhaarig zu sein, Die blonden "Guten" sind durch und durch gut und die Bösen abgrundtief bösartig. Grautöne und Entwicklungen der Charaktere fehlen ganz. Das alles gilt nun freilich auch für eine Literaturgattung, die man gewöhnlich nicht zur trivialen zählt - nämlich die Märchen. Die Hexe, der Teufel, der Menschenfresser im Märchen sind so böse wie der Gangster, der Farmachef und der Menschenexperimente machende Psychiater in unserem Roman.
Die gute Fee, der hilfreiche Geist, das mitleidige Tier im Märchen sind ebenso durch und durch gut wie Mutter Maria von den Heiligen Wassern. Der Unterschied zwischen den Märchen und dem Trivialroman besteht allerdings darin, daß im Roman jene edlen und diabolischen Gestalten als realistisch hingestellt werden, während sie im Märchen Wesen aus einer anderen Welt sind. Jene schwarz-weiß-Zeichnung von menschlichen und übermenschlichen Wesen hilft Kindern bei ihrer Orientierung in der Welt. Auch wenn sie später lernen, daß in der Wirklichkeit die Grautöne überwiegen, richten sie sich doch immer wieder gern an der " heilen" Welt der Märchen oder auch der Trivialliteratur auf, in der - jedenfalls meist - das Gute siegt und der Böse oder die Bösen ihre gerechte Strafe empfangen. Bei dieser Gelegenheit kann ich es mir nicht verkneifen, den beiden Autoren des "Frauenarztes von Bischofsbrück" nahezulegen, auch dem zwielichtig-bösen Konzernchef Dr. Peschke ein verdient unglückliches Ende zu bereiten. Am besten würde dieses Ende mit einer - aus Reue über begangene Untaten erfolgten Übereignung der Firma an das Kloster der Mutter Maria von den Heiligen Wassern - kombiniert. Die Reue dürfte aber nur der späten Gewissensentlastung des Sterbenden - nicht der damit kaum "verdienbaren" Rehabilitierung des Chemiebosses dienen.
Ich fasse unsere Überlegungen zum Thema Trivialität zusammen: trivial nennen wir eine Erzählung, die in klischeehafter und stereotyper Weise unveränderliche Charaktere vorführt, die entweder radikal böse oder radikal gut sind und deren Schicksal im wesentlichen ihrem Wert korrespondiert. Daraus folgt, daß die spezifische Befriedigung des Trivial-Roman-Lesers eine moralische ist. Er freut sich darüber, daß die Bösen bestraft, die Guten belohnt werden, grade weil es in seiner Alltagserfahrung in der Regel nicht so ist. Die Lektüre des Trivialromans entlastet also, sie entlastet Erwachsene, die immer wieder erleben müssen, daß Gauner und Halunken, Schlaumeier und raffinierte Verbrecher ihrer Strafe entgehen, während harmlose Rechtsbrecher in die Mühle der Justiz geraten und Unschuldige von mächtigen Mafia-Bossen ausgebeutet werden. Der Trivialroman ermöglicht eine Flucht aus der unmoralischen Wirklichkeit in eine bessere, moralisch-heile Welt, Aber paßt denn das Schicksal der guten Anna Tortelloni in dieses Schema? Sie ist doch eine gütige Liebende und riskiert obendrein ihr Leben, indem sie ganz allein zu dem mächtigen Gangster Don Vitello Tonnato geht? Jeder Kenner einschlägiger nordamerikanischer Trivial-Krimis wird diesen Einwand sofort zurückweisen können. Annas Schuld besteht - das ist ganz eindeutig - in ihrer sexuellen Leidenschaft. Sie tritt aus der puritanisch geforderten Rolle des sittsamen Weibes heraus und erklärt von sich aus ihre Liebe zu Dr. Borg, der damit offenbar überfordert wird. Sie tritt einem Mann zu nahe und noch dazu einem so reinen Helden wie unserem Dr. Borg, den das Schicksal und die Verfasser für die zarte, blonde, diskrete, ätherische Gräfin von Retzlow vorgesehen haben. Ihr Tod ist freilich tragisch, nicht einfach eine "Strafe", In dieser Tragik kommt der Widerspruch zwischen der unerlaubten Lüsternheit, die nicht zum Ziele führen darf und der edlen Opferbereitschaft für den Geliebten, die Anerkennung verdient, zum Ausdruck. Der Suizid ist hier die einzig mögliche Lösung. Anna bewahrt ihre Würde und wählt diesen tragischen Ausweg, weil sie außerstande ist, ihrem sizilianischen Ehrenkodex Folge leistend Dr. Borg umzubringen. Eine Tat, die ihr natürlich auch unsere Autoren versagt hätten.
