Indonesien 1965: Amtshilfe für einen blutigen Putsch

Am 17. August feierte Indonesien den 60. Jahrestag seiner Unabhängigkeit. Am 17. August 1945, bereits zwei Tage nach der Kapitulation Japans, hatten Achmed Sukarno und Mohammad Hatta die lange von Holland als Niederländisch-Indien kontrollierte Kolonie für souverän erklärt. Was immer an Freiheit und Demokratie gewonnen wurde, erstickten Offiziere in der folgenschweren Nacht vom 30. September auf den 1. Oktober 1965 in einem Blutbad, dem binnen eines halben Jahres mindestens eine halbe Million Menschen zum Opfer fiel. Choreograf des Terrors war mit Mohamed Suharto ein von den USA protegierter junger Offizier, der am 11. März 1966 Sukarno auch als Präsident nachfolgte.

"Wir hatten Angst vor den großen kommunistischen Führern. Sie verfügten über magische Kräfte, die sie unsterblich machten. Das habe ich mit eigenen Augen gesehen. Man konnte sie noch so sehr schlagen, sie starben nicht. Riß man ihnen die Haare aus, wuchsen ihnen neue. Wir mußten ihnen die Buchstaben PKI mit glühenden Eisen in den Schädel einbrennen, um dieses Wunder zu beenden. Einige starben noch immer nicht. Nicht einmal, als wir Bambussprößlinge in ihre Münder und Ohren pflanzten; nicht einmal, nachdem wir ihnen die Augen ausgerissen hatten. Dann legte man ihnen eine Katze in den Bauch - die Katze ist das Symbol des Tigers -, sie wurden dann verrückt, verloren ihre Zauberkraft und starben." Der das sagte, war nicht einmal 18 Jahre alt, Mitglied der CHAPEAU, der indonesischen Schülerfront, und praktizierender Katholik - der Zauberei und schwarzen Magie nicht abgeneigt. Überliefert hat dies der französische Schriftsteller Philippe Gavi in seinem Buch "Konterrevolution in Indonesien".

Mitglieder und (vermeintliche) SympathisantInnen der Kommunistische Partei Indonesiens (PKI) bildeten die Zielscheibe des seit Anfang Oktober 1965 entfesselten Militär- und Bandenterrors. Noch im Juni 1964 hatte die PKI-Zeitung Harian Rakjat die Zahl der Parteimitglieder mit drei Millionen angegeben. Insgesamt gab es dieser Zeitung zufolge Mitte der 1960er Jahre etwa 18 Millionen Mitglieder und SympathisantInnen. Damit bildete die PKI nach der KP Chinas und der KPdSU die weltweit drittgrößte kommunistische Partei - aus der Sicht einflußreicher konservativer Kräfte im Lande und Washingtons eine veritable Bedrohung.

Indonesiens erster Präsident wollte nach der Unabhängigkeit den Inselstaat politisch einen, sozial befrieden und wirtschaftlich entwickeln. Zu diesem Zweck bildete Sukarno die NASAKOM - eine Allianz aus NationalistInnen, Gläubigen und KommunistInnen. Wenngleich dieses Konzept innenpolitisch scheiterte, hielt Sukarno in der Außenpolitik an einer antiimperialen Politik fest. Er weigerte sich, dem auf Drängen der USA 1954 in Manila geschaffenen Südostasiatischen Verteidigungspakt (SEATO) beizutreten und fungierte stattdessen ein Jahr später als Gastgeber bei der Gründung der Blockfreienbewegung in der javanischen Stadt Bandung. Als überaus kritisch hatte die US-amerikanische Regierung die politische Situation Anfang 1965 eingeschätzt, nachdem die britische Ex-Kolonie Malaysia in den UN-Sicherheitsrat aufgerückt war und Indonesien daraufhin den Vereinten Nationen den Rücken kehrte.

Seit dem Frühjahr 1965 häuften sich Absprachen zwischen indonesischen und US-amerikanischen Militärs, da der damalige US-Präsident Lyndon B. Johnson in Indonesien eine ähnliche Entwicklung wie in Vietnam befürchtete, wo die USA immer tiefer in den Krieg verwickelt wurden. Jedenfalls erhielten hochrangige Militärs freie Hand, sämtliche Hebel in Bewegung zu setzen, um Sukarno politisch kalt zu stellen, linke NationalistInnen, GewerkschafterInnen und KommunistInnen auszuschalten, eine außenpolitische Kehrtwende (in Richtung Westen) vorzunehmen, verstaatlichten Besitz an die früheren ausländischen EigentümerInnen zurückzugeben und das Land gezielt für ausländische Investitionen zu öffnen. Als Termin für den Umsturz war der 5. Oktober 1965 anvisiert. Da dies der Jahrestag der indonesischen Armee ist, würde die Konzentration größerer Truppenverbände am wenigsten Verdacht schöpfen.

