Welche
Frage ist die Richtige: Bildung für welche Leute? Bildung
für welchen Zweck? -
Wie passen die beiden Fragen zusammen?
Wenn in der freien Marktwirtschaft Bildung
dem Zweck
der Geldvermehrung untergeordnet ist, indem sie ihm verpflichtet ist -
und zwar auf Gedeih und Verderb aller ausnahmslos -, dann empfiehlt
sich eine rigorose Sortierung: Da werden dann auch die Studenten
sortiert, nicht nach Leistungsträgern und
Nicht-Leistungsträgern, sondern nach potenziellen
Leistungsträgern und Nicht-Leistungsträgern. Warum
meinen
denn auch so viele Studenten heutzutage, unbedingt
Wirtschaftswissenschaften und Jura studieren zu müssen? Eben
darum: Sie wollen sich - wie andere über ihre
reichen Eltern
- schon mal durch die bloße Fachwahl als potenziellen
gesellschaftlichen Leistungsträger qualifizieren und
empfehlen,
sie sind ganz im Sinne des gesellschaftlichen Systems berechnend....
[Wie sollte der rund 2500 Jahre alte Konfuzius dieses so weit
fortgeschrittene System auch im voraus begriffen haben?]
Wer die Sortierung ernsthaft in Frage stellen will, muß das
ganze
System in Frage stellen und alle Anstrengung darauf richten. Das
wäre mal eine Leistung, das jenes wirklich verdient
hätte!
[Foto: uniaugsburgbrennt]
(05.12.09)
Kapitalismus -eine Liebesgeschichte
Der Film
von Michael Moore, der
derzeit in den Kinos läuft, bewegt die Zuseher durchaus.
Drastisch
stellt Moore die real existenten Verhältnisse in God's own
country
dar. So weit, so gut. Aber auch nur soweit. Moore konstatiert
angesichts dieser ungeheuerlich erscheinenden Tatsachen einen
Widerspruch zwischen Marktwirtschaft und Demokratie sowie einen
Widerspruch zwischen Unmoral (Gier) und Moral, Unrecht und Recht.
Anstatt zu überlegen, wie beide Seiten
zusammengehören, meint
er, sie fielen auseinander. Er glaubt wohl tatsächlich (noch),
ein
System der Stimmabgabe, also eines damit gegebenen Verzichts auf
Mitsprache, könne Staat und Wirtschaft in eine andere Richtung
zwingen. Das ist ebenso grotesk, wie ihm die Zustände seines
Landes erscheinen. Und auch der Punkt, der ihm einfällt, wenn
er sein
Land von heute betrachtet, gerät ganz schön daneben:
Die
historischen und (inter)nationalen Vergleiche mit dem antiken Rom, mit
dem Japan und dem Deutschland der Nachkriegszeit, mit
Präsident
Franklin Delano Roosevelt, streicht jede Besonderheit ebenso durch wie
jedes allgemeine Prinzip, nach dem Macht und (kapitalistische)
Ökonomie ausgerichtet sind. So tendiert der Film dazu,
Verschwörungstheorien Nahrung zu geben. Des weiteren kommen
die
Trittbrettfahrer der Krise, die dann herausgekrochen kommen, wenn es
gilt, die Schäfchen in ihrer Armut einzufangen, leider
uneingeschränkt gut weg, als da wären ein Bischof aus
Chicago
und ein letzter (Sozial)Demokrat aus Vermont. Ausgerechnet die, die den
Armen Verzicht zu predigen wissen, weil sie längst ihren
Frieden
mit dem System gemacht haben! Und das erste Fazit über die
wahnsinnigen Veränderungen unter Obama wirkt allenthalben
allein
dann großartig, wenn man die Hetze der Rechten, die ihn als
Sozialisten und Verräter der USA hinstellen, ernst nimmt. Bei
Goldman Sachs z.B. kann man zurecht alles viel gelassener sehen. Die
Täuschungen des Volkes über die Regentschaft Obamas
kommen
den Herren der Wirtschaft sehr zupaß. Mit kleinen
"Nachbesserungen", wie sie z.B. die Süddeutsche
Zeitung (v. 25.08.09 in Übereinstimmung mit dem Wall
Street Journal) anmahnt, wird man im Hause Goldman Sachs kaum
weniger gut "leben", d.h. Geschäfte machen können.