Nach dieser vorläufigen Klärung der Trivialität wende ich mich dem Problem der Satire zu. Ich darf mich hier, wie das bei Professoren üblich ist, auf eigene Forschungen beziehen, die im Vorwort zu meinem Buch "Der Nulltarif der Wichtelmänner", Düsseldorf 1982 niedergelegt sind. Bei Quintus Horatius Flaccus (gewöhnlich schlicht Horaz genannt) findet sich die folgende Definition der Satire: "Die meisten sagen, die Satire habe ihren Namen von der Schüssel bekommen die, gefüllt mit verschiedenen Feldfrüchten (satura lanx), in den Tempel der Ceres gebracht wird; also auch diese Dichtung hat man deswegen Satire genannt, weil sie ebenso mit vielen verschiedenen Dingen vollgestopft ist, um die Hörer zu sättigen". Ich verzichte auf einen nähere Untersuchung dieser horazischen Herleitung und übergehe die interessante Frage, was die Satire mit der altitalienisch-römischen Gottheit der Feldfrucht Ceres möglicherweise zu tun hat, um mich sofort den historischen Exempeln der Satire zuzuwenden. Es könnte aber immerhin sein - soviel erlaube ich mir doch anzumerken - daß Satiren etwas mit Fruchtbarkeit, womöglich gar mit der Verteidigung der Ökosfäre zu tun haben, ihre zweifellos vorhandene Aggressivität wäre dann höchst aktuell als im Dienste des Lebens stehend legitimierbar.
Bald jedoch, das heißt im alten Rom, verstand man unter Satiren Spott und Schmähgedichte in Hexametern, die lateinische Dichter wie Juvenal und Persius - außer dem schon erwähnten Horaz - in großer Zahl schrieben, um die Laster ihrer Zeitgenossen halb scherzhaft, halb ernst anzugreifen und anzuprangern.
Satiriker, so kann man sogleich feststellen, sind Moralisten. Sie verteidigen die traditionelle Moral gegen die ausschweifenden Absonderlichkeiten priviligierter Zeitgenossen, sie messen das Verhalten von Würdenträgern und Machthabern an den von jenen selbst offen verkündeten moralischen Standards. Sie entrüsten sich und schimpfen - wenn auch zumeist in gewählter und gehobener Sprache oder gar in Hexametern. Blütezeiten der Satire waren daher stets die Verfallszeiten der öffentlichen Moral. Im späten Rom oder in der Renaissance wimmelte es geradezu von Satirikern und auch das ausgehende neunzehnte Jahrhundert sowie das unsere ist der Satire nicht ungünstig gewesen. Die lateinischen Satiriker verteidigten - indirekt - die altrömische Virtus, die Satiriker der Renaissance und des Reformationszeitalters - an erster Stelle Erasmus von Rotterdam - stellten die Unbildung, die Prunksucht und die Frivolität der hohen geistlichen Würdenträger an den Pranger und Bertolt Brecht entlarvt im "Dreigroschenroman" die Scheinheiligkeit und den Scheinpatriotismus des geldgierigen Londoner Bürgertums. Immer sind es Kontraste, die zum Spott und zur Bloßstellung reizen: der Kontrast zwischen den tugendhaften Worten und lasterhaften Handlungen, zwischen gelehrtem Geschwätz und abgrundtiefer Unbildung, zwischen frommem Gebaren und praktiziertem Unglauben, zwischen patriotischen Bekenntnissen und Demonstrationen und der skrupellosen Plünderung der Staatskassen durch Heeres-und Marinelieferanten, usw.