Diesem Plan kam ein am 30. September von Oberstleutnant Untung, Chef der Leibgarde Sukarnos, inszenierter Putsch zuvor. Seinen Truppen gelang es, sechs ranghoher Generäle habhaft zu werden und tags darauf über Radio die Konstituierung eines Revolutionsrates bekannt zu geben. Untungs Leute trafen sich auf dem Militärflughafen Halim in der Nähe der Hauptstadt Jakarta. Die sechs Generäle wurden getötet. Am Morgen des 1. Oktober sendete Radio Jakarta wie vorgesehen die erste Nachricht der Putschisten, der nachmittags eine weitere folgte. Dabei wurden die Namen der Mitglieder des neugegründeten Revolutionsrates verlesen, die allerdings von ihrem "Glück" nichts wußten oder der anderen Seite zuarbeiteten. Über den Zweck des Umsturzes wurde lediglich mitgeteilt, daß es gelte, Sukarno zu unterstützen. Es wurde suggeriert, alles sei unter Kontrolle und bedürfe keiner Massenaktion. So dilettantisch der Coup geplant war, so rasch stürzte er wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Was folgte, waren gnadenlose "Säuberungsaktionen", die in erster Linie auf die Liquidierung der Mitglieder der PKI zielten.

Entfesselte Konterrevolution
Ein vom State Department erstelltes Geschichtsbuch über die Rolle der USA im Indonesien der 1960er Jahre ("Die auswärtigen Beziehungen der Vereinigten Staaten, 1964-68, Band XXVI: Indonesien; Malaysia-Singapur; Filippinen"), das gut 35 Jahre nach dem Putsch in den Besitz des Nationalen Sicherheitsarchivs der George Washington University gelangte und von ihr veröffentlicht wurde, dokumentiert auf 570 Seiten die intensive Verkettung staatsterroristischer Schurkereien auf Gegenseitigkeit. So leitete beispielsweise die US-Botschaft in Jakarta am 13. November 1965 Informationen der indonesischen Polizei weiter, wonach "jede Nacht zwischen 50 und 100 PKI-Mitglieder in Ost- und Zentraljava getötet" wurden, und kabelte am 15. April 1966 die Notiz nach Washington: "Wir wissen - ehrlich gesagt - nicht genau, ob die tatsächlich Zahl (getöteter PKI-ler) näher bei 100.000 oder bei 1.000.000 liegt, doch wir halten es für klüger, vor allem im Falle von Nachfragen seitens der Presse, von der niedrigeren Schätzung auszugehen." Auf Initiative des Außenamtmitarbeiters Richard Cabot Howland verständigte man sich 1970 auf die Zahl von 105.000 getöteten Personen.

Der damalige US-Botschafter in Jakarta, Marshall Green, informierte am 10. August 1966 die Behörden in Washington, man habe eine von der Botschaft erstellte Liste von führenden PKI-Kadern den indonesischen Sicherheitskräften übermittelt, denen es offensichtlich an solchen Informationen mangelte. Am 2. Dezember 1965 gab Green in Absprache mit William P. Bundy, seinerzeit im State Department verantwortlich für ostasiatische und pazifische Angelegenheiten, grünes Licht für die Bereitstellung von 50 Millionen Rupiah an die Kap-Gestapu-Bewegung, die als "eine von der Armee inspirierte, doch aus Zivilisten gebildete Aktionsgruppe ... die Bürde der andauernden repressiven Maßnahmen gegen die PKI trägt".

"Geschmeidiger Suharto"
Verantwortlich für diese "repressiven Maßnahmen" war Generalmajor Mohamed Suharto, Kommandeur der Eliteeinheit KOSTRAD, der strategischen Reservetruppen des Heeres. Als Magier der Macht verstand er es seit dem 30. September 1965 meisterhaft, potentielle Widersacher auszuschalten und eine ihm geneigte Klientel strategisch zu positionieren - in Führungsetagen von Handel und Industrie ebenso wie in der Politik und innerhalb des Militärs. Wer seit 1965/66 in Indonesien unternehmerisch Fuß fassen wollte, mußte auf Suharto-Getreue als "Berater" zurückgreifen. Eine lukrative Einnahmequelle für den Suharto-Clan, dessen Vermögen das Londoner Wirtschaftsmagazin Economist 1998, als der Ex-General lächelnd von der Bühne abtrat, auf umgerechnet bis zu 40 Mrd. US-Dollar schätzte. Im selben Jahr sackte das jährliche Pro-Kopf-Einkommen in Folge einer schweren Finanz- und Wirtschaftskrise im Lande von umgerechnet etwa 1.000 auf 230 US-Dollar ab. Allein in einem Stadtteil im Großraum Jakarta mußte die Hälfte der dortigen 120 Gesundheitseinrichtungen schließen; es fehlte an Medikamenten.

