Die kommunistische Revolte in Brasilien 1935
1935 schickte die Kommunistische Internationale Luis Carlos Prestes als Anführer des Aufstandes nach Brasilien. Dabei zeigte man in Moskau keinerlei Scheuklappen, was die Auswahl des Führers anbelangte: Denn Prestes war alles andere als ein linientreuer Kommunist, er war ein ungestümer Revoluzzer. Zwar fehlte es nicht an Warnungen, doch seine Popularität in Brasilien er war der Anführer der "unbesiegbaren Kolonne" im "langen Marsch" von 1924 bis 1927 ließ Moskau darüber hinwegsehen. Zumal man sich versprach, ihn entsprechend einbinden zu können. Mit Olga Benario gab man ihm eine mittlerweile renommierte, kommunistisch-geschulte Frau mit auf den Weg. Über die undogmatische Haltung Moskaus freilich ist kaum mehr zu staunen, als über den Dilettantismus mit dem das Projekt einer kommunistischen Revolution in Brasilien durchgeführt wurde. Ob Stalin gar nicht richtig am Erfolg der Mission interessiert war, ist eine müßige Frage, da er mit der Vorbereitung nicht befaßt war. Symptomatisch ist jedoch die Einschätzung, zu der sich die zuständigen Kommunisten (Lateinamerika-Sekretariat der Komintern) damals schon hingearbeitet hatten: Auf die Schaffung eines revolutionären Bewußtseins legten sie keinen besonderen Wert. Sie vertrauten darauf, was ihre Informanten ihnen berichteten, nämlich daß sich die Arbeiter überwiegend und auch Teile der Armee dem Aufstand anschlössen, so sie den Befehl dafür erhielten. In J.M. Shukows berühmter Weltgeschichte heißt es dazu noch im nachhinein: "Parallel zur Volksfront konnte auch die Aktionseinheit der Arbeiterklasse hergestellt werden. Die Allianz vereinigte in ihren Reihen etwa 1,5 Millionen Menschen und bildete ein festes Bollwerk gegen den Faschismus." (Weltgeschichte Band 9, Berlin, DDR, 1967, S.521). Eine Fehleinschätzung sondergleichen. "So {mit der Führungsübernahme durch Prestes} kam es, daß die Partei {PCB} sich das revolutionäre Ziel, die bestehende Ordnung mit Waffengewalt zu stürzen, paradoxerweise zu dem Zeitpunkt setzte, als sie ihre proletarische Basis und eine klassenorientierte Politik aufgab. Daher glich der von den Kommunisten im November 1935 unternommene Unsturzversuch weit mehr einem Militärputsch als einem revolutionären Aufstand." (Handbuch der Geschichte Lateinamerikas, Band 3, Stuttgart, 1996, S. 1081). So mußten viele Kommunisten für die Blauäugigkeit ihrer Zentrale teuer bezahlen. Unter anderem auch die deutsche Kommunistin Olga Benario, eine der hoffnungsvollsten Figuren, nachdem sie sich schon, ihren betuchten Eltern zum Trotz, in jungen Jahren in ihrer Münchner Heimat den Kommunisten angeschlossen hatte. Unter der brasilianischen Vargas-Regierung wurde sie ebenso wie die meisten anderen, am Aufstand Beteiligten festgenommen. Und zu allem Überfluß wurde sie dann 1936, noch vor dem Militärputsch 1937 also (ebenfalls unter Vargas' Führung) Brasilien wurde nach italienischen Vorbild zum "Korporativstaat" erklärt (wo blieb da das feste antifaschistische Bollwerk?) , an Nazi-Deutschland ausgeliefert. Für sie, die ein Kind von Prestes erwartete, begann der Marsch durch die deutschen Gefängnisse und Konzentrationslager, bevor sie in Bernburg im Februar 1942 in einer Gaskammer ermordet wurde. Für die deutschen Faschisten war sie geradezu ein Paradebeispiel für die "jüdisch-bolschewistische Weltverschwörung". Prestes selber wurde 1945 in Brasilien amnestiert und hatte noch ein abwechslungsreiches Leben vor sich, teils in der Legalität, teils im Untergrund, bevor er 1990 als Legende verstarb. Olga Benario wurde in der DDR zur Legende, während sie in ihrer ursprünglichen Heimat im Westen, so gut wie unbekannt geblieben ist. Andere Verschwörer fielen der Vergessenheit gänzlich anheim, Waack folgte auch ihren Spuren.
William Waack, einer der angesehensten politischen Berichterstatter Brasiliens, hat die Hintergünde des Aufstandes in den Moskauer Archiven studiert und sie in seinem Buch "Die vergessene Revolution - Olga Benario und die deutsche Revolte in Rio" festgehalten (Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin, 1994, ISBN 3-7466-8013-1). Schon 1985 hat der Brasilianer Fernando Morais das Werk "Olga das Leben einer mutigen Frau" (Volksblatt Verlag, Köln, ISBN 3-923243-50-2, Besprechung in der taz vom 28.02.1987) vorgelegt, welches freilich noch ohne die Unterlagen in Moskau auskommen mußte und außerdem (oder gerade deshalb) seinen Schwerpunkt auf die Person Olga Benario legt: Während bei Waack die brasilianischen Verhältnisse und die internationalen Hintergründe im Mittelpunkt stehen, schreibt Morais eine gleichwohl nicht minder interessante und spannende Biografie Olga Benarios. Standardlektüre in der DDR war der biografische Roman von Ruth Werner "Olga Benario" (Verlag Neues Leben, Berlin, DDR, 1961, 1976 bereits in der 11. Auflage erschienen), welcher sich durch die romangemäße Romantisierung der Wissenschaftlichkeit großenteils entzieht, als literarisches Werk nichtsdestotrotz lesenswert ist.
Neu auf dem Markt ist die Verfilmung von Olgas Leben, erschienen als DVD und
bestellbar bei www.neuevisionen.de
für 19,99 Euro zuzüglich Versand. Der Film läßt die Hintergründe
der Komintern-Entscheidungen leider gänzlich im Dunkeln, dafür hält
er Jonny de Graaf für einen britischen Agenten, an dem die Revolution letztlich
gescheitert sei (ob die schnell & hervorragend unterrichtete Regierung in
London eine Rolle spielte und, wenn ja, welche, wird sich wohl erst nach Öffnung
der dortigen Geheimakten herausstellen; der Grund für das Scheitern jedenfalls
ist sie mitnichten). Diese These wagt selbst Waack nicht der Experte
kommt in dem Film, leider nur kurz, zu Wort , zu widersprüchlich
sind die Beziehungen der Beteiligten. Der Filmautor Galip Iyitanir macht es
sich hier sehr leicht, ebenso wie die Rezensentin der jungle world in ihrem
lediglich ikonen-kritischen Artikel vom 01.12.2004. Für einen Film, der
sich Dokumentarfilm nennt, in diesem Punkt eher blamabel. Trotzdem sehenswert.
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