Als geborener Schwabe in Stuttgart redend kann ich an dieser Stelle nicht umhin, auf den größten Sohn dieser Stadt und dieses Landes, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, wenigstens einen kurzen Blick zu werfen. Bei diesem Filosofen finden wir sowohl eine scharfsinnige systematische Einordnung der Satire in sein System der Ästhetik als auch eine - historisch widerlegte - Behauptung von deren Obsoleszenz. Ich zitiere:
"Die Kunstform, welche die Gestalt des hervorbrechenden Gegensatzes der endlichen Subjektivität und der entarteten Äußerlichkeit annimmt, ist die Satire, mit welcher die gewöhnlichen Theorien niemals haben zurecht kommen können, indem sie stets in Verlegenheit bleiben, wo sie dieselbe einschieben sollten. Denn vom Epischen hat die Satire gar nichts, und zur Lyrik gehört sie eigentlich auch nicht, indem sich im Satirischen nicht die Empfindung des Gemüts ausspricht, sondern das Allgemeine des Guten und in sich Notwendigen, welches zwar mit subjektiver Besonderheit vermischt, als besondere Tugendhaftigkeit dieses oder jenes Subjekts erscheint, doch nicht in freier ungehinderter Schönheit der Vorstellung sich genießt... sondern der Mißklang der eigenen Subjektivität und deren abstrakte Grundsätze, der empirischen Wirklichkeit gegenüber, mißmütig festhält, und insofern weder wahrhafte Poesie noch wahrhafte Kunstwerke produziert. Deshalb ist der satirische Standpunkt nicht aus jenen Gattungen der Poesie zu begreifen, sondern muß allgemeiner als diese Übergangsform des klassischen Ideals gefaßt werden." (WW G Bd. 13 S. 115-116)
Hegel hat ganz richtig erkannt, daß der "satirische Standpunkt" nicht an eine bestimmte literatische Gattung - wie das Gedicht in Hexametern - gebunden ist. Wir rechnen heute Romane wie den "Don Quixote" des Cervantes oder Brechts "Dreigroschenroman" ebenso zu den Satiren wie Schauspiele - etwa den "Geizigen" oder den "Tartuffe" des Molière, Reportagen wie die des Edlen von Goldeck, Kunstmärchen und alle möglichen anderen Formen der literarischen Produktion. Freilich dürften wir Hegels historische Verortung der Satire an den einzigen Platz des Übergangs vom klassischen Ideal der Griechen zur römischen Prosa in ihrer Verfallszeit nicht mehr akzeptieren und aus diesem Grunde die Bemerkung Hegels ablehnen "heutigen Tages wollen keine Satiren mehr gelingen. Cotta und Goethe haben Preisaufgaben auf Satiren gestellt; es sind keine Gedichte dieser Gattung eingegangen." Leider gibt es heute keine solche Preisausschreiben, an denen sich sowohl die Verfasser des "Frauenarztes von Bischofsbrück" als auch Ihr Redner gern beteiligen würden. Vor allem aber schreibt die Wirklichkeit selbst heute Satiren, hinter denen die Autoren manchmal atemlos und doch vergeblich hinterherrennen. Um diese Behauptung wenigstens durch ein kleines Beispiel zu untermauern, möchte ich aus meiner eigenen Erfahrung berichten. Vor fünf oder sechs Jahren hatte ich - in satirischer Absicht - ein " Internationales Institut für die Analyse neurotischer Haustiere" gestiftet, in dem sensible Rassehunde, die durch Fernsehreportagen aus der Dritten Welt und über Stadtstreicher magersüchtig geworden waren, einer erfolgreichen und kostspieligen Therapie unterzogen werden sollten. Anlaß für diese Freßverweigerung war die Tatsache gewesen, daß die armen Hunde mit ansehen mußten, wie Stadtstreicher von höchst ungepflegtem Äußeren sich den Inhalt von Hundefutter-Konserven zu Gemüte führten. Kaum hatte ich jedoch jene Satire publiziert, da wurde mir mitgeteilt, daß es solche Therapieinstitute im Lande der unbegrenzten Möglichkeiten und wohl auch schon bei uns längst gebe. In einem anderen Fall konnte ich nur noch die Realsatire kopieren, die darin bestand, daß Schüler eines hessischen Gymnasiums, die Mainwasser in ein Aquarium gefüllt und Goldfische darin ausgesetzt hatten, wegen "Tierquälerei" bestraft wurden, weil die Fische das vergiftete Wasser nicht vertrugen. Ihre Absicht, auf diese Weise die Wasserverschmutzung bloßzustellen und für verbesserten Gewässerschutz zu sorgen, wurde von der Anklagebehörde als irrelevant angesehen.