(22.11.09)
Dauerwelle
In
ihrer
Spießigkeit kann die AZ
dem
realsozialistischen Nord-Korea sogar etwas abgewinnen und einen
Kurzbericht der Rodong Simmun unkommentiert
einfach so aufschreiben: "...Für
Frauen im 'revolutionären Zeitalter' wiederum schicke es sich
nicht, ihr Haar 'offen und wirr' zu tragen. ... Für Frauen
mittleren Alters seien dauergewellte Haare angemessen. ..."
Dauerwellen sind so ewig gestrig, wie AZ und
nord-koreanische Presse es eben gerne sehen. Anstandswauwaus des
"korrekten Lebensstils" unter sich! (20.11.09)
Depression
heißt
mit einem deutschen
Begriff: Niedergedrücktheit. Dabei stellt sich sofort die
Frage:
Wodurch ist jemand, der sie hat, niedergedrückt. Enkes
Hausfrau
hat »es«
so ausgedrückt: "Ich
habe gedacht, wir
könnten »es«
schaffen."
Aber, verdammt noch mal, was ist dieses ES bloß. Es gibt
Leute,
die an dieser Stelle nicht weiterdenken wollen; hierzu gehört
die
ganze bürgerliche Presse, die schreit: "Krankheit!"
Aus basta!
Nun kann einen eine Gurkentruppe wie Hannover 96 ja in der Tat ganz
schön niederdrücken. Aber daß man sich
selber vor die
DB schmeißt? Wenn ja, dann liegt auf alle Fälle ein
extremer
Fall von »Schraube
locker«
vor, zumal wenn man einen millionenschweren Vertrag in der Tasche hat.
Und ungezählte andere schmeißen sich doch auch fast
täglich vor die Züge, freilich ohne daß die
Medien ein
Aufheben davon machen. Das wäre ja schon Gesellschaftskritik
mit
harten Tatsachen.
In der Tat: Es ist vielmehr das System, das einen auf die ein oder
andere Weise niederzudrücken vermag und das man auch zu zweit
nicht besser aushält. Wie und warum, das steht in einem Psychologiebuch,
das hiermit mal wieder aus dem Schrank geholt zu werden sich lohnt,
wenn man es schon hat - und ansonsten einfach kaufen, da spart man sich
dann auf alle Fälle mal schon eine solche Quatschzeitschrift
wie Psychologie heute (mit dem Sonderheft
"Depression"). (16.11.09)
Dienstmädchen?
Wenn
der Sohn einer
Mutter durch seine Werke unsterblich wird, fällt dessen Licht
auf
seine Mutter zurück. So jedenfalls reimt sich der
bürgerliche
Verstand dessen Größe genetisch - um nicht zu sagen:
rassistisch - zusammen. So hat man sich in der bürgerlichen
Literaturwissenschaft Brechts Mutter wohl als eine Art
Bundesfamilienministerin vorgestellt, also mit zeitraubendem Job, mit
etwa 7 Kiddies und trotzdem alles allzeit im Griff. Doch welch'
Überraschung! Brechts Mutter hatte Depressionen! Das ergab ein
nunmehr vom Leiter der Brecht-Forschungsstätte,
Jürgen
Hillesheim, ausgewertetes Notizheft der Sophie Brecht. "Stets
habe sich die Mutter trotz mehrerer Dienstmädchen
über die
Hausarbeit beklagt, ihr Frühstück im Bett
eingenommen." (Stadtzeitung,
21.10.09) Ja, wenn das nicht die leistungsfeindliche, sozialistische
Veranlagung des Sohnes erklärt, der trotz dieses Handicaps
mütterlicherseits, verdammt gute Gedichte schrieb! Ist das
Leid
nicht existenzieller Bestandteil des Lebens - und nicht etwa des
Kapitalismus - mit dem man einfach fertig werden muß, soll
und
kann, wenn man nur versteht, richtig damit umzugehen? Die
Überführung romantisierten Leids in Dichtung, das
geht schwer
in Ordnung, jedoch nicht eine Ableitung in die Notwendigkeit einer
Kritik herrschender Verhältnisse.