"Der nach dem Ausscheiden Sukarnos begonnene Wandel in Staat und Gesellschaft", kommentierte beispielsweise das Handelsblatt zum Jahresbeginn 1970 in Erwartung sprudelnder Geschäfte, "ist in Indonesien noch nicht abgeschlossen. Suhartos Verdienst besteht darin, daß er diesen Wandel mit der Geschmeidigkeit und Geduld eines typischen Zentraljavaners ermöglicht hat. Ob er für ,ewige Zeiten' der Retter Indonesiens ist oder auch nur sein will, sei dahingestellt. Das widerspricht seiner Lebensart. Immerhin verfügt Suharto neben javanischer Geschmeidigkeit und Geduld auch über taktisches Gespür und notfalls Entschlossenheit, wie er das bei der Ausschaltung seines Vorgängers hinlänglich bewiesen hat."

Da Suharto politisch als Ordnungsfaktor und Garant westlicher Sicherheitsinteressen in Südostasien geschätzt wurde und als Gebieter über den größten Markt in der Region sowie als gewichtiges OPEC-Mitglied gehätschelt wurde, blieb jede noch so große Schandtat als Kavaliersdelikt bagatellisiert: Das betraf den Militärputsch 1965 ebenso wie die widerrechtliche Annexion Osttimors als 27. Provinz in den Jahren 1975/76.

Mit von der Partie war von Anfang an auch der Bundesnachrichtendienst (BND), der die indonesischen Militärs mit Logistik und Waffen unterstützte. Über die Bundeswehr und den Bundesgrenzschutz gab es für die fernen Freunde - unter dem Vorwand der "Drogenmißbrauchsbekämpfung" - Hilfestellung in Form von Ausbildungskursen für Offiziere an der Bundeswehrakademie Hamburg-Blankenese sowie Spezialtrainings bei der Elitetruppe GSG-9 in Hangelar bei Bonn. (Dort erhielt unter anderen ein Schwiegersohn Suhartos, General Prabowo Subianto, 1981 eine Sonderausbildung. In seine Heimat zurückgekehrt, avancierte Subianto zum Chef der indonesischen militärischen Spezialeinheiten und übernahm zudem das Kommando über das wegen seiner Brutalität gefürchtete "Detachment 81".) Der damalige BND-Chef, Reinhard Gehlen, schrieb nach Suhartos Militärputsch: "Der Erfolg der indonesischen Armee, die ... die Ausschaltung der gesamten kommunistischen Partei mit Konsequenz und Härte verfolgte, kann nach meiner Überzeugung in seiner Bedeutung gar nicht hoch genug eingeschätzt werden."

Geschätzte BRD-Connection
Laut Recherchen des ARD-Fernsehmagazins Monitor vom 10. Oktober 1996 bildete der BND indonesische Agenten in Deutschland aus. Überdies lieferte man aus Deutschland auch militärische Elektronik, zum Beispiel über die BND-nahe Firma Telemit. Die Geheimdienstkontakte sollten sich dermaßen freundschaftlich gestalten, daß der BND in der Deutschen Botschaft in Jakarta sogar eine sogenannte legale Residentur einrichten konnte. Der Zweck dieser BND-intern FB 70 bezeichneten Residentur: enge Zusammenarbeit mit dem Geheimdienst der Suharto-Diktatur. Aus der Bundesrepublik fand ebenfalls massenhaft militärisches Gerät den Weg nach Indonesien, von 39 modernisierungsbedürftigen Fregatten aus Beständen der früheren Nationalen Volksarmee (Gesamtsumme: 650 Mio. US-Dollar) bis hin zu Maschinenpistolen der Firma Heckler & Koch.

Erst als die Suharto-Kleptokratie im Mai 1998 endete und sie dem Land eine Auslandsverschuldung von 134 Mrd. US-Dollar eingebrockt hatte, strauchelte der Diktator. Was ihn nicht daran hindert, bis heute unbehelligt und im Klima extraterritorialer Immunität seinen Lebensabend zu genießen - eine andere Variante der "Terrorbekämpfung".

Rainer Werning
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Dieser Artikel wurde KoKa-Augsburg von der Zeitung Analyse & Kritik - Zeitung für linke Debatte und Praxis freundlicherweise zur Verfügung gestellt. Er wurde dort am 21.10.2005 zum erstenmal veröffentlicht.
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Wie geht Indonesien heute mit seiner Vergangenheit um? Dazu ein taz-Artikel vom 01.10.2005.