Hegel wendet gegen Satiren generell ein, daß sie "sich mit der Wirklichkeit wohl in Kontrast bringen, die ... echte Versöhnung im Wahren jedochnicht zu Stande bringen könne" (S. 118). Damit hat er wohl recht. Aber darin besteht doch auch zugleich die Absicht der Satire. Sie will auf die Wirklichkeit einwirken, zur Abhilfe aufrufen, den Widerspruch nicht poetisch vergolden, sondem real überwinden.
"Auf seine Weise kämpft der Satiriker gegen eine Welt, die ihm mißfällt. Er will die Wirklichkeit verändern, aber weniger durch moralische Verurteilungen als durch Bloßstellungen. Um das Unvernünftige, Amoralische, Inhumane an einem Verhalten, einer Institution einem Menschen hervorzuheben, bedient sich die Satire der Übertreibung, der Hervorhebung eines isolierten Aspekts - Verfahren, die allerdings nicht so weit gehen dürfen, daß die Ähnlichkeit mit dem Karikierten darüber verlorengeht." [Vgl. hierzu meine Einleitung zu dem Buch "Der Nulltarif der Wichtelmänner, Märchen- und andere Verwirrspiele", Düsseldorf, Claasen 1982]
Kein Zweifel, Satiren sind eine Form verbaler Aggression. Aber, indem sie verbal bleibt, ist die Aggression zugleich relativ harmlos, entlastet sie psychisch ihren Autor und ermöglicht sie dem Hörenden oder Lesenden sich gleichfalls von seinen Aggressionen zu entlasten. Satiren schaffen Luft. Sie fördern die seelische Hygiene mehr noch - wenn vielleicht auch nicht ganz unähnlich - als Pornografie. In Ländern, in denen Pornografie freigegeben wurde, ist ja - so hört man - die Anzahl sexueller Gewalttaten zurückgegangen. Vermutlich werden Sie meinen Analogieschluß sofort als fehlerhaft ansehen, wenn ich darauf verweise, daß die Iren zu den Meistern der europäischen satirischen Literatur gehören. Unter ihnen ragt wiederum Jonathan Swift hervor, dessen "Bescheidener Vorschlag, wie man die Kinder der Armen hindern kann, ihren Eltern oder dem Lande zur Last zu fallen, und wie sie im Gegenteil eine Wohltat für das Gemeinwesen werden können" [Vgl. hierzu Jonathan Swift, Poetry and Prose, with appreciations by Pope, Johnson, Scott Hazlitt and others, with an Introduction and Notes by Herbert Davis, Oxfort 1964 "A Modest Proposal for Preventing the Children of Ireland from being a Burden to their Parents or Country and for making them beneficial to the Publick" (1729) S. 84-92] zu den grausamsten Satiren zählt, die ich kenne. Der Dubliner Pfarrer Swift berichtet nämlich in dieser kleinen Schrift - ohne jedes Anzeichen von Humor oder Ironie - von einem Plan, wie man durch Verkauf gut genährter irischer Babys an reiche Engländer mit einem Male die ökonomische Misere des Landes beheben und obendrein den Engländern zu einer neuen Delikatesse verhelfen könnte. Auf diese Weise würden jene jungen, unschuldigen Babys "zu der Ernährung und teilweise auch der Kleidung vieler Tausender beitragen ... statt ihren Eltern und der Gemeinde zur Last zu fallen und ihr ganzes übriges Leben an Nahrung und Kleidung Mangel zu leiden. "Man kann sich kaum einen schärferen Angriff auf die englische Ausbeutung Irlands und zugleich auf die sich eben erst durchsetzende neue ökonomische Denkweise des Zeitalters vorstellen, als ihn dieser irische Autor unternommen hat, Und doch kann man kaum davon sprechen, daß die manifeste Aggressivität damit aus dem irisch-englischen Beziehungen verschwunden wäre ... Vielleicht war und ist noch immer zu viel Konfliktstoff vorhanden oder fehlt es zur Zeit an geeigneten, aggressiven irischen Satirikern ...