Wie gut paßt es freilich, daß Bertolt bei der
Beerdigung
seiner Mutter nicht zugegen war [laut eigener Aussage hat er sie auf
seine Weise geliebt, sie aber wollte auf die ihre geliebt werden].
Hillesheim dazu: "Brecht
wollte einer Drucksituation entfliehen."
(ebenda) Offenbar, so der Gedanke, wollte sich Brecht von der Lethargie
und den Depressionen seiner Mutter so fernhalten und nicht auf
ebensolche Weise ins Grab gezogen werden; er hatte ja
Größeres vor (sich): Seine Emanzipation von seinen
proletarischen Wurzeln, seinen Aufstieg in den Himmel des
Bürgertums und dessen Theaters...
"Nochmals für
den Kauf der Schriftstücke bedankte sich Hillesheim bei
Bürgermeister Peter Grab." Bei diesen
bahnbrechenden Forschungsergebnissen fällt sogar ein kleines
Licht auf den Kulturreferenten... (01.11.09)
Deutscher Saubermann - deutscher Konzern
Der
schmierige
Siemens-Konzern verpflichtet den auf seine Weise ebenso schmierigen
Joschka Fischer als Berater. Konzern und Ex-Politiker bauen
gleichermaßen auf Skrupellosigkeit für deutschen
Welterfolg.
Und der entzieht sich jeder Geschmacksfrage - welch ein Glück
aber
auch! (24.10.09)
Das Ende des Kommunismus
paßt
dem freien
Westen auch wieder nicht so recht. Da sieht er sich in Form seiner
freien Presse zum hundertsten und tausendstenmal
veranlaßt,
ihn totzuschreiben: Stefan Kornelius z.B. in der Süddeutschen
Zeitung
(01.08.09) entdeckt ihn allen Ernstes ausgerechnet aus Anlaß
einer Wahlniederlage, und zwar der der KP Moldawiens! Daß
diese
forsche Entdeckungsmethode System hat, zeigt auch die Verleihung des
Literaturnobelpreises an Herta Müller. Zu mehr als blankem
Antikommunismus taugt deren Beschreibung damaligen Elends (der Banater
Schwaben) nämlich nicht: Kritik im und für den freien
Westen
buchstabisiert sich nämlich allenthalben zweisilbig: erstens
moralisch und zweitens antikommunistisch. Von den politischen
Umständen und Maßgaben, unter denen das Elend
zustandekam,
wird gekonnt abstrahiert. Ja, in derartiger Weise ist das wirklich
große Kunst. Und wer den Roman Atemschaukel
nicht kennt, kann ja über seinen Inhalt mal kurz nachlesen.
Stilistisch besser als Solschenizyn (was ja nun wirklich keine
große Kunst ist), inhaltlich ähnlicher
Mist. (15.10.09)
Urlaub
= Reproduktion
Eine
Notwendigkeit zur
Wiederherstellung der Arbeitskraft im Kapitalismus! Wie wenig daraus
ein Genußerlebnis wird, liegt darin, daß manche
dafür
gar nicht mehr fähig sind, so kaputt hat sie das
schöne
Wirtschaftssystem der Demokratie gemacht. Und der anderen Seite kommt
es ja auch nur darauf an, den menschlichen Wracks die letzten Groschen
aus der Tasche zu ziehen. So sehen sie dann aus, die
all-inclusive-Pauschalurlaube von TUI & Co. Kein Wunder,
daß
so mancher genervt
aus dem Urlaub
wieder zurückkommt. Wirklich Zeit, daß die
Wissenschaft die
sogenannten Nachurlaubsdepressionen aufarbeitet! (14.09.09)

Zurück
ins Mittelalter
Daß
der Kapitalismus mit seinen atavistischen Zügen die Süddeutsche Zeitung
dazu veranlaßt hat, auch am Mittelalter allerhand gute,
fortschrittliche Seiten zu entdecken, mag allein die
überraschen,
die das Blatt für etwas Besseres halten. Denn daß es
dem
heutigen SZ-Feuilleton bloß
darum gegangen ist, festzustellen, daß es ohne Mittelalter
keine
Neuzeit und ohne Neuzeit kein Mittelalter gegeben hätte,
wäre dem
gebildeten Blatt gegenüber eine unglaubliche Unterstellung.
Wie
anders ist es auch zu verstehen, daß die kulturbeflissenen
Zeitungsmacher in der gleichen Ausgabe Kult-Trottel Kehlmann in extra
hervorgehobener Weise so zitieren: "Wie, wenn die Hexenverbrennungen
berechtigt waren?" Und da das Mittelalter seine positiven Auswirkungen
nicht nur in die frühe Neuzeit hinübergerettet hat,
sondern
auch in die späte, hat man glatt noch die fiese Visage des
Konrad
Adenauer dazu ins Bild gesetzt ("gute Gesichter"). SZ-Niveau eben.
(04.09.09)
Brecht
kennt
jeder, zumindest
dem Namen nach. Ansonsten besteht auch bei ihm sicher Nachholbedarf.
Noch immer liest man in den Schulen vorzugsweise Goethe und Schiller,
als ob diese Moralheinis uns heute noch was zu sagen hätten.
Aber
gut, Kultur wird wie in vordemokratischen Zeiten von oben verordnet und
man darf sie sich nicht einfach raussuchen. Wer aber Brecht schon kennt
und weitere (zumindest ansatzweise) gesellschaftskritische
Schriftsteller kennenlernen möchte, dem seien diese Hinweise
auf US-amerikanische
Autoren der Zwischenkriegszeit empfohlen. (01.09.09)
Die Hüllen fallen gelassen
hat
die Ausstellung
plastinierter Körper, sogar die menschliche Hülle
schlechthin, die Haut. Darüber sich aufzuregen, ist an sich
absurd, auch dann, wenn die Körper im Geschlechtsakt
angeordnet
sind. Plastinierte
Körper, man kann an
ihnen sowohl das
Künstliche, ihre Plastinierung als solche, wie das
Natürliche, ihre pure Menschlichkeit hervorheben. Beides ist -
sowohl getrennt als auch auf die ein oder andere Weise vereint - in der
Menschheitsgeschichte seit Alters her Gegenstand distanzierter wie
involvierter Befassung und macht seine Anziehung aus. Es ist mehr als
dämlich, zum Zwecke der Verurteilung in den ausgestellten
Gegenständen allein Kommerz zu wittern, wie es die Augsburger
Allgemeine
tut, als ob ausgerechnet sie Kritiker
des Kommerzes
wäre (und gegen überregional bedeutsame Messen und
Ausstellungen, die Augsburg zu einem Magneten alllgemeinen Interesses
machen, hat sie ja sonst auch nichts)! [Großes
Gelächter!]Ob J.C., am Kreuze hängend,
wirklich einen »Lendenschurz«
getragen hat, man weiß es nicht. Ob sein Flittchen, Maria
Magdalena, den so Hängenden, noch einen zu blasen versucht hat
oder ihm in Ermangelung erreichbar Höherem wenigstens noch den
Schwanz geküßt hat, man weiß es nicht. Es
würde
auch nichts am Los des »Herrn«
ändern. Ändern würde es allein
etwas an seiner
Mystifizierung, an der Behauptung nämlich, daß mit
ihm die
moralische Integrität schlechthin in die Welt gekommen sei.
Dabei
ist gar nicht bestritten, daß J.C. als wandelnder Moralist
sich
betätigt hat, das taten und tun viele, manche mit mehr, manche
mit
weniger Erfolg. Was das institutionalisierte Christentum dann aus eben
diesem J.C. gemacht hat, ist genau diese Mystifizierung, der mit Beginn
der Neuzeit der Lack abzublättern begann. Es sei an
Michelangelo
erinnert, der der erste war, der die Madonna
mit dem Kinde
in all ihrer fraulichen Natürlichkeit dargestellt hat, ihr
also
das Göttliche genommen und gewissermaßen
gleichzeitig
zurückgegeben hat (zu sehen in der Liebfrauenkirche zu
Brügge; ca. 1501/4, siehe Abbildung). Mit der zunehmenden
Kapitalisierung der
Welt
ging dann auch eine Veränderung des aufkommenden Naturalismus
einher. So wurde zum Beispiel in der eben erst 100 Jahre alt gewordenen
Stilrichtung des Futurismus, die Bewegung, die Dynamik, die
Motorisierung des maschinellen Zeitalters explizit in die Darstellung
aufgenommen. Der »Godfathe