Als sich die Satiren noch nicht gegen die Engländer richteten, schrieben und sangen die Iren übrigens Satiren auf Ratten und Mäuse und waren fest davon überzeugt, daß man sie auf diese magische Weise bannen und überwinden könne.
Betrachten wir nun die satirischen Aspekte unseren Trivial-Radio-Fortsetzungsromans vom Jungen, sympathischen Frauenarzt von Bischofsbrück", so stellen wir fest, daß die Aggressivität hier durch Ironie und Selbstironie erheblich gemildert und damit auch - während der kurzen Pausen der Alltagsarbeit - erträglich gemacht worden ist. Immerhin tragen jene satirischen Momente zum Vergnügen, das diese Sendungen gewähren, nicht unerheblich bei. Wie gern findet man Verhaltensweisen und Typen - karikiert und bloßgestellt - wieder, denen man auch im alltäglichen Leben schon begegnet ist. Wie komisch und lächerlich wirkt nicht der moderne Künstler Thomas Klötzer mit seinen geometrischen Figuren oder mit seinem "Kunstwerk des Tages", "einem Zipfel Wurst auf einem fettigen Teller, mit etwas Senf, Messer und Gabel kunstvoll drapiert"? Am eindruckvollsten ist dabei der ingeniöse Titel des Kunstwerks "Künstler-Mahlzeit (unterbrochen) ". Man kann sich natürlich fragen, ob diese "Entlarvung" nicht eher in den Trivial-Aspekt der Romanserie als in den satirischen gehört, drückt sie doch - zumindest auch - das verbreitete Unverständnis des großen Publikums gegenüber moderner Kunst aus. Aber auch wenn hier die Motive der Hörer vermutlich gemischt sein dürften, ist den Verfassern zumindest insoweit Recht zu geben, als es heute allzu viele Mitläufer der jeweiligen Moderne und Avantgarde gibt, die zwar eine "Masche drauf haben", aber kaum einen neuen Aspekt der Wirklichkeit sichtbar machen oder für uns erschließen, wie es die genuine Aufgabe der Kunst ist. Ich nehme an, daß Thomas Klötzer zu diesen Mitläufern gehört und habe mich daher auch nicht gewundert, als er ohne viel Zögern in den Dienst des Farmabosses überging. Freilich hätten sich Künstler vom Typ jener glatten, geschleckten und präziösen Modernität hierfür weit besser geeignet, deren Produkte man seit einiger Zeit nicht mehr in Galerien, sondern vorzugsweise in Flughäfen, Kaufhäusern und Luxushotels bewundern kann.
Eindeutig satirisch sind natürlich der Farmaboß selbst und seine Geschäftspraktiken. Aber auch die allzuliebe - makellose - Mutter Maria von den Heiligen Wassern ist nicht ohne ironisch-satirische Färbung gezeichnet, von der ätherisch-vornehmen Gräfin einmal ganz zu schweigen. Schließlich kommt der Analytiker des Serien-Romans zu der Einsicht, daß im Grunde die Serie selbst eine Satire auf den Trivialroman ist. Ganz ähnlich wie es Satiren auf Wildwestfilme und auf Kriminalfilme gibt, die zugleich als Western und Krimis genossen werden können, haben wir es im "Frauenarzt von Bischofsbrück" im Grunde gar nicht mit einem Trivial-Fortsetzungs-Funk-Roman zu tun, sondern mit einer Trivial-Fortsetzungs-Funk-Roman-Satire. Zum Glück ermöglicht es die deutsche Sprache durch die Bildung eines solchen Bindestrich-Wortes eine neue, bisher in der Literaturgeschichte noch völlig unbekannte Gattung aus der Taufe zu heben. Es kann ja sein, daß die beiden verdienten Verfasser es selbst noch gar nicht gewußt haben, als sie - in Bierlaune und durch den Erfolg von Hedwig Courths-Mahler und Eugenie Marlitt angespornt - ihr Projekt entwarfen. Aber einmal am Werke gab es dann kein Halten. Sie mußten der Aggressivität nachgeben, die sie in sich - wie wir alle - angesammelt hatten und drückten sie auf mannigfaltige Weisen - sozusagen zwischen den Zeilen - aus: sie karikierten ihre Kollegen und sich selbst durch die fixen Reporter und Sendeleiter von Radio Bischofsbrück, das mir manchmal als eine Kombination von Stuttgart und München erschien. Denn Stuttgart alleine konnte es - schon wegen des Bischofs - nicht gut sein; sie nahmen das Klischee vom gutaussehenden Frauenarzt auf die Schippe und machten ihn obendrein so aseptisch wie er heute selbst in Trivialromanen nicht mehr ist; sie ließen italienische Gangster und Gaststättenbesitzer auftreten, deren Namen an italienische Gerichte erinnern und gaben zugleich den Vorurteilen Ausdruck, die angeblich so beherrschte und kühle Nordländer heißblütigen Südländern gegenüber entwickelt haben. Sie tauften die Mafia-Killer auf den Namen Öl und Knoblauch (Olio und Aglio) und spielten damit auf die Eigentümlichkeiten einer mediterranen Küche an, die manchen Bundesdeutschen fast so suspekt sind wie die Mafia selbst. Kurz, sie ließen kein Klischee aus und übertrieben jedes, sodaß aus der Trivialität schließlich eine Satire wurde. Damit erlaubten sie dem Kenner die Satire und zugleich dem Banausen die Trivialstory zu genießen. Oder vielleicht sollte ich lieber sagen, sie ermöglichten es selbst noch dem gebildeten Kenner, sich dem Genuß der Trivialstory hinzugeben, ohne das Gefühl haben zu müssen, er gehe unter sein Niveau. Er konnte sich in diesem Fall bequem vor sich selbst und anderen rechtfertigen, indem er behauptete, es komme ihm nur auf die Satire an: die Satire auf die Polizei, die Unschuldige verhaftet und den, der einmal auf der Fahndungsliste steht, ohne Unterlaß verfolgt, die Satire auf die Psychiater, die - wie Dr. Frankenstein - Menschen als Versuchsmaterial mißbrauchen, die Satire auf die Staatsanwälte Knall und Fall, die sich - um der Karriere willen - zu profilieren suchen, die Satire auf jene verbotenen Rechtsradikalen, die sich in Sehnsucht nach einem tausendjährigen Reich verzehren und so weiter und so weiter.
Sie werden von mir jedoch nicht nur reines Lob erwarten. Aus diesem Grunde muß ich noch auf eine manifeste Schwäche unserer Autoren kurz eingehen, die vermutlich mit ihrem Geschlechtscharakter zu tun hat. Sie haben nämlich die Repräsentantinnen der Frauenbewegung durchaus mit den vorurteilsvollen Augen der Antifeministen gesehen. Schon die Verbindung von Enttäuschung über einen Mann und Hinwendung zu den feministischen Schwestern, die obendrein bei der Gräfin von Retzlow nur höchst oberflächlich bleibt, ist eher diffamierend zu verstehen. Auch das Filmprojekt, das eine Reihe von pissenden Männern zeigen soll, kann nur als Herabsetzung der Anti-Penetrations-Losung radikaler Feministinnen verstanden werden. Am Ende aber - und das deutet nun wieder auf den dominanten Trivialaspekt hin - schwärmen die emanzipierten Damen gar noch für die Hochzeit des edlen Paares und wischen sich verschämt die Tränen ab. Nein, diese Feministinnen sind keine Vorbilder! Sollten sie satirisch gemeint sein, so in diffamotorischer, nicht in gesellschaftskritischer Absicht!
Eine Möglichkeit der Rettung gibt es allerdings auch für diese Seite unseres Romanwerks. Es könnte nämlich sein, daß sich die Autoren gar nicht über die Feministinnen, sondern über die klischeehaften Auffassungen vom Feminismus lustig machen wollten, die in unserer nach wie vor patriarchalischen Gesellschaft verbreitet sind. Dann wäre ihnen auch hier die Satire gelungen. Freilich bleibt mein persönlicher Eindruck ambivalent.
Das Beispiel der Feministinnen zwingt uns jedoch zu einer Präzision. Es gibt nämlich offenbar zwei Dimensionen des Satirischen in diesem unseren Trivial-Fortsetzungs-Roman: Eine Ebene, auf der sozusagen hinter dem Rücken der Trivialstory satirisch Kritik an Zuständen unserer Gesellschaft geübt wird: an der Polizei, an der Staatsanwaltschaft, an der Farmaindustrie, an Rundfunkredaktionen und psychiatrischen Kliniken. Und eine zweite Ebene, auf der die Weltsicht des Trivialromans selbst satirisch übertrieben und damit zugleich bloßgestellt wird. Diese zweite Dimension hebt dann die erste auf - sei es nun zum Vorteil (wie im Fall der Feministinnen) oder zum Nachteil (wie bei den Staatsanwälten Knall und Fall, deren Komik dann eher auf das Konto der Böswilligkeit des Publikums und der Leser bzw. Hörer von Trivialromanen ginge als auf ihr eigenes ...). Nehmen wir an, die Autoren seien sich dieser Ambivalenz selbst nicht recht bewußt gewesen. Wie jedes große Werk ist dann eben auch das ihre zwei- und mehrdeutig!
Als Satiriker gehören unsere beiden Autoren in den Kreis der großen Literatur. Gegen Hegels Verdikt, daß "heutigen Tages" keine Satiren mehr gelingen wollen", haben sie die Vitalität einer von Stuttgarts größtem Denker dem Untergang geweihten Kunstgattung erwiesen. Wenn es in der Welt gerecht zuginge, aber - Sie wissen ja schon - das geschieht nur im Trivialroman, müßten sie deshalb den Hegel-Preis erhalten. Denn wie kann man einen großen Denker mehr ehren, als indem man beweist, daß er sich geirrt hat? Da sie aber wenig Aussicht auf diesen bierernsten Preis haben, sollten sie wenigsten den demnächst zu stiftenden Hedwig-Courts-Mahler-Eugenie-Marlitt-Gedächtnis-Preis erhalten, oder vielleicht eine Jonathan-Swift-Medaille für Satiren? Um diesen Vorschlag zu begründen muß ich noch einmal auf den Titel meiner Rede zurückkommen: satirische Trivialität oder triviale Satire? Nach allem was ich gesagt habe, werden Sie sich nicht wundern, wenn ich mich für die erste Alternative entscheide, es handelt sich um eine "satirische Trivialität". Aber halt, kann es so etwas denn überhaupt geben? Als ein ausgebildeter Filosof muß ich hier zunächst noch einmal nach den Bedingungen der Möglichkeit einer satirischen Trivialität überhaupt fragen. Das heißt danach, ob es möglich ist, daß ein Roman, eine Erzählung, ein Hörspiel zugleich trivial und satirisch ist? Trivial, das heißt banal, gewöhnlich, klischeehaft, aber auch naiv-ernsthaft verlogen, schein-realistisch. Was die Klischeehaftigkeit anlangt, so könnte Trivialiät sehr wohl mit Satire zusammengehen. Beide übertreiben und halten an unveränderlichen Patterns fest. Der karikierte Geizige in Molières L'Avare ist so wenig einer Entwicklung fähig wie die Gestalten der Bösewichter in Courths-Mahlers Romanen. Aber die Satire ist alles anders als naiv. Sie weiß um ihre Übertreibungen, sie durchschaut den falschen Schein, sie hebt die Widersprüche zwischen Sein und Schein hervor, die vom Trivialroman gerade übersehen werden. Die Verfasser des "Frauenarztes von Bischofsbrück" bringen eine satirische Note in ihren Trivialroman, indem sie die Trivialität übertreiben. Man merkt sehr wohl, daß sie selbst ironisch über ihre Gestalten hinaus sind, das nimmt jenen die Naivität und macht sie zuweilen bewußt komisch, auch dann wenn sie heroisch, liebevoll oder zärtlich sein sollten.
Diese Überlegungen bringen mich zurück in eine Zeit, als ich in Tübingen unter anderem auch Literatur studierte. Unter meinen Hochschullehrem war ein verdienter Hölderlin-Forscher. Eines Tages stand der "Faust" von Goethe auf dem Programm und ich war gespannt, was der Meister zu diesem bedeutenden Werk sagen würde. Das einzige, woran ich mich heute noch erinnere, war, daß er Goethes Produkt einen "Tragelaf" nannte, worunter - soviel ich verstehen konnte - etwas Abwertendes gemeint war. Der "Faust" paßte nicht so recht in das ordentliche Schema der Gattungen. Es war - wie das griechische Wort andeutet - ein "Fabeltier", das die Eigenschaften verschiedener Lebewesen in sich vereinigt [Vgl. hierzu Pauly Wissowa (der kleine) München 1979 Bd. 5: "Tragelafos. Ein der orientalischen Künstlerfantasie entsprungenes Mischwesen aus Bock und Hirsch ... das offenbar auch von Griechen als Ornamentmotiv verwendet wurde ... Bei attischen Komikern war Tragelafos auch Bezeichnung eines Trinkgefäßes unbekannter Form" (Athenaeum, Pavia 11, 500 e) (S. 907). Auf diese Weise könnte man also sogar eine gewisse Verwandtschaft zwischen Satire (im Sinne des Horaz) und Tragelaf konstruieren, doch will ich diesen Gedanken hier nicht weiter verfolgen und ihn meinen Fachkollegen überlassen.] Etwas, das es eigentlich gar nicht geben dürfte. Wenn dieser verehrte Lehrer noch lebte, so würde er vermutlich auch den "Frauenarzt von Bischofsbrück" einen Tragelaf nennen. Nachdem Goethes "Faust" damit abqualifiziert worden ist, sollten sich aber Alfred Marquart und Herbert Borlinghaus darüber nicht weiter grämen.
Mit Hilfe des Tragelaf, so meine ich, läßt sich schließlich auch unsere literaturwissenschaftliche Streitfrage auf elegante Weise beantworten. Es handelt sich weder um eine Satire noch um einen Trivialroman, sondern um ein Tragelaf, ein Fabeltier, das man ebensogut "Trivialsatire" wie "Satirotrivialroman" nenen könnte, und das in einem ordentlichen Gattungsschema so wenig Platz hat wie Goethes Faust! Ob dieses Fabeltier allerdings so lange überleben wird wie das Werk des Frankfurter Dichters, wage ich nicht zu profezeien, ich gebe aber der Zuversicht Ausdruck, daß es im Frühjahr '83 - ganz gleich ob es zu Bundestagswahlen kommt oder nicht - eine Auferstehung und Fortsetzung erleben wird